Was, wenn der Strom nicht wiederkommt?

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Was geschieht im Landkreis Karlsruhe und seinen Gemeinden, wenn der Strom für mehrere Tage ausfällt? Wir haben nachgefragt.

Stromausfall. Das kennt jeder, passiert eben hin und wieder. Meist sind es nur ein paar Minuten, gelegentlich auch mal ein paar Stunden. In den meisten Fällen ist das kein größeres Problem. Der Kühlschrank hält die Temperatur eine ganze Weile lang, das Haus kühlt auch nicht innerhalb kürzester Zeit aus und dort wo Strom kritisch gebraucht wird, gibt es meist Nostromgeneratoren, die eine gewisse Durststrecke überbrücken können.

Was aber, wenn der Saft nach ein paar Stunden immer noch nicht zurückkommt? Wenn es gar mehrere Tage werden? Ein Szenario, das in unserer Region bislang vor allem eines ist: Pure Theorie. Noch nie gab es in den letzten Jahrzehnten nennenswerte Schwierigkeiten mit der Stromversorgung, die Ausfallzeiten waren bisher im marginalen Bereich angesiedelt. Entsprechend schwer ist vorherzusagen, welche Folgen ein längerfristiger Ausfall der Energieversorgung tatsächlich hätte. Auch im vor uns liegenden Winter, mit all seinen unheilschwangeren Vorzeichen, scheint diese Option nicht allzu wahrscheinlich, wenngleich sie – das betonen alle offiziellen Stellen als eine Art Disclaimer mantraartig – nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann.

Symbolbild

Doch was würde konkret im Landkreis Karlsruhe geschehen, wenn der Strom auch nach einigen Stunden immer noch nicht fließt und eine Rückkehr zunächst nicht absehbar ist?

Wir haben mit Jürgen Bordt, der im Landratsamt Karlsruhe für den Bevölkerungsschutz zuständig ist, über diesen hypothetischen Fall gesprochen. Zunächst einmal müsse man sich darüber im Klaren sein, was alles im Falle eines Stromausfalls sofort, nach einigen Stunden oder spätestens nach wenigen Tagen nicht mehr funktionieren würde: Das Internet und die Telekommunikation, die meisten Tankstellen, Pumpen für die Wasserversorgung und Entsorgung, Ampelanlagen, Kühlsysteme in Lagerhäusern und Supermärkten, nahezu alle Heizungssysteme,… man könnte diese Liste endlos weiter fortführen oder sie ganz salopp abkürzen: So gut wie alles in unserer elektrifizierten Gesellschaft käme früher oder später zum Erliegen.


Link-Tipp

Das Recherche-Magazin „Report Mainz“ hat zahlreiche Kommunen in Deutschland nach ihren Vorsorge- und Notfallplänen befragt. Das Ergebnis gibt zu denken.


In den einzelnen Gemeinden würden daher zuerst Anlaufstellen eingerichtet werden, die über Generatoren mit Elektrizität und Wärme versorgt würden. Hier könnte die Bevölkerung im Falle eines Falles wichtige Neuigkeiten in Erfahrung bringen und gegebenenfalls eine rudimentäre medizinische Versorgung erhalten, erklärt Jürgen Bordt. Diese Anlaufzentren werden im Wesentlichen in den Feuerwehrhäusern der Gemeinden eingerichtet, so beispielsweise auch in Ubstadt-Weiher erklärt uns im Gespräch Bürgermeister Tony Löffler. Auch das Rathaus würde dann sofort besetzt werden und als eine Art Krisen-Kommunikationszentrale dienen. Die Reaktionszeiten regelt jede Kommune individuell, in Kraichtal beispielsweise werden die Feuerwehrhäuser dann besetzt, wenn der Strom mehr als eine halbe Stunde ausbleibt, berichtet uns Feuerwehrkommandant Matthias Bauer.

Um die Kommunikation mit der Leitstelle für Bevölkerungsschutz im Landratsamt Karlsruhe sicherzustellen, hat Ubstadt-Weiher jüngst ein Satellitentelefon angeschafft. Einen solchen Kauf legt Jürgen Bordt derzeit allen Kommunen im Landkreis nahe, weiß aber auch, dass Verfügbarkeit und Lieferzeit der begehrten Geräte limitierende Faktoren sind. Einsatzkräfte aller Gattungen würden koordiniert über die Einsatzzentralen zusammenarbeiten und versuchen zum einen die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und zum anderen hilfsbedürftigen Bürgerinnen und Bürgern zu helfen, wo es eben möglich ist.

Im Grunde war es das aber auch schon, weiter reichen die Notfallpläne für längerfristige Stromausfälle nicht. Auch wenn man nun erschrocken die Augen aufreißt, muss man doch bei näherem Nachdenken zu dem ernüchternden, aber pragmatischen Schluss kommen – sehr viel mehr geht auch nicht. Die Behörden können unmöglich Lebensmittelvorräte, Trinkwasser oder Medikamente für Hunderttausende von Menschen vorhalten..das ist logistisch völlig undenkbar. Eine lückenlose medizinische Notfallversorgung ist ebenfalls ausgeschlossen, da durch den Zusammenbruch der Kommunikation die Rettungskräfte in vielen Fällen überhaupt keine Kenntnis über Notlagen erlangen könnten. Auch behelfsmäßig eingerichtete Wärmeinseln könnten aufgrund der begrenzten Kapazitäten nicht die Bevölkerungen ganzer Ortschaften aufnehmen, geschweige denn mit dem Lebensnotwendigen versorgen.

Wer sich also blind darauf verlässt, dass die Behörden im Falle eines Falles schon den Laden am Laufen halten werden, der gibt sich einer naiven und gefährlichen Illusion hin. “Wir werden nicht in der Lage sein jedem zu helfen” bringt Bürgermeister Tony Löffler das Dilemma auf den Punkt und auch Jürgen Bordt räumt ein: “Wir konnten uns bisher nicht auf Stromausfälle in größerem Ausmaß vorbereiten. Ich kann hier keine Großübung ansetzen und beispielsweise Östringen 14 Tage lang stromlos machen. Das geht noch nicht mal in einem Straßenzug, das würde niemand mitmachen”.

Was genau im Falle eines mehrtägigen Stromausfalls geschehen würde, kann also nicht zu 100% prognostiziert und vorhergesagt werden. Dafür gibt es mit der Katastrophensoziologie einen ganzen Forschungszweig, die Frage, wie sich die Menschen in so einem Fall verhalten würden, erläutert Jürgen Bordt und weiß, dass der Faktor Mensch bei all dem nicht außen vor gelassen werden darf. Wie lange stehen z.B. Rettungskräfte zur Verfügung, wenn sie zu Hause bei ihren eigenen Familien gebraucht werden? Wie reagieren Menschen, die ohne Vorräte dastehen und spätestens nach zwei Tagen Hunger und Durst auf Ideen kommen?

Genau dieser letzte Punkt ist es, der Jürgen Bordt besonders viele Sorgen bereitet und den er mit einem eindringlichen Appell an die Bevölkerung verbindet: Legen Sie Vorräte an, schauen Sie dass Sie alles im Haus haben um sich und Ihre Familie für mindestens zehn Tage problemlos versorgen zu können. Dazu gehören zum Beispiel: Lebensmittel, genügend Trinkwasser, Medikamente, Batterien, ein batteriebetriebenes Radio.

Legen Sie sich Vorräte an! Treffen Sie Vorsorge um sich und ihre Familie nach Möglichkeit einige Tage lang selbst versorgen zu können.

Jürgen Bordt

Es ist eine Maßnahme, die manche als Panikmache verteufeln, dabei ist sie im Grunde nur eines: Vernünftiges, rationales und vorausschauendes Handeln und das nicht erst im Kielwasser der jüngsten Krisen. Wo ist auch das Problem? Im besten und darüber hinaus äußerst wahrscheinlichen Fall braucht man die Vorräte niemals, im schlechtesten Fall hätte man alles, um über ein paar vorübergehende, kritische Stunden und Tage zu kommen. Eigentlich ein absoluter No-Brainer.

Am Ende dieses Artikels ist es noch einmal wichtig darauf hinzuweisen, dass die Möglichkeit eines längerfristigen Stromausfalls zwar besteht, dennoch als äußerst unwahrscheinlich gilt. Im Falle eines Falles würden Kommunen und Landkreis, in Folge auch Land und Bund, alles daran setzen zu helfen, wo geholfen werden kann… ein Rundum-Sorglos-Paket darf hier aber nicht erwartet werden. Etwas Voraussicht, Vorsorge und Vorräte schaden nicht.

Haben ist hier eben besser als Brauchen.

Info Box

Eine Hilfestellung, welche Vorräte sie für den Fall eines Falles anlegen sollten, findet sich auf den Internetseiten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe:

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