Wann wird’s mal wieder richtig Silvester

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Es bitzeli überschätzt – Silvester forever

Ab 35 geht’s bergab

Kinners, welch legendäre Silvesterfeiern haben wir in den 80ern in Eppingen gefeiert. Zu jedem Jahreswechsel haben wir uns auf dem Ottilienberg oder im Steinbruch getroffen und gefeiert als gäbe es kein Morgen mehr. Aus dem Universum-Doppel-Kassettenspieler dröhnte Geier Sturzflug, die Spider Murphy Gang und Falco, Asbach-Cola floss in Strömen und um Mitternacht lagen sich Punks und Popper vereint in den Armen. Wir haben getanzt, geknutscht, gefummelt und gebechert – bis in den jungen Morgen des neuen Jahres. Danach ging es mit zerzausten Dauerwellen und schlammverkrusteten Chucks wieder nach Hause, bzw. für jene die sich besoffen die Judäfärz in der Hand haben hochgehen lassen direkt ins Krankenhaus. Silvester war ein Fest, eine ekstatische Feier, eine Offenbarung und im wahrsten Sinne des Wortes der Höhepunkt eines jeden Jahres.

Heute sind wir Mitte / Ende 30, haben jede Menge Haare eingebüßt, jede Menge Kilos dazugewonnen und teilweise mehrfach erfolgreich gezeugt. Wir treffen uns nicht mehr um 22 Uhr an irgendeiner abgefahrenen Location, sondern klingeln bereits um 18 Uhr an einer im Rotationsprinzip festgelegten Wohnung (angezahlt, Finanzierungsziel 2045), überreichen eine Flasche Rotwein und stellen die mitgebrachten Raclette- oder Fondue-Saucen, bevorzugterweise irgendetwas mit Guacamole in den Kühlschrank. Anschließend führen wir zum warm werden flache, oberflächliche Gespräche – meist übertönt von der Kakophonie unserer durcheinander schreienden Kinder. Spätestens um 21 Uhr, wenn den kleinen Monstern allmählich der Saft in den Batterien versiegt, wird es dann so richtig wild und ausgelassen! Wir tunken Baguette-Brösel (bei deren Aufspießung wir uns die Widerhaken der Fonduegabeln in den Daumen rammen) in eine heiße blubbernde Käsemasse (zu 20% aus Käse und zu 80% aus Kirschwasser / Weißwein)und holen danach jenen treuen Freund aus der Schublade, der uns wie die Jahre zuvor bis Mitternacht begleiten wird: Das Trivial-Pursuit Spiel – Ausgabe 1990. Pflichtschuldig beantworten wir reihum spannende Fragen wie jene nach dem amtierenden italienischen Außenminister von 1980 bis 1989 und erinnern uns mit jedem unterdrückten Gähnen wehmütig an die guten alten Zeiten auf dem Otti oder im Steinbruch zurück. Wir tanzen nicht, wir trinken nur wenig (dank des Schuldbewusstseins gegenüber dem Partner der noch fahren muss) und weil man das neue Jahr schließlich nicht mit einer Scheidung beginnen möchte, lassen wir auch das wilde Fummeln sein. Um Mitternacht schlurfen wir schließlich alle auf den Balkon, bewundern das sooo romantische Feuerwerk, umarmen uns mechanisch, wünschen uns ein wunderbares neues Jahr, werfen unsere schlafenden Kinder wie Mehlsäcke über die Schultern und fahren ins noch nicht abbezahlte Eigenheim zurück. Schon jetzt ist die Wiederholung dieser ausgelassenen und lebensbejahenden Feier im Folgejahr stillschweigend beschlossene Sache.

Ja ja, so ist das. Ist man irgendwann einmal der 40 näher als der 30, verwandelt sich das was früher einst deftig und fettig war in ein Low Carb und Light-Produkt. Im einen Moment stehst du in Jeansjacke und mit Eau de Clearasil auf dem Otti – die eine Hand um eine Pulle Billig-Sekt, die andere unter der Bluse um die linke Gasonga von der wilden Nina geschlossen….. und nur einen Lidschlag später diskutierst du mit einem langstieligen Weinglas vor dir spannende Themen wie das Für und Wider des G8 Gymnasiums für den Nachwuchs oder die Wahl des passenden Rasenmäh-Roboters.

Aber gebt euch keiner Illusion hin, es kommen auch wieder goldene Tage für uns alte Knacker. Sobald der Nachwuchs alt genug ist um seine eigenen Drecksaupartys (Alkopops und kollektives auf Smartphone glotzen) zu feiern, kehren auch wir wieder auf die wilden Highways des Lebens zurück. Vielleicht nicht mit einem röhrenden V8 Motor, aber in guter alter Manier mit 25kmh auf einer Kreidler oder Hercules – Straight ahead.

Ja, ich kann es spüren. Der wilde junge Kerl in mir – es gibt ihn noch immer. Irgendwann kommt er wieder hervor und dann feiern wir wieder Silvester wie in der guten alten Zeit. Dann tanzen wir wieder wild zu unserer Musik, haben Spaß und erinnern uns daran dass man immer nur so alt ist wie man sich fühlt.

Das wird groß, das wird herrlich, das wird legendär – bis auf den unweigerlich folgenden, viertägigen Mörder-Kater mit einer Familienpackung Alka-Seltzer und regelmäßigen Sterbewünschen… aber irgendwas ist ja immer.

PS: Kleiner Spoiler für heute Abend: Giulio Andreotti war 1980 bis 89 italienischer Außenminister. Wenn das nicht für die beschissene blaue Torte reicht, weiß ich auch nicht weiter….

Auf ein frohes neues Jahr

So long folks

Euer Stephan

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