Zwei im stillen Kino

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Treffen sich ein Komponist und ein Kinobetreiber…

Was unter normalen Umständen wie der Anfang eines sehr schlechten Witzes klingen könnte, ist in Zeiten der Corona-Pandemie vielmehr der Beginn einer Story mit sehr viel Wehmut. Die beiden Hauptdarsteller entstammen einer Branche, die schon vor über einem Jahr durch den kalten Handkantenschlag der Corona-Maßnahmen auf die Matte geschickt wurde und die sich seither nicht wieder aufrappeln konnte. Ja, die Kulturszene war einer der ersten schmerzhaften Kollateralschäden, die den Bemühungen zur Eindämmung von Corona unter die Räder kam. Der Grund dafür findet sich in ihrer bedingungslosen Inkompatibilität mit dem derzeitigen Credo: Abstand halten. Kultur bedeutet eben Nähe, bedeutet Gemeinsamkeit, will Menschen zusammenführen und einander näher bringen. Joachim Baensch und Michael Fiedler haben beide auf ihre Weise unter der Corona-Pandemie und dem damit einhergehenden, immer wiederkehrenden Lockdown zu leiden. Ihre beiden Berufe sind ohne Menschen und ohne deren Nähe untereinander einfach undenkbar.

Joachim Kassenhaus des Scala

Joachim Baensch betreibt in Mühlacker bereits in dritter Generation das ehrwürdige Kult-Kino Scala am Bahnhof. Wobei, den Begriff “Kino” mag er nicht wirklich, er bezeichnet sein Scala lieber als Filmtheater, ist es doch weit mehr als nur eine Projektionsfläche mit Stühlen davor. Hier finden auch regelmäßig Lesungen, Konzerte, Diskussionen und mehr statt… Zumindest bis Corona kam… Seit Monaten ist das Mitte der Fünfziger Jahre eröffnete Lichtspielhaus bereits geschlossen, mit all den negativen Folgen, die sich daraus ergeben.

Michael Fiedler ist Komponist, Pianist und Produzent. Der ursprünglich aus Kassel stammende Wahl-Lienzinger und diplomierte Filmkomponist sowie Sounddesigner, wurde einem breiten Publikum u.a. mit seiner seit 2005 bestehenden Konzertreihe „Traumzeit“ bekannt. Das fast vollständige Herunterfahren des Kulturlebens im Lande macht auch ihm zu schaffen, fallen doch dadurch seither Auftritte vor Publikum aus. Würde der Staat nicht unterstützend zur Seite stehen, wäre es längst zappenduster, weiß Michael genau, dessen Einkünfte nach über einem Jahr Pandemie am Boden liegen. Wie es Joachim als Betreiber eines Filmtheaters nach der monatelangen Schließung seines Scalas geht, muss hier wohl nicht weiter ausgeführt werden – kleine Lichtspielhäuser hatten es schon vor der Krise nicht leicht.

Es ist aber nicht nur der finanzielle Aspekt, der den beiden Kulturschaffenden zusetzt – des Geldes wegen wählt schließlich kaum jemand diese Branche. “Wir leiden im doppelten Sinne – finanziell und emotional” erzählt Michael, ein feinsinniger Bär von einem Mann, den man bereits nach wenigen Sätzen oder wahlweise Anschlägen am Piano in sein Herz schließt. Was er damit meint, ist natürlich jene andere Währung, die für Künstler maßgeblich und unersetzbar ist: Der Kontakt mit den Menschen, der Kontakt mit dem Publikum. “Nichts kann das ersetzen”.

Um diesen Kontakt mit den Menschen zumindest über die Distanz zu wahren und überdies einfach unmissverständlich mitzuteilen: “Wir sind noch da!”, haben Joachim und Michael beschlossen miteinander ins Gespräch zu kommen und andere an diesen Gesprächen teilhaben zu lassen. In einer aufwändig dafür produzierten Videoserie, haben sich die beiden im viel zu stillen Scala zusammengesetzt und ihre Gespräche als Video-Podcast via YouTube aufbereitet. Nach monatelanger Bearbeitung wurden unzählige Stunden Gesprächsmaterial in einem kompakten und übersichtlichen Format, nun unter dem Titel “Zwei im Kino” veröffentlicht. Was dabei herausgekommen ist, hat bereits jetzt das Zeug zum Kult. Nach einem Intro, dessen unterlegte Musik ein bisschen an die Soft-Erotik-Streifen der 70er erinnert, plaudern Joachim und Michael frei von der Leber weg. Das ganze lehnt gefühlt ein bisschen an den erfolgreichen Talk-Formaten einer längst vergangenen, goldenen TV-Ära an, als Gespräche sich noch ganz natürlich entwickeln durften und nicht für den Quotenerfolg künstlich durchgescriptet wurden. Insgesamt 8 unterhaltsame Folgen sind auf diese Art und Weise entstanden, die seit Ostermontag Stück für Stück und Tag für Tag auf YouTube veröffentlicht werden.

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann dies mit einer freiwilligen Geldspende über den Crowdfunding Service betterplace.me tun. Ein paar hier platzierte Euro tun niemandem weh, sind aber eine Hoffnung stiftende und solidarische Antwort auf Michael und Joachims einsames “Wir sind noch da”, die am Ende lauten könnte: “Wir auch, Jungs und wir haben Euch nicht vergessen”

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1 Gedanke zu „Zwei im stillen Kino“

  1. Ich kenne das Filmtheater in Mühlacker auch. Damals bin ich von Gochsheim extra mal hin gefahren. Wer die Kinos in Bruchsal kennt, der fühlt sich in eine andere Welt versetzt. Nein, das meine ich nicht negativ.
    In die gute alte Zeit mit wunderbaren kleinen Leuchten am Platz und einer Frau die in ihrem Bauchladen allerlei Sachen im Angebot hat. So war es zumindest damals. Vielen Dank für die aussergewöhnliche Geschichte.

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