Wer starr bleibt, verliert

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Am Rande von Rauenberg treffen zwei Unternehmer aufeinander, die zwar in völlig unterschiedlichen Branchen unterwegs sind, aber beide genau wissen: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Gleich vorneweg, damit keine unnötige Romantik entsteht: Wirklich schön ist es hier draußen, am Rande von Rauenberg, wo sich die viel befahrene Bundesstraße 39 und die noch viel mehr befahrene Autobahn 6 treffen, nicht. Es ist ein dicht besiedeltes Gewerbegebiet mit – wen wundert es – exzellenter Verkehrsanbindung und reichlich Publikumsverkehr. Es gibt Autohändler, ein Möbelgeschäft, der Bauhof ist hier zu Hause, dazu eine Shishabar, einen Mineralölhändler, eine Baumschule, ein Hotel und vieles mehr. Alles schön oval arrangiert um die Straße Hohenaspen: viele Zufahrten, reichlich Parkplätze, ein neo-urbaner Traum zweckdienlicher Funktionalität.

Beste Lage also, eine Konstellation, die potenziell gute Umsätze ermöglicht. Das war nicht immer so, erzählt Unternehmer Michael Spiess. Vor rund 20 Jahren standen hier noch zwei Tennishallen und wenig sonst. Doch Michael sah mehr, schmiedete den Plan, aus den beiden funktionalen Gebäuden einen großen Elektromarkt zu machen – ein Vorhaben, das bei den hinzugezogenen Strategen auf wenig Gegenliebe stieß. „Die kamen dann zu mir, sind mit Schlips und Krawatte rumgegangen. Eine Woche später haben sie mir einen Bericht geschickt, dass der Standort nicht mal zwei bis drei Monate überlebt. Jetzt bin ich halt schon fast 24 Jahre da, und wir überleben immer noch und haben neu gebaut für einen Haufen Geld“, lacht er und lehnt sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück.

Von außen erkennt man die Tennishallen noch immer, von innen erinnert nur noch die üppige Dachkonstruktion an ihre sportliche Vergangenheit. Seit Langem kann man hier Elektroartikel kaufen – offline wie online, ganz wie gewünscht. Zweimal gibt es XXL Spiess in der Region: einmal hier bei Rauenberg, ein weiteres Mal bei Sankt Leon-Rot. In beiden Filialen steht ein Spiess am Steuer, Junior und Senior, ein echter Familienbetrieb. Zwischen beiden Niederlassungen liegen nur wenige Kilometer, doch die braucht es auch, zwinkert Michael Spiess – ein bisschen Abstand, damit die zwei „Alphatiere“ jeweils genug Platz haben.

Zusammen kommen sie zwar auf eine dreistellige Zahl an Mitarbeitenden und zehntausende von Kundinnen und Kunden, dennoch sind sie, bezogen auf den überregionalen Elektrofachhandel, vergleichsweise kleine Spieler am Markt. So klein, dass man sich die Frage stellt, wie sie überhaupt konkurrenzfähig gegen Schwergewichte wie MediaMarkt oder auch Online-Händler wie Amazon und Co. bestehen können. Da wäre zum einen ihre Mitgliedschaft in der Genossenschaft EURONICS Deutschland eG mit Sitz in Ditzingen. Durch den gemeinschaftlichen Einkauf lassen sich Großmarktpreise erzielen, mit denen auch die kleineren Mitglieder konkurrenzfähig kalkulieren können.

Doch nicht nur das steht für den Erfolg von XXL Spiess, sondern auch die beständige Fähigkeit, sich immer und immer wieder an den Markt anzupassen. „Handel ist ja Wandel“, macht Michael klar, „ich bin ein sehr umtriebiger Mensch und dazu schnell.“ Längst haben er und sein Vater erkannt, dass es genau die Stärken auszuspielen gilt, über die ein lokaler Händler vor Ort verfügt. Wesentliche Gamechanger sind dabei Schnelligkeit in der Logistik, aber auch gute Beratung und Kundenservice. „Wenn heute Nachmittag eine alte Dame bei uns anruft, dass ihr Tiefkühlschrank gerade kaputtgegangen ist, dann bekommt sie von uns noch am selben Tag einen neuen geliefert“, erzählt Michael Spiess proud, als er uns seine „Kommandozentrale“ zeigt – ein Raum voller Monitore und Computer, in dem die Logistik von XXL Spiess in Echtzeit verfolgt und gesteuert werden kann. Wo ist welcher Servicemitarbeiter, wo ist welcher Lieferwagen, wo ist die Ware, wie schnell ist sie verfügbar? Antworten auf Fragen, die nur wenige Klicks entfernt sind. Die Bewertungen im Netz bestätigen die von Michael gesetzten Schwerpunkte; insbesondere Beratung und Service werden überdurchschnittlich oft hervorgehoben und gelobt.

Doch wer auf wirklich starken Beinen stehen möchte, der muss sich breit aufstellen – so breit, wie es nur irgendwie geht. Auch wenn es überhaupt nicht Michaels ursprüngliches Metier ist, gibt es zwischenzeitlich, angeschlossen an den Elektrofachmarkt, ein kleines Restaurant: das „Spistro“. Kein Schnellimbiss, sondern ein richtiges Restaurant mit großer Küche und frischen Zutaten, dessen Biergarten in der Schlucht zwischen den zwei Tennishallen noch nicht einmal viel Lärm von Bundesstraße und Autobahn abbekommt. Tatsächlich sitzen hier an fast allen Tischen Menschen; sogar eine große Gruppe Frauen, die hier ein gemeinsames Frühstück einnimmt, findet sich an diesem Vormittag. Nicht nur der Lkw-Fahrer, der ein Fleischkäseweck in der Pause möchte, sondern auch Publikum aus Rauenberg und der Umgebung kommt zum Essen her. Der Plan dahinter ist nicht sonderlich kompliziert: Anreize schaffen, Aufenthaltsqualität bieten, die Leute begeistern und länger vor Ort halten. Auch die Nutzer des Ladeparks nebenan freuen sich sicherlich über eine Möglichkeit, ihre Ladepause etwas stilvoller zu gestalten, als nur im heißen Auto darauf zu warten, bis der Akku voll ist.

Manches kann man alleine schaffen, besser aber noch sind Synergien und Kooperationen. Genau eine solche hat nun direkt neben der Rauenberger Filiale von XXL Spiess eröffnet: ein großes Bäckerei-Café der Brettener Bäckerei Thollembeek. Als Kraichgauer Familienunternehmen ist der Standort eigentlich schon etwas außerhalb der Heimat, doch auch die Thollembeeks müssen mit der Zeit gehen, denn ihre Branche verzeiht keine Fehler und belohnt nur die, die mutig vorangehen. Auch wenn das nicht alle hören wollen: Der Wandel in der Branche ist knallharte Realität. Das Bäckerhandwerk befindet sich seit Jahren in einem tiefgreifenden, strukturellen Umbruch. Die Entwicklung ist von einer starken Polarisierung geprägt: Während die Zahl der Betriebe insgesamt spürbar sinkt, wachsen die verbleibenden Großbetriebe weiter. Das klassische „Bäckersterben“ betrifft vor allem kleine Familienbetriebe, während handwerkliche Filialisten und spezialisierte Nischenanbieter sich behaupten können. Wer sich über diesen Paradigmenwechsel nun aufregen möchte, darf sich in vielen Fällen selbst an die Nase fassen. Die Verantwortung liegt am Ende zu einem ganz großen Teil eben auch bei uns Verbrauchern und unserem täglichen Einkaufsverhalten. Wenn die Nachfrage da wäre und die Menschen bereit wären, für das handwerkliche Brötchen den fairen Preis beim Bäcker um die Ecke zu zahlen, sähe die Welt für viele Familienbetriebe ganz anders aus.

Auch wenn Marc Thollembeek und seine Frau Annika, die vor einigen Jahren die Filialen von der Bäckerei Gerber übernommen haben, mittlerweile durchaus eine echte Größe in der Region sind, werden ihre Backwaren nach wie vor traditionell von Hand in der Backstube in Neibsheim hergestellt. Das veränderte Kaufverhalten betrifft sie aber genauso wie den kleinen Einzelkämpfer, den es ohnehin immer seltener in der Region gibt. Brot und Brötchen spielen längst nicht mehr dieselbe Rolle wie noch vor einigen Jahren, da beißt die Maus keinen Faden ab.

„Wenn ich mir das klassische Geschäft mit Brot und Brötchen anschaue, stagnieren wir. Die Menschen haben weniger Geld im Geldbeutel. Gleichzeitig muss man zugeben, dass die Discounter in den letzten Jahren viel getan haben und immer besser geworden sind; sie bieten ihre Ware zu sehr günstigen Preisen an“, räumt Marc Thollembeek aufrichtig und pragmatisch ein. „Da können wir als regional produzierendes Unternehmen einfach nicht mithalten. Wir können und wollen beim Getreidebezug nicht an der Weltmarktbörse spekulieren. Wir nehmen das Korn, das hier vor Ort wächst, und zahlen den Preis, den wir fair mit den regionalen Bauern vereinbaren. Auf dieser Ebene lässt sich kein Preiswettbewerb mit Discountern gewinnen.“

Das „Spiesstro“

Den Kopf in den Sand oder ins Korn zu stecken, kommt für die Thollembeeks natürlich nicht infrage. Stattdessen konzentrieren sie sich zunehmend auf ihre Stärken, auf das, worauf es ankommt, was nachgefragt wird und noch echte Zuwächse verzeichnet: „Unsere Wachstumschancen liegen stattdessen im Bereich Snacks, Kuchen und Konditorei – das sind die Segmente, in denen wir zulegen.“ So ist auch das neue, große Bäckerei-Café hier am Rande von Rauenberg tendenziell eher auf genau dieses Segment ausgerichtet. Ein Snack zum Mittagessen, Kaffee und Kuchen während der Nachmittagspausen, all das in einem gemütlichen und aufgeräumten Ambiente, das optisch einen großen Kontrast zum lauten und zweckmäßigen Gewerbegebiet drumherum darstellt – ganz ähnlich, wie auch Michael Spiess sein „Spistro“ gestaltet hat. Es ist dann eben doch etwas anderes, hier zu sitzen, in einer gemütlichen Nische den Laptop an die zur Verfügung gestellte Steckdose oder den USB-Port anzustöpseln und einen Kaffee aus einer echten Tasse zu trinken, anstatt nebenan im Schnellrestaurant inmitten der ewigen Kakophonie aus Stimmengewirr und Maschinen-Gepiepe.

Tatsächlich denken die Thollembeeks sogar noch über darüberhinausgehende Konzepte nach, die schon mehr nach Gastronomie als nach einer klassischen Bäckerei klingen. Markt, Kundenwunsch und Bedürfnis geben schließlich den Takt vor. Das mag zwar nicht den eigenen nostalgischen Vorstellungen entsprechen, aber so funktioniert Wirtschaft eben. Zudem ermöglichen solche Konzepte auch weiterhin, Backwaren auf dem Land zu bekommen, wo alle anderen längst die Koffer gepackt haben.

Mit Michael Spiess und Marc Thollembeek haben sich in jedem Fall zwei gute Partner hier draußen bei Rauenberg gefunden, die – das betont Michael besonders – auf Vertrauensbasis und im Geiste eines verbindlichen Handschlags gut miteinander harmonieren und arbeiten. Mit neuen Ideen neue Anreize und Kundenströme erzeugen, durch solche Innovationen das eigentliche Kerngeschäft beleben und am Leben halten. Manchmal heißt das auch, etwas wagen, etwas ausprobieren; dabei gilt es aber immer abzuwägen zwischen Traum und Traumtänzerei. „In den letzten Jahrzehnten gab es viele Beispiele, die immer höher hinaus wollten und dabei dann halt auch zum Teil zu hohe Risiken eingegangen sind. Wir machen dann was, wenn sich was Gutes ergibt, wo man ein gutes Bauchgefühl hat“, sagt Marc Thollembeek.

Am Ende zeigt das Beispiel dieser zwei Betriebe vor allem eines: Wer in veränderten Märkten Relevanz behalten möchte, darf nicht auf das Einlenken der Konkurrenz warten, sondern muss flexibel bleiben. Statt auf den Schutz alter Strukturen zu hoffen, setzen Michael Spiess und Marc Thollembeek auf Eigeninitiative und Kooperation – und passen ihre Geschäftsmodelle pragmatisch den Realitäten an.

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