Wo die große weite Welt weit weg ist

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Wenn es Herbst wird in Oberacker –  Jedes Jahr Anfang Oktober wird der kleine Dorfmarkt zum Fels in der Brandung des täglichen Wahnsinns

Ein Blick aus dem Fenster am Samstagnachmittag zeigt einen grauen Himmel und Regenschleier. „Scheißwetter“, will es uns sofort entfahren. Doch im Grunde ist das Blödsinn. Gerade hier im Kraichgau, einer Region, in der die Landwirtschaft noch wirklich etwas zählt, sollten wir Regen nicht einfach als „Scheißwetter“ abtun. Ohne regelmäßige und reichhaltige Niederschläge wären gute Ernten undenkbar – und unser Ruf als Kornkammer Baden-Württembergs nur noch eine blasse Erinnerung an bessere Zeiten.

Für den traditionellen Dorfmarkt im Kraichtaler Stadtteil Oberacker bedeutet der Regen an diesem Wochenende natürlich einen Knick bei den Besucherzahlen, besonders im Vergleich zum herrlichen goldenen Oktober des Vorjahres. Andererseits ist der Markt auch eine Art Erntedankfest, eine Huldigung des einfachen bäuerlichen Lebens im Kraichgau. Und so blickt man trotz Sprühregen vornehmlich in fröhliche Gesichter in den liebevoll gestalteten, hölzernen und leinenbehangenen Buden und Hütten.

„Dorfmarkt isch immer Ofang Oktober“, sagt ein Gewandeter aus Owweracker und lacht. „Do konns Wedder sein, wie’s will.“

Ein Wochenende nur für die Menschen

Wer es zu nass und kühl findet, nimmt unter den vielen Zeltdächern Platz und wärmt sich von innen – mit krossem Flammlachs, Kartoffellanzen oder einem deftigen Stück Kraichtaler Wildsau, wie jedes Jahr über offenem Feuer gebraten. Die Kinder können in Oberacker unbesorgt herumtoben: Der kleine Ortskern gehört an diesem besonderen Wochenende nur den Menschen. Autos und alles andere, das für hektische Heute steht, müssen draußen bleiben. Für die Kleinen gibt es jedes Jahr jede Menge zu erleben: spannende Einblicke in alte Handwerkskunst, Haarflechten für die Mädels, Bogenschießen für die Jungs – oder gerne auch andersherum.

Um die vermutlich wetterbedingt nicht ganz so prall gefüllten Säckel des Organisationskomitees aufzubessern, gab es in diesem Jahr das „weltbekannte“ Dorfmarkt-Schätzspiel. Ohne anzufassen galt es, das Gewicht eines Kürbis zu schätzen, die Anzahl der Nüsse in einem Glas und die Länge einer Karotte im Blumentopf. Wer mit der addierten Zahl möglichst nah an der Lösung lag, gewann einen tollen Preis. Nur eine von unzähligen Kleinigkeiten, die den Dorfmarkt zu dem machen, was ich schon immer war: Ein liebevoll gehütetes Kleinod und eine der schönsten Veranstaltungen im Kraichgau.

Es sind die vielen kleinen Details, die den Markt zu einem Kunstwerk erheben: Kinder, die mit selbstgemalten Schildern Quitten aus Opas Garten mit dem Bollerwagen verkaufen; der barfüßige Schmied, der mit Kohlenstaub bedeckt konzentriert seine Esse schürt; das Flackern des Feuers, das sich in den Augen der Kinder widerspiegelt, die – wie unzählige Generationen vor ihnen – fasziniert in die Flammen blicken.

Der Dorfmarkt ist ein gemütlicher Ort, ein Fest, das beharrlich und gutmütig eine friedliche Konstante in unruhigen Zeiten schafft.  Wer sich dabei von etwas Regen abhalten lässt, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.