Karlsruhes Sündenfall

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Vor rund 65 Jahren begann Karlsruhe, die eigene Altstadt, das sogenannte „Dörfle“, in großen Teilen auszuradieren.

Eine Stadt muss sich weiterentwickeln, das ist ihr gutes Recht, ebenso wie jede neue Generation ein Stück weit berechtigt sein muss, sich selbst einzubringen und das Stadtbild nach den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen mitzugestalten. Nur stur auf „alt ist besser als neu“ zu setzen, kann dabei nicht die Lösung sein, denn das Leben kennt keinen Stillstand – nirgendwo. Aber natürlich gilt es dabei, behutsam zu sein, nach Augenmaß vorzugehen und sich dem Wert von Früherem und der eigenen Geschichte bewusst zu sein. Radikale Maßnahmen mögen anderswo verlockend erscheinen, in Sachen Stadtentwicklung hat der Holzhammer aber in der Kiste zu bleiben. Denn was einmal verschwunden ist, kommt nicht wieder, bleibt unwiederbringlich verloren.

Die Marburger Oberstadt von der Unterstadt aus gesehen

Da gäbe es zum Beispiel den, zu guter Letzt glücklicherweise noch abgewendeten, Plan des früheren Oberbürgermeisters von Marburg, Georg Gaßmann. Vor Jahrzehnten sprach er sich dafür aus, die historische Oberstadt, das alte Herz von Marburg, mehr oder minder komplett dem Erdboden gleichzumachen, um Platz zu schaffen für eine moderne Stadt, prioritär ausgerichtet auf die Bedürfnisse von Autofahrern. Ein Stück weit der Spirit der Fünfziger- und Sechzigerjahre, als dem Auto (ähnlich ist das ja auch noch heute) quasi jedes andere Interesse untergeordnet wurde. Stattdessen wurde übrigens durch seinen Nachfolger die Oberstadt liebevoll saniert und ist heute das Glanzstück von Marburg.

Auch wenn die Pläne im Karlsruhe der Sechzigerjahre nicht ganz so weitreichend waren, gab es auch hier Vorstöße, um das Stadtbild den Anforderungen der Moderne zu unterwerfen. Diesen Plänen fiel vor rund 65 Jahren fast ein ganzes Viertel zum Opfer. Man könnte es die Karlsruher Altstadt nennen, im Volksmund allerdings besser bekannt als das Dörfle. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass Karlsruhe ja nicht peu à peu über Jahrhunderte entstanden ist, sondern eine Planstadt vom Reißbrett war. Das Schloss in der Mitte, die Stadt in Strahlen angeordnet drumherum – der Karlsruher Beiname „Fächerstadt“ kommt nicht von ungefähr.

Um diesen prunkvollen Traum des badischen Adels umzusetzen, brauchte es selbstverständlich Arbeiter, und das nicht zu knapp. Schon während der Bauarbeiten des Schlosses entstand also eine kleine Arbeitersiedlung, damals noch ein gutes Stück vom Herzen der zukünftigen Stadt entfernt. Diese Siedlung nannte sich „Klein-Karlsruhe“, wuchs immer weiter, bis sie Ende des 18. Jahrhunderts den Status einer Gemeinde erhielt. Dementsprechend war sie natürlich auch vor dem großen Karlsruhe da, bestand aus vielen kleinen Sträßchen, windschiefen Häusern – keine glamourösen Prunkbauten und Boulevards, aber eben mit dem Charme eines „Dörfles“.

Als die Strahlen des großen Karlsruhes immer weiter in die Ebene wuchsen, war das Dörfle irgendwann im Weg. So wuchs der Plan, das ohnehin als Problem- und Armenviertel – bis heute ist hier auch das Karlsruher Rotlicht zu Hause – bekannte Areal in großen Teilen abzureißen und im Sinne der Stadtentwicklung und des angestrebten Stadtbildes neu aufzubauen. Was zunächst einmal im Grundgedanken zumindest nachvollziehbar klingt, eskalierte in den darauffolgenden Jahren zu einer Art städtebaulicher Urgewalt, die wortwörtlich kaum einen Stein auf dem anderen ließ. Mehrere tausend Karlsruher wurden für den großflächigen Abriss umgesiedelt, fanden neue zweckmäßige Unterkünfte in jüngeren Stadtteilen wie Oberreut, Grünwinkel und Rintheim. Das Dörfle verschwand unter der Gewalt von Abrissbirnen und Baggern fast vollständig, ganze Straßenzüge fielen. Statt kleiner Gassen entstanden riesige Straßen, beispielsweise die Fritz-Erler-Straße mit ihren vier Fahrbahnen, sowie riesige funktionale Wohnkomplexe, die damals vielleicht als modern galten, heute leider aber in vielen Fällen einfach als hässlich bezeichnet werden müssen. Nicht nur tausende Menschen mussten damals weichen, sondern auch zahlreiche kleine Betriebe. Gab es vor den Arbeiten noch mehrere tausend Arbeitsplätze im Dörfle, war es Anfang der Siebzigerjahre nur noch ein Bruchteil davon.

Vielen Karlsruhern gingen die weitreichenden Pläne damals zu weit. Je mehr vom vertrauten Stadtbild verschwand, desto intensiver wurde der Widerstand. Ende der Sechzigerjahre erreichte die Kritik an den radikalen Maßnahmen ihren vorläufigen Höhepunkt, weshalb die Stadt Karlsruhe einen Architektenwettbewerb ausrichtete, der eine Wende in der sogenannten „Altstadtsanierung“ bringen sollte. Tatsächlich wurde danach in vielen Fällen auf eine echte Sanierung des Bestandes gesetzt. Die Tage der Abrissbirne gingen zu Ende, jedoch in vielen Fällen viel zu spät. Zwei Drittel des Dörfles waren bereits unwiederbringlich verloren, zumindest der Rest wurde Teil des neuen Karlsruhe – und ist es bis heute.

Und heute? Wer das alte Dörfle nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich nicht vorstellen, was damals verloren ging. Im Grunde tatsächlich ein Dorf mitten in der Stadt – man könnte auch sagen, die Winkelgasse von Karlsruhe. Wer wissen möchte, wie es hier damals ausgesehen haben könnte, wie es auch anderswo noch aussehen könnte, der schlendert am besten einmal durch die östliche Innenstadt, vorbei am Lidellplatz oder durch die Künstlerhausstraße. Dort trifft man auf süße kleine Häuschen, ein jedes höchstens zwei Stockwerke hoch, liebevoll gestaltet, alte Straßenlaternen davor, Efeu und Knöterich an den sandsteinernen Fassaden. Es ist ein Traum davon, was Karlsruhe in Teilen noch sein könnte, ein Lehrstück darüber, wie schnell die großen Visionen einer Generation zum Ballast für die nächsten werden können. Denn die riesigen Gebäude, die anstelle der Altstadt in die Höhe gezogen wurden, sind heute einfach nur ein trauriger Anblick.

Übrigens nicht die einzige fragwürdige Episode der Karlsruher Stadtentwicklung. Vielleicht am Rande noch dieses: Als mit der neuen Kriegsstraße eine riesige Stadtautobahn durch Karlsruhe entstand, wurden ebenfalls viele kleine, schöne Häuser abgerissen, um Platz für die Baustelle zu schaffen. Nach Abschluss wurden Teile des Areals wieder bebaut – mit, Sie ahnen es schon, eben jenen gesichtslosen riesigen Wohnburgen wie jene, die noch heute die klaffenden Wunden des alten Dörfles kaschieren.

3 Kommentare zu „Karlsruhes Sündenfall“

  1. Stuttgart ist auch so ein Beispiel. Ich wusste erst gar nicht, dass ein großer Teil der Nachkriegshässlichkeiten nicht auf Kriegesbomben, sondern auf Abrissbirnen zurück zu führen waren.

  2. Gesichtslose Veränderungen in meiner Geburtsstadt sind sehr bedauerlich. Sicher diente das nicht alles zum Wohle der Menschen die dort wohnten. Meine Subjektive Meinung : Ettlingen ist da behutsamer bei Veränderungen vor gegangen. Danke für den Blick darauf. Ich bedauere die Veränderungen des „Dörfles“ Man glaubt noch immer, daß die Veränderungen nur zum Wohle der Menschen bestimmt sind, die dort wohnen und leben.

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