Die Mutprobe

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Wenn nichts mehr vorwärts geht, geht bald gar nichts mehr. Wählt ein Dorf den Stillstand, wählt es das eigene Verblassen. Das kleine Weindörfle Malsch im nördlichen Kraichgau wehrt sich dagegen mit Händen und Füßen.

von Stephan Gilliar

Gut was los an diesem Mittag in der kleinen Metzgerei auf dem Malscher Kirchbuckel. Während sich der Januar draußen vor dem großen Schaufenster von seiner scheußlichen Seite zeigt, ist es hier drinnen irgendwie schon fast gemütlich. Dunkles Holzfurnier, altbackene Fliesen, reichlich närrische Deko (die Faschingshochburg Malsch lässt grüßen), alles im Glanz und Charme lang zurückliegender Jahrzehnte. Alles? Nein, nicht alles. Gezahlt wird in der Metzgerei mit einem modernen Terminal, das nicht nur Bargeld, sondern auch sämtliche Karten akzeptiert. Es steht im Verkaufsraum wie ein außerirdisches Artefakt in einer ägyptischen Pyramide, will irgendwie nicht so recht hineinpassen. Die Kunden haben sich aber offenbar längst daran gewöhnt. Ein älterer Herr, der gerade sein Mittagessen abholt, lässt sich von der Hausherrin geduldig dabei assistieren, einen zerknitterten Zwanziger in den Schlitz einzuführen. „Des gibt’s doch im Globus auch“, sagt er, „nix Besonderes“.

Ja, schon, aber die Globus Holding ist ein riesiges Unternehmen mit einem Umsatz von knapp neun Milliarden Euro. Der direkte Vergleich mit einer kleinen familiengeführten Metzgerei in Malsch birgt daher möglicherweise gewisse Schwächen. Dass sich Familie Becker für ein modernes Terminal in einem kleinen Dorf entschieden hat, zeigt, in welche Richtung sie denken: nicht rückwärtsgewandt, nicht auf der Stelle tretend, sondern mit dem Blick nach vorne.

Es ist nur ein kleines Beispiel von vielen, das Malsch spürbar von so vielen anderen kleinen Kommunen im Kraichgau abhebt. Hier ist etwas zu spüren, das man andernorts nicht wahrnimmt: echte Aufbruchstimmung und das Rascheln zahlreicher synchron hochgekrempelter Ärmel. „Ich unterstütze alles, was die Gemeinde voranbringt“, bekräftigt auch Bürgermeister Tobias Greulich, während er mir an diesem Mittwoch sein Malsch zeigt. Lautlos gleiten wir in seinem Tesla durch den dichten Nebel, der sich hier am Fuße des Letzenbergs über Malsch gelegt hat, „normalerweise die Sonnenseite“, wie Tobias Greulich hervorhebt.

In Malsch bewegt sich etwas, das bemerkt man auch als Außenstehender. Seit den Neunzigerjahren ist die Zahl der Einwohner um mehrere Hundert gestiegen und liegt mittlerweile bei etwa 3500. Viele von ihnen engagieren sich, haben Pläne, um ihr Dorf voranzubringen, hier etwas auf die Beine zu stellen. Zum Beispiel die Familie Becker mit ihrem Weingut am Dorfrand. Herbert, Marliese, Alexander und Carina wagen hier viel, um den Familienbetrieb dauerhaft stark aufzustellen. Mehrere kleine Chalets haben sie in den Weinbergen errichtet, in denen Feriengäste alles finden, was man sich nur wünschen kann. Eine kleine Sauna, moderne Einrichtung, eine Terrasse mit Blick über die Reben und das Dorf. An den Parkplätzen gibt es Ladesäulen für Elektroautos, am frühen Morgen wird auf Wunsch ein kleiner Frühstückskorb aus dem benachbarten Café direkt an die Tür geliefert. Im Sommer richtet die Familie kleine Events in ihrem Weinberg aus, zum Beispiel ein „Dîner en blanc“, ein Food-Truck-Festival oder Open-Air-Kinoabende. Das alles schafft die kleine Familie trotz der vielen Arbeit, die in einem Weingut anfällt, trotz der Betreuung zweier kleiner Kinder und trotz Teilzeitjobs, die es immer noch braucht, um den Laden am Laufen zu halten. Und dennoch werden immer mehr Pläne geschmiedet, immer mehr Träume vorangetrieben. Bäume, unter denen frische Trüffel wachsen sollen, vielleicht sogar ein paar elektrische Vespas, mit denen die Feriengäste das Malscher Rebenland erkunden können. So vieles ist möglich, wenn nur Wille und Mut vorhanden sind.

Die nächste schöne Geschichte verbirgt sich nur ein paar Meter weiter im berühmten Malscher Tierpark. Hier haben die Schwestern Teresa und Alisa in der alten Tierparkklause ein eigenes Café auf die Beine gestellt. Nicht irgendwo in der Stadt, wo so etwas schon fast ein Selbstläufer ist, sondern hier direkt auf dem Land, dort, wo sie herkommen. „Das ist jeden Tag ausgebucht“, erzählt der Bürgermeister sichtlich stolz, eine Emotion, die ihn bei unserer Rundfahrt durch Malsch wie eine Aura umgibt. Bei Teresa und Alisa kann man insbesondere frühstücken, ein Konzept, das im Dorf gleich von Anfang an als aussichtslos dargestellt wurde, tatsächlich aber reißenden Absatz findet. Bei Google liegen die Bewertungen im dreistelligen Bereich, vergeben im Schnitt mit 4,8 von fünf möglichen Sternen. Auf ihrem Instagram-Kanal, den mittlerweile über 5000 Menschen abonniert haben, zeigen die beiden Malscher Mädels, was für sie ein gutes Frühstück ausmacht. Frische Zutaten aus der Heimat und dazu eine liebevolle Optik. Es fällt nicht schwer zu glauben, dass die Gäste sich von weit her auf den Weg machen, um hier gemütlich zu brunchen.

Tobias Greulich genießt es sichtbar, sein Dorf, in dem er nun seit vier Jahren Bürgermeister ist, zu präsentieren. Er weiß genau: Jede individuelle Erfolgsgeschichte ist ein Erfolg für das ganze Dorf. Denn um sich über Wasser zu halten, braucht eine Gemeinde weit mehr als den Status quo. Sie braucht Innovation, sie braucht Menschen, die bereit sind, über den Tellerrand zu schauen, und sie braucht Mut. Mut, Bewegung über die Masse der Trägheit hinaus zu erzeugen. Jeder Dorfmensch weiß genau, wie schwierig das ist.

Verbessern, optimieren und ja, auch etwas entrümpeln will der Rathauschef natürlich auch in den eigenen vier Wänden. Für Malsch und seine Verwaltung hat Tobias Greulich ambitionierte Pläne, viele davon sind längst in der Umsetzung begriffen. Er will weg von der Zettelwirtschaft, will die Digitalisierung im großen Stil vorantreiben, will aus ihr sogar ein Leuchtturmprojekt machen, nicht nur für andere Gemeinden, sondern auch für größere Städte.

So ist er derzeit dabei, die Daten verschiedener Ämter und Behörden miteinander digital zu verknüpfen und mittels einer KI, komplett lokal betrieben, auswertbar zu machen. Das klingt vielleicht leicht größenwahnsinnig, aber wenn man bedenkt, dass der Bürgermeister dafür den Global Player SAP an seiner Seite hat, hört sich das Vorhaben gleich ganz anders an. Die Möglichkeiten, die Greulich aufzählt, sind dabei umfassend. Die Bearbeitung administrativer Prozesse mithilfe einer KI kann viele Ressourcen und auch Zeit sparen. Als Beispiel nennt der Bürgermeister einfache Anträge, wie etwa einen Bauantrag auf Erweiterung einer Garage. Hier kann die KI in Sekundenschnelle eine erste Einschätzung erstellen, indem sie auf aktuelle gesetzliche Regelungen, Grundstückspläne und ortsspezifische Eigenschaften aus dem großen Datenpool der Gemeinde zurückgreift.

Das klingt gewagt, und das ist es auch. Aber die Alternative wäre, bei einer händischen Bearbeitung und reichlich Papier zu bleiben, wofür es eben auch reichlich Personal braucht. Personal, das in den Gemeinden nicht mehr ohne Weiteres verfügbar ist. Aktuell fehlen in den Verwaltungen rund 600.000 Mitarbeitende, Tendenz steil steigend, da in den nächsten Jahren eine riesige Welle in den Ruhestand gehen wird. Geht es so weiter, werden bald viele Gemeinden nicht mehr in der Lage sein, ihren täglichen Aufgaben nachzukommen. Das ist kein dystopisches Szenario, sondern schon heute in vielen Verwaltungen Realität.

Auf dem Malscher Experiment ruhen auf jeden Fall viele Augen. Große Städte im Umkreis haben bereits Kontakt mit der kleinen Gemeinde im nördlichen Kraichgau aufgenommen, wollen sich über deren Weg und die sich daraus ergebenden möglichen Chancen informieren, berichtet Tobias Greulich. Auch die Regierungspräsidentin habe ihr Interesse bekundet. Wenn alles gut geht, soll das neue System idealerweise noch vor der Landtagswahl in den Regelbetrieb gehen, hofft der Bürgermeister.

Ja, es geht voran in Malsch, das lässt sich an fast jeder Ecke erkennen. Im alten Zehntkeller zieht eine neue Pizzeria ein, direkt gegenüber restauriert ein weiterer Winzer mit vermutlich erheblichen Mitteln sein Weingut, um dort unter anderem eine badische Tapas-Bar zu etablieren. Noch einmal, man muss es immer wieder erwähnen: Malsch hat gerade einmal 3500 Einwohner.

Geschichten wie in Malsch gibt es ohne Zweifel überall im Kraichgau. Menschen, die etwas wagen, die nicht aus Angst vor möglichen Generationskonflikten im Stillstand ihr Heil suchen. No offense: Die Zukunft gehört den Jungen. Es ist an ihnen, sie in ihrem Sinne zu formen.

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3 Kommentare zu „Die Mutprobe“

  1. Lieber Gunther D., das tut scho weh. Für mich ist das eine Weltstadt mit Herz. Ach nein, mit Schmerz. ! Aus meiner Heimatstadt haben sie ein Museumsdorf gemacht. Die Stadtrechte wurden von Kaiser Barbarossa verliehen. also schon sehr lange bevor diese Kunststadt existierte.

  2. Ja Malsch im Kraichgau ist eine Reise wert, der Kraichgau an sich ist eine Reise wert. Es sollte vielmehr nach außen getragen werden, für was diese Region steht, mit Geschichte, Zukunft und den tollen Menschen.

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