Wir werden alle sterben

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Ein voller Supermarkt-Parkplatz / Archivbild

Ladenschließungen über Ostern – Hungertod Tausender steht bevor 

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Nun wissen wir es, Freunde – so geht also alles zu Ende. Bereits heute in einer Woche wird die städtische Müllabfuhr mit Gabelstaplern die Leichen von den Straßen kratzen. Viel zu heben, werden sie dabei nicht haben. Ausgezehrte, bis auf die Knochen abgemagerte Skelette… verhungert über die Oster-Feiertage 2021, die ich bereits heute mit Tränen in den Augen die Hungerspiele nenne. Ganze fünf Tage lang wollen uns „die da oben“ einsperren, nur an einem Tag die Supermärkte öffnen… das ist er Freunde, der Tag des jüngsten Gericht. Weil das uralte Wissen unserer Vorfahren, wie man für mehr als einen Tag Vorräte anlegt, schon längst verloren gegangen ist, müssen wir nun alle dahinsiechen, qualvoll über mehrere Tage hinweg… 

Besonders graut es mir vor den Ausschreitungen, die unter den Wenigen ausbrechen werden, die diese Tage der Entbehrung mit dem letzten Lebensfunken überstehen… Es werden herzzerreißende Szenen, die sich da vor unseren Einkaufsmärkten abspielen: Der bis auf die Knochen abgemagerte Vater, der sich auf Ellenbogen durch die große Glastür schiebt und die erste Lebensmittelpackung aufreißt, die er mit zittrigen Händen erreichen kann. Wie er mit tränenüberströmtem Gesicht das Paniermehl mit bloßen Händen in den Mund schaufelt und dabei durch die Glasfassade auf den Parkplatz zu seiner Familie hinausblickt, die den kräftezehrenden Weg vom Auto zum Markt wohl nicht mehr geschafft hat. So wie diesen braven Menschen, wird es auch unzähligen anderen Kraichgauern ergehen – sie alle werden Opfer des grausamen Rituals, das den Namen trägt: “ Über Ostern geschlossen„. Man muss sich dieses menschenverachtende Gebaren nur einmal vorstellen: Die da oben wagen es einfach die Läden für vier von fünf Tagen zu schließen und die auf sie angewiesenen Menschen schändlichst im Stich zu lassen. 

Wer sich am Tag vor Ostern – oder wahlweise einen Tag danach auf einen Supermarkt-Parkplatz stellt, dem kann nur das kalte (Kotzen) Grausen kommen. Offenbar ist niemand mehr in der Lage auf Vorrat einzukaufen oder etwas intelligenter mit seinen Ressourcen zu wirtschaften. Ehrlich gesagt bekomme ich eine Heidenangst wenn ich sehe, wie sich die ganze Welt auf eine absolute und permanente Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen verlässt. Was aber, wenn die Lieferkette nur für – sagen wir – eine Woche unterbrochen würde?? Ich bin angesichts der immer wiederkehrenden Bilder fast sicher, dass es zu Mord und Totschlag kommen würde. Jeder wäre sich selbst der Nächste und das Drama nähme seinen Lauf. Als vor ein paar Jahren die Debatte über die Öffnung der Supermärkte an Heiligabend – einem SONNTAG – aufkam, bin ich dann völlig vom Glauben abgefallen. Whoaaat? Sind wir denn tatsächlich zu blöd geworden uns vorausschauend für ein paar Tage mit Nahrung einzudecken? Und kommt mir jetzt nicht mit den Senioren, die nicht mehr auf einen Schlag so viel tragen können… gerade die Älteren wissen, dass man immer einen gewissen Vorrat zuhause haben sollte und genau jene würden wahrscheinlich am längsten ohne Einkäufe durchhalten. 

Aber lasst uns nicht jammern, wenn es der Pandemie-Bekämpfung dienlich ist, dass wir uns am Mittwoch in Bataillonstärke durch die Gänge der Supermärkte quetschen, soll es uns doch am Ende aber auch recht sein. Allet für den Dackel, allet für den Club.

Wann sind wir eigentlich zu unmündigen, verzogenen Kinder geworden die immer dann am lautesten schreien, wenn vorübergehend mal nicht mehr alles so läuft, wie man es gewohnt ist? Wo sind die Werte wie Gelassenheit, Dankbarkeit und vor allem die Demut hin entschwunden? Ich weiß es nicht, aber ich hätte sie gerne wieder zurück. Denn irgendwie waren die Feiertage und langen Wochenenden früher in den wilden 80ern meiner jungen Jahren doch auch machbar? Einkaufen ging bis 18, am Samstag bis um 12 Uhr, Internet gab´s keines und wenn mal eine Zutat fürs Essen vergessen wurde, dann haben eben die Nachbarn ausgeholfen. War früher also alles besser? Nö! Aber wir waren zumindest nicht ganz so verweichlichte Jammerlappen, die schon die Krise kriegten wenn der Postbote nicht jeden Tag kam oder der Supermarkt mal etwas länger zu hatte. Alles zu jeder Zeit – Keine Kompromisse! – Dieses Credo hat erst in den letzten Jahren Einzug gehalten und es ist gefährlich! Apokalypse, ick hör dir trapsen. Und jetzt entschuldigt mich, gerade hat der Paketbote geklingelt – der dummen Sau werde ich jetzt mal Bescheid stoßen was es heißt, hier einfach drei Tage am Stück nicht aufzuschlagen…. der 100 Kilo-Sack Hundefutter für die beiden Doggen fliegt schließlich nicht alleine in den 10. Stock. (PS: Aufzug kaputt)

Fröhliche Hungerspiele, Freunde.

Update: Dieser Artikel entstand irgendwann in der (kurzen) Phase zwischen Verkündung und Aufhebung der Ruhetage. Dieser Tage haben politische Entscheidungen eben die Halbwertszeit von Vanilleeis an einem heißen Augusttag.

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3 Gedanken zu „Wir werden alle sterben“

  1. Wie der Herr so Geschirr. Die Leute passen sich nur Ihrer Regierung an.
    Versprechungen machen, nix können aber im TV sich als die großen Pandemieretter darstellen.

Kommentare sind geschlossen.