Zaisenhausen lässt den Führer fallen

Symbolbild

Kollektives Aufplustern wegen Hitlers Ehrenbürgerwürde

“Unglaublich, in dieser deutschen Gemeinde ist Hitler noch Ehrenbürger”, so titelt heute die Online-Zeitung Tag24 mit reißerischen Worten. Nun hat der Gemeinderat der kleinsten Kraichgau-Gemeinde pflichtschuldig reagiert und in seiner Sitzung am gestrigen Dienstagabend Adi die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Die Ratsmitglieder fällten die Entscheidung übrigens einstimmig, alles andere wäre übrigens der einzige Skandal in dieser Angelegenheit gewesen. Doch wie soll es in Zaisenhausen jetzt weitergehen? Müssen die Fackelmärsche am Wochenende etwa ausfallen?  Findet die traditionelle Bücherverbrennung an Montagen nicht mehr statt oder muss gar das 25 Meter hohe Führer-Denkmal vor dem Rathaus auch entfernt werden? Ach nee, das gibt es ja alles gar nicht… Und zwar deshalb nicht weil der gute alte Adolf für die Zaisenhausener so wichtig ist wie ein Pickel am Allerwertesten. Es darf davon ausgegangen werden dass die meisten der rund 1.700 Menschen im Dorf, nichts aber auch gar nichts mit dem untergegangenen Dritten Reich und seinem Führungskader am Hut haben. Nicht vor dieser Aberkennung und auch nicht danach.

Zaisenhausen ist übrigens bei weitem nicht die erste Gemeinde, die sich in einer solchen Situation befindet. Zu Adolfs Glanzzeiten ernannten ihn rund 4000 Kommunen im Land zum Ehrenbürger. Im benachbarten Eppingen wurde Hitler keine zwei Monate nach seiner Ernennung zum Reichskanzler bereits Ehrenbürger der Stadt und die Brettener Straße kurzerhand zu Adolf-Hitler-Straße.

Die allermeisten Städte und Gemeinden haben besagte Ehrenbürgerschaft bereits klammheimlich wieder aberkannt, viele davon übrigens erst weit in den 2000er Jahren. Die Erklärung vieler Gemeinden für den späten Akt – auch in Zaisenhausen zu hören: Man ging davon aus, dass die Ehrenbürgerschaft mit dem Tode Hitlers automatisch erloschen sei.

Natürlich ist das eine halbseidene Ansicht, auf diese Art und Weise wären ja nur noch lebende Zeitgeister gelistete Ehrenbürger, doch der Bohei der gerade um Zaisenhausen stattfindet, rechtfertigt das noch lange nicht.

Gerade die Erklärung man wolle mit der nun erfolgten Aberkennung ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen, wird den Menschen in der Gemeinde nicht gerecht. Zaisenhausen muss kein Zeichen gegen Rechts setzen, es ist kein brauner Sumpf und hat ganz sicher die Ehrenbürgerwürde Hitlers nicht aus politischem Kalkül solange aufrechterhalten. Diese war schlicht eine Aktenleiche – so tot wie der Führer selbst. Die ganze Empörung über den spät erfolgten Akt, suggeriert doch letztendlich dass die Gemeinde in schändlicher und fahrlässiger Weise mit dem Vermächtnis des ultimativen Bösen umgegangen ist. Als ob Hitler in den Köpfen der Menschen hier noch eine zentrale Rolle spielen würde…. Hier sorgt man sich über das Ausbluten dörflicher Strukturen, über hohe Spritpreise, über kleine Renten, über Fußballergebnisse…. aber ganz sicher nicht über mögliche Ehrerbietungen an Adolf Hitler.

Wer ein Zeichen gegen Rechts setzen möchte, der muss bei sich und im Kleinen beginnen, sich in andere Menschen hineinversetzen und sich bewusst für das Unvertraute öffnen.

Die späte Aberkennung der Ehrenbürgerwürde Adolf Hitlers in Zaisenhausen war richtig und wichtig, aber sie sagt nichts über die Gemeinde aus, nichts über die Menschen die hier leben und absolut gar nichts über deren Lebenseinstellung und Gedankenwelt. In Zaisenhausen leben viele junge Familien mit kleinen Kindern, die einfach nur nach vorne blicken wollen und für die Zukunft planen. Lasst sie doch einfach in Ruhe, klappt den ausgestreckten Zeigefinger in der Tasche wieder ein und sprecht sie frei von jeder grotesken Erbschuld. Denkt immer an einen unserer klügsten Köpfe – Albert Einstein, der einst sagte:


Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.

Dem Manne könnt ihr übrigens gerne die Ehrenbürgerwürde verleihen.

Eine Meinung von Thomas Gerstner

 

Ähnlicher Artikel

Verdammte Aufreißer

Verdammte Aufreißer

Wenn Kunden Supermärkte in Trümmerfelder verwandeln Von Thomas Gerstner. Ja, zugegeben – mein „erstes Mal“ war mit…
Advent, Advent – Alle Weihnachtsmärkte 2018 im Kraichgau

Advent, Advent – Alle Weihnachtsmärkte 2018 im Kraichgau

Riesiges Angebot bereits zum ersten Advent Nachdem bereits bei 32 Grad im August die ersten…
Mein letzter Billy

Mein letzter Billy

Straight outta Walldorf Von Tommy Gerstner. Das war´s! Over and out! Schluss, aus, vorbei. Es…
Die Philippsburger Schlammschlacht

Die Philippsburger Schlammschlacht

Durch den Bürgerentscheid könnten am Ende alle verlieren Eine Meinung von Hügelhelden-Herausgeber Stephan Gilliar Es…