You shall not pass!

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Geht nicht, gibt’s nicht – Freie Fahrt für dreiste Bürger

Eine Meinung von Philipp Martin

„You shall not pass!“Du kannst nicht vorbei. Diesen markigen Spruch schleudert Gandalf der Graue in „Herr der Ringe“ auf der Brücke von Khazad-dûm dem teuflischen Balrog-Dämon entgegen, um ihn am Vorbeikommen zu hindern. Was dem weisen und mächtigen Zauberer im Buch noch gelingt, wäre am Ortsausgang von Münzesheim zweifelsohne in die Hose gegangen. Keine Macht der Welt und keine Zauberkunst könnten manche dickköpfige und sture Fahrer davon abhalten, sich ihren Weg an jedem Hindernis vorbei zu bahnen. Um zwei Minuten Zeit zu sparen, schrecken sie auch nicht davor zurück, mit dem Auto über fremdes Gelände und fruchtbaren Ackerboden zu fahren. Nach ihnen die Sintflut, vor ihnen freie Fahrt. Das kleine ländliche Lustspiel, das sich seit Monaten nahe des Münzesheimer Ortsausgangs in Richtung Unteröwisheim abspielt, steht dabei stellvertretend für das Selbstverständnis leider viel zu vieler Motorisierten im Kraichgau: Regeln? Gelten nur für andere!

Wer diesen Sweetspot kleinbürgerlichen Widerstands noch nicht kennt, der sei kurz an Bord geholt. Am besagten Ortsausgang verlaufen ein landwirtschaftlicher Weg und die Kreisstraße ein paar Meter lang parallel zueinander. Früher gab es hier einen wilden Übergang, den in erster Linie Bauern nutzten, um mit ihren Traktoren die Felder zu erreichen. Mit dem Bau des neuen Weingutes und dem damit einhergehenden gestiegenen Publikumsverkehr verfügte der Landkreis, dass der wilde Übergang zu schließen sei. Dies wurde vollzogen und nach kurzer Zeit wieder rückabgewickelt, da es den Landwirten nun nicht mehr möglich war, mit ihrem großen Gerät die Felder zu erreichen. Stattdessen verfügte der Kreis, der kleine Feldweg müsse mit einer Schranke gesichert werden, die nur noch Berechtigte selbst öffnen dürften. Klingt nach einer – na ja – halbwegs guten Lösung, ist aber offenbar für zahlreiche Fahrer absolut unannehmbar. Um die Schranke zu umgehen, fuhren viele von ihnen regelmäßig durch das benachbarte Feld und verursachten damit sichtbare Schäden am Ackerboden.

So hat das Ganze noch vor wenigen Monaten ausgesehen…

Klar, nun könnte man über Sinn und Sinnhaftigkeit dieser Absperrung diskutieren – hier gibt es ohne Zweifel zahlreiche valide Argumente, und zwar auf beiden Seiten. Tatsache ist jedoch, dass die Behörden beschlossen haben, die wilde Überfahrt vom landwirtschaftlichen Feldweg auf die Landstraße L3517 für den regulären Verkehr zu schließen. Das hat übrigens auch handfeste Sicherheitsgründe, schließlich ist es nicht ganz ohne, aus dem Stand auf einen sehr eng und schnell befahrenen Streckenabschnitt zu wechseln, zumal man als Autofahrer von einem Feldweg kommt, auf dem man im Grunde sowieso nichts zu suchen hat. Diese Entscheidung der Behörde ist dabei auch nicht als unverbindliche Empfehlung zu verstehen, sondern als unzweideutige Verkehrsregel an dieser Stelle, an die sich jeder zu halten hat, ungeachtet dessen, was er persönlich davon halten mag.

Leider ist es aber ein heute kaum noch übersehbares Symptom einer zunehmend egozentrisch agierenden Gesellschaft, die Regeln so anzupassen, wie sie für einen selbst am praktikabelsten erscheinen. Vorschriften? Die gelten nur für andere. Gerade im Verkehr ist das leider an so vielen Stellen zu beobachten.

Nur ein paar Meter weiter in Ubstadt wird der kleine Behelfsweg über den Bahnübergang Salzbrunnenstraße mittlerweile wie ein ganz reguläres Stück Straße genutzt, obgleich Schilder an beiden Seiten klar zum Ausdruck bringen: Bis auf Mofas ist dieser Weg für alle motorisierten Fahrzeuge gesperrt. Oder schauen wir ein paar Meter weiter nach Gondelsheim und auf ein paar Grenzübertritte, die uns ob ihrer Dreistigkeit nur kopfschüttelnd zurücklassen. Während der letzten Sperrung des Bahnübergangs wurde dieser mit rot-weißen Sicherheitszäunen zum Schutz der Bevölkerung abgesperrt. Da die Schranken zu jener Zeit offen waren, eine durchaus sinnvolle Sicherheitsmaßnahme – finden Sie nicht? Dennoch gab es tatsächlich Menschen, die keine Lust auf die Umleitung über die Nachbarorte hatten und stattdessen besagte Absperrungen nicht nur zur Seite räumten, sondern sie auch einfach dort belassen haben – und damit ihre Mitmenschen dem Risiko aussetzten, von einem Zug erfasst zu werden.

Diese Liste könnten Sie im Grunde endlos lang erweitern. Überall dort, wo gebaut wird und temporäre Absperrungen errichtet werden, können Sie darauf wetten, dass irgendwelche „Käpsele“ glauben, diese Regelung gelte nicht für sie. Vom zu Stoßzeiten wirklich dichten Fahrzeugverkehr über landwirtschaftliche Wege wollen wir gar nicht erst anfangen.

Tja, der Ehrliche ist eben immer noch der Gelackmeierte, besonders dann, wenn die kleinen Regelbrüche nur mit mikroskopischer Wahrscheinlichkeit geahndet werden. Zu Ehrlichkeit gehört aber auch zuzugeben, dass in jedem von uns ein kleiner Sünder steckt. Das ist menschlich, aber es gilt, sich doch immer wieder zu hinterfragen und den eigenen Kurs im Blick zu behalten. Denn auch wenn es unbequem scheinen mag – Regeln sind das unsichtbare Gefüge, das unsere Gesellschaft zusammenhält, indem sie klare Leitlinien für das Miteinander setzen, Sicherheit und Gerechtigkeit gewährleisten und so das friedliche und respektvolle Zusammenleben unterschiedlichster Menschen ermöglichen. Über den Acker eines Mitmenschen abzukürzen, um zwei Minuten zu sparen, ist daher weder ein Akt notwendigen politischen Widerstands noch das Gebaren eines selbsternannten Freiheitskämpfers. Es bedeutet einfach nur, ein bisschen am Fundament jener Ordnung zu sägen, die uns letztlich alle zusammenhält.

3 Kommentare zu „You shall not pass!“

  1. Dasselbe Problem gibt es auf dem Feldweg zwischen Ubstadt und Zeutern über den Kallenberg/Paulus-Kapelle. Die installierte Schranke wurde bereits in den ersten Tagen so beschädigt, dass Fahrzeuge wieder passieren konnten. Es ist für mich unverständlich, dass manche Menschen vor Sachbeschädigung nicht zurückschrecken, nur um eine verbotene Abkürzung nutzen zu können.
    Die Schranke wurde auf Kosten der Gemeinde repariert.

    Mittlerweile haben dreiste Autofahrer eine alternative Route gefunden und nutzen den parallel verlaufenden Schotterweg durch den Wald.
    Mir fehlen die Worte.

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