Wer soll das bezahlen?

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Kein Bier für vier, kein Schnitzel ohne Tränen? Keine Butter bei die Fische? Kein Kaffee ohne Reue und kein Kino ohne Kopfweh? Wann wird aus teuer, zu teuer?

Ein Kommentar von Philipp Martin

Da liegt er, der mit dicht gedrängten schwarzen Zahlen bedruckte Kassenzettel, schmucklos auf seinem ovalen Tablett. Das ernüchternde Finale nach einem eigentlich schönen Abendessen mit der Familie. Über 100 € sollen es sein, für drei Hauptgerichte, ohne Nachtisch, ohne Vorspeise, zwei Getränke pro Kopf. Puh, harter Tobak. Klar, unerwartet kam das nicht – schließlich lassen sich die Preise vorher über die Speisekarte ermitteln –, dennoch: Zahlen in dieser Größenordnung fühlen sich einfach nicht vertraut, einfach nicht richtig an.

Denn früher hat es nie so viel gekostet. Und früher ist noch gar nicht so lange her. Vor vier oder fünf Jahren waren wir noch zwei- bis dreimal pro Monat essen, einfach um eine schöne Zeit als Familie miteinander zu haben, ohne dass einer vorher kochen muss – heute machen wir das noch alle zwei bis drei Monate. War früher ein Hauptgericht noch für 16 oder 17 € zu haben, sind es heute gut zehn Euro mehr. Das Bier hat vielerorts schon die Fünf-Euro-Schallmauer durchbrochen, das summiert sich natürlich unter dem Strich.

Ich weiß, ich argumentiere aus dem Bauch heraus, daher lassen Sie mich in diesen emotionalen Eintopf noch meine Lieblingszutat hineingießen – den längst obsoleten, guten alten „D-Mark-Vergleich“. Hätte früher ein Gastwirt darauf bestanden, mir für ein Glas Bier zehn Mark zu berechnen oder für ein SchniPoSa 50 DM aufzurufen, wäre das so offenkundig ein Witz gewesen, dass ich nicht einmal ungläubig reagiert hätte.

Aber die Zeiten ändern sich – der Großwetterlage nach zu urteilen derzeit leider tendenziell zum Schlechteren. Mit Klimawandel, sterbenden Demokratien, Kriegen und dem Erstarken von Autokratien und Faschismus will ich an dieser Stelle gar nicht anfangen, bleiben wir bei den Sorgen des alltäglichen Lebens. Unser Urlaub hat uns dieses Jahr nicht in weite Ferne geführt, sondern nur mickrige zwei Bundesländer weiter. Befreit von der Kurzsichtigkeit des beruflichen Alltags konnte man so etwas genauer hinsehen, besser wahrnehmen, was das Leben mittlerweile kostet. Das Szenario: Ferienwohnung in der Stadt, kein Discounter in der Nähe, zu Fuß unterwegs, Innenstadtlage. Die Wohnung schlägt mit 100 Mäusen pro Tag zu Buche, die täglichen Einkäufe fallen unerwartet hochpreisig aus. Seit wann kostet ein Pfund Filterkaffee knapp zehn Euro? Seit wann kostet ein Päckchen Butter 2,50 Euro? Seit wann kostet ein Liter Orangensaft drei Euro oder mehr? Heilandsack, das schlägt rein. Nachmittags mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu einer Tropfsteinhöhle, 30 Kilometer von der Stadt entfernt. Ein Busticket – wohlgemerkt pro Person, nur Hinfahrt – liegt bei sieben Euro. Der Eintritt in die Höhle kostet 15 € pro Kopf. Also Pi mal Daumen über 130 € für einen kulturell ausgefüllten Nachmittag. Will man dann abends noch etwas essen gehen, kommt ein einziger Tag in einer mitteldeutschen Kleinstadt für drei Personen einschließlich Unterkunft auf weit über 300 Euro.

Schon gut, klar, das geht alles billiger. Man muss nicht essen gehen, wir hätten ja auch 30 Kilometer wandern gehen können, bestimmt wäre auch ein Gruppenzimmer in der Jugendherberge die günstigere Variante gewesen. Aber ich glaube, der Punkt ist: Für einen Urlaubstag sind die aufgezählten Posten keine echten Extravaganzen. Der Urlaub zeigt dabei komprimiert, was sich überall im Alltag feststellen lässt: Die Preise steigen, nicht nur gefühlt, sondern ganz real. Im August 2025 stieg die Inflationsrate in Deutschland auf +2,2 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Backwaren, Milchprodukte, Energie, Kaffee – aber auch Freizeit und Kultur haben kostentechnisch in den letzten Jahren massiv zugelegt. Ein Kinobesuch für drei Personen? Kaum noch für unter 50 € zu haben. Ein Besuch im Freibad mit ein paar Pommes über die Mittagsstunden? Dito! Dazu kommt das Tanken, die Versicherungen, die Betreuung für die Kinder, die Miete… ehrlich gesagt kann ich mich in den letzten Jahren kaum an eine Woche erinnern, in der mich kein Brief von irgendeinem Unternehmen oder irgendeiner Institution erreicht hat, in dem wortreich bedauernd irgendeine Preiserhöhung angekündigt und gerechtfertigt wurde.

Das wäre ja auch alles nicht so schlimm, wenn sich unsere Einnahmen genauso schnell nach oben entwickelt hätten. Einfach nur auf Preise zu gucken, macht isoliert betrachtet keinen Sinn. In den fünfziger Jahren hat man selbst mit einer guten Position u. U. nur ein paar hundert DM im Monat verdient, entsprechend billig war aber auch die allgemeine Lebenshaltung, zumindest in manchen Bereichen. Laut Statistischem Bundesamt gab es in den vergangenen Jahren z. B. 2022 einen signifikanten Ausreißer, als die Nominallöhne sich nur um 2,5 % verbesserten, während die Verbraucherpreise um knapp 7 % stiegen. Seit dem letzten Jahr haben die Löhne aber wieder stark aufgeholt – auch das ist Teil der Wahrheit.

Wahrheit ist in diesem Fall ein zweischneidiges Schwert: Während die gestiegenen Preise tatsächlich alle Bevölkerungsschichten gleichzeitig treffen, sind die Anstiege bei den Löhnen weit weniger gleichmäßig verteilt. Zwar weisen die Statistiken für die vergangenen Jahre wieder leichte Reallohnzuwächse aus, doch viele Menschen haben in dieser Zeit keine oder nur sehr geringe Lohnerhöhungen erhalten – schon gar nicht in einer Höhe, die die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten vollständig aufgefangen hätte.

Aber wie gehen wir jetzt damit um? Vielleicht müssen wir uns auch die spannende Frage stellen, ob früher in der „guten alten Zeit“ die Preise nicht teilweise zu günstig waren. Lassen Sie uns dafür mal zurückgehen ins Jahr 2010 – noch nicht allzu lange her, aber mit genügend Abstand, um einen Vergleich zu ziehen. Deutschland lag um 2010 preislich im westeuropäischen Mittelfeld – weder besonders günstig noch überteuert (Preisniveau ca. 104 % des EU-Durchschnitts). Aber: Dass alles teurer wird, stimmt natürlich nicht, manches ist sogar günstiger geworden, beispielsweise Unterhaltungselektronik – auch wenn man diese Anschaffungen jetzt nicht gerade jeden Tag tätigt. Was aber wahr ist, wo sich Gefühl und Fakt decken, sind die Teuerungen bei fundamentalen Kategorien wie den Lebensmittelpreisen. Diese haben allein in den letzten vier Jahren um rund ein Viertel zugelegt – das ist enorm. Energie, also beispielsweise Gas oder Benzin, ist sogar um rund 40 % in diesem Zeitraum nach oben geklettert.

Doch egal, wie man es wendet und dreht, wie klar Ursache und Wirkung teilweise liegen, wie sehr sich diese Welt seither verändert hat – am Ende bleibt es oft eine Gefühlsentscheidung, wie man damit umgeht. Auch wenn mich ein Restaurantbesuch trotz der höheren Preise nicht arm macht, bin ich dennoch nicht bereit, jede Entwicklung einfach mitzugehen. Fünf Euro entsprechen für mich einfach keinem adäquaten Gegenwert für ein Bier, genauso wenig wie für einen Milchkaffee. Ich bin schlicht nicht bereit, das so regelmäßig zu bezahlen wie früher. Vielleicht klinge ich naiv, aber würde das Bier nur vier Euro kosten, würde ich vermutlich statt zweimal im Monat einmal pro Woche eins trinken. Mein Wirt hätte dann zwar weniger pro Bier verdient, dafür aber mehr an mir verkauft. Klingt nach einem annehmbaren Kompromiss, der uns beiden nicht so weh täte? Joa, betriebswirtschaftlich ist das natürlich viel zu simpel: Wirte kalkulieren schließlich nicht nur mit der Marge pro Bier, sondern auch mit Fixkosten, Steuern und Personal – Ausgaben, die anfallen, egal ob ich zweimal pro Woche oder zweimal im Monat vorbeischaue.

Ich zweifle nicht daran, dass kein Wirt seine Preise willkürlich festlegt und dass auch in anderen Branchen niemand leichtfertig an der Preisschraube dreht. Überall greifen steigende Energiekosten, höhere Löhne und teure Rohstoffe ineinander, die Notwendigkeiten sind real und nachvollziehbar. Doch jenseits aller Kalkulationen bleibt eine Frage offen, die sich nicht in Tabellen und Bilanzen beantworten lässt: Ob wir als Verbraucher diese Preise nicht nur tragen können, sondern auch tragen wollen. Denn am Ende entscheidet nicht allein der Geldbeutel, sondern auch das Gefühl – ob wir noch mitgehen, oder ob der Moment gekommen ist, an dem teuer sich in zu teuer verwandelt und das Leben einen Preis verlangt, der sich nicht mehr richtig anfühlt.

11 Kommentare zu „Wer soll das bezahlen?“

  1. Absulut richtig !! Wer úber 4€ für ein Flaschenbier will , kann es selber trinken !! Und die Baukastengastro aus dem Gefrierschrank brauchst auch nicht aus meiner Sicht !! Leben und leben lassen ist das alles nicht mehr …..

  2. Am Ende der Geschichte können viele Wirte , eine Umschulung in der Pflege machen 😜. Und die Familie geht lecker essen beim den schnellen Imbissbuden an der jeder Ecke 👍

  3. Aus Sicht der Wirte ist eine Preiserhöhung nachvollziehbar, steigen doch seit Jahren die Betriebskosten und der Wareneinsatz, dazu noch die MwSt Erhöhung von 7 auf 19%.
    Andererseits sind wir mittlerweile auf einem Preisniveau angekommen, auf dem viele Verbraucher das halt eben auch nicht mehr mitmachen bzw. es
    sich nicht mehr leisten wollen/können.
    Die Todesspirale (Weniger Kunden -> weniger Umsatz -> höhere Fixkosten -> höhere Preise -> weniger Kunden) ist längst in vollem Gange und am Ende werden die Gasthäuser auf dem Lande verschwunden sein und durch Dönerbuden und indische Pizza-Lieferanten ersetzt werden. Flankiert durch herausfordernde Arbeitszeiten und auch hier überbordende Regelungen muss man schon in hohem Maß verrückt sein, um heute noch ein Restaurant zu eröffnen oder man hat schlichtweg keine Ahnung von dem Geschäft.

  4. Meine Rede schon seit Längerem, Preise adäquat runter setzen, dann kann und will sich der Rest der Bevölkerung z. B.wieder öfters frei vom Küchenherd nehmen.

  5. ich denke, gerade bei den Getränken wird ganz schön verdient. Sie machen wenig Aufwand oder kann mir mal jemand sagen, wie die Kalkulation für einen 0,5 Fruchtsaftschorle für 7,50 € aussieht? Die ist in Nullkommanix eingeschenkt.

  6. Ja die Preise sind echt übelst hoch.
    Auch auf den Festen rege ich mich über die Preise auf. Für eine Portion
    Pommes frites 3 Euro, für eine Bratwurst 4 Euro. Wie viel Gewinn machen da die Vereine? Eine Kugel Eis ab 1.60 Euro und eine Dose Langnese Eis für 1.99 Euro oder noch billiger. Wie kann das sein?

  7. Schauen wir mal nach Brusl , der neue Bürgermeister wird auch net zaubern können ! 😜. Die Wasserwerke ziehen kräftigt an, billiger wird’s net. Da kann die Gastro jammern und mit ihrer Kalkulation argumentieren wie Sie wollen , kein Bier für 4 mehr, ist net drin. Wie die Entwicklung , weitergehen wird dürfte klar sein …

  8. Meine Güte, es gibt noch einige gute Restaurants, die noch bezahlbar oder günstig sind und Mittagstisch inklusive Vorspeise für 10 Euro anbieten und sehr leckeres, selbst gemachtes Essen anbieten und wenn man das selbst kocht, kosten die Zutaten und der Aufwand oft mehr.
    In Kirrlach gibt es einen tollen Vietnamesen My Aanh und in Untergrombach einen tollen Inder. Außerdem isst man im Vogelpark in Kirrlach auch super!
    Ich könnte noch mehr gute Lokale aufzählen, aber Hauptsache nur meckern und jammern! Typisch deutsch!
    Es gibt natürlich auch Lokale die abzocken, aber da bin ich maximal ein Mal.
    Mein Lieblingsgrieche Vasilikos in Untergrombach musste nach 5 Jahren leider schließen. Die waren sicher zu günstig mit ihren Preisen! Aber das bedenkt Keiner. Gerade wenn die Leute ständig mit der Karte im Restaurant bezahlen, ist das teuer für den Wirt.

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