Kaum eine Generation ist mit so vielen Krisen, Erwartungen und Unsicherheiten konfrontiert wie die heutige Jugend. An der Käthe-Kollwitz-Schule in Bruchsal begegnet man dieser Realität nicht mit Vorwürfen, sondern mit Unterstützung, Wertschätzung und Orientierung.
von Stephan Gilliar
Samstagmorgen in der Aula der Käthe-Kollwitz-Schule in Bruchsal. Über das Wochenende setzt normalerweise der so stetige Herzschlag der großen Berufsschule für ein paar Stunden aus, doch an diesem besonderen Tag strömen nicht nur große Teile der fast 1.400 Schülerinnen und Schüler durch die Venen des riesigen Gebäudes zwischen Gefängnis und Schloss, sondern auch Hunderte potenzieller Aspirantinnen und Aspiranten. In der Luft liegt Fröhlichkeit, eine emsige Betriebsamkeit und die Kakophonie unzähliger Stimmen. Direkt im Eingang, dort, wo die zwei großen Flügeltüren den nicht enden wollenden Menschenstrom von außen ins Gebäude führen, steht ein Mann wie ein Fels in der Brandung, strahlt die Art von Ruhe aus, die nur ein altgedienter Lehrer ausstrahlen kann. Schulleiter Hans-Peter Kußmann nimmt sich an diesem Morgen die Zeit, zusammen mit ein paar Kolleginnen und Kollegen jeden Einzelnen zu begrüßen und einen ersten Überblick über das riesige Angebot zu verschaffen, das sich die Schule anlässlich des Discovery Days ausgedacht hat. Hinter dem Begriff verbirgt sich mehr als eine klassische Informationsveranstaltung: Der Discovery Day ist der gemeinsame Versuch der beruflichen Schulen in Bruchsal, Orientierung zu geben – in einer Zeit, in der einfache Antworten längst nicht mehr ausreichen.

Die Augen, die Hans-Peter Kußmann entgegenblicken, sind allesamt jung, groß und voller Fragen. Nicht irgendwelche, sondern die ganz großen, die sich jeder von uns irgendwann einmal stellen musste: Was will ich aus meinem Leben machen? Wo soll es hingehen, wie geht es jetzt weiter? Hans-Peter Kußmann und das Kollegium nehmen diese Fragen ernst, begegnen den jungen Menschen auf Augenhöhe – beileibe keine Selbstverständlichkeit, wenn man sich den despektierlichen Tenor aus Teilen der Gesellschaft gegenüber unserer Jugend vor Augen führt. Vor allem aus konservativen Teilen von Politik und Wirtschaft ist seit Jahren ein Ton zu hören, der jungen Menschen pauschal mangelnde Leistungsbereitschaft und fehlenden Ehrgeiz unterstellt. Kein Bock, zu faul, egozentrisch und nicht belastbar. Von ergrauten Wirtschaftslenkern bis hin zum Kanzler wird mit Schmähkritik an den jungen Generationen nicht gegeizt. Damit folgen sie übrigens auch historischen Vorbildern: Schon Sokrates hat kein gutes Haar an der Jugend gelassen.
Diese negativen Zuschreibungen halten einer nüchternen Betrachtung jedoch nicht stand. Entgegen dem gängigen Klischee zeigt zum Beispiel eine Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dass die Erwerbsquote der 20- bis 24-Jährigen seit 2015 um mehr als sechs Prozentpunkte gestiegen ist und heute einen der höchsten Werte seit Jahrzehnten erreicht.

Ein Blick auf die eigene Jugend macht den Unterschied besonders deutlich. Als ich in den neunziger Jahren vor der Frage stand, in welche Richtung es für mich beruflich gehen soll, waren die Rahmenbedingungen grundlegend andere. Es war ein Jahrzehnt voller Optimismus: das Ende des Kalten Krieges, der Mauerfall, die Dotcom-Euphorie – die Zukunft lag verheißungsvoll vor uns. Keine Algorithmen, keine sozialen Netzwerke drängten uns in irgendeine Richtung. Keine internationalen Krisen, Kriege, Konflikte oder Umweltkatastrophen überschatteten unsere vielleicht hier und da etwas naive Weltsicht.

Als es an die Berufswahl ging, war das höchste der Gefühle ein lustloser Repräsentant des Arbeitsamtes mit einem riesigen Leitz-Ordner voller grauer Informationsbroschüren – that’s all. An diese Berater könne er sich auch noch erinnern, sagt Hans-Peter Kußmann lachend – betont aber zugleich, wie sehr sich die Berufsberatung verändert habe: „Die Berufsberatung hat sich stark verändert und professionalisiert. Es gibt unglaublich viel mehr Angebote als bei uns damals, allein über 20.000 Studiengänge zwischenzeitlich in Deutschland.“ Die Qual der Wahl ist also noch größer geworden, deswegen wird der Discovery Day in Bruchsal auch richtig groß gefahren. Jeder einzelne Ausbildungsweg, der an den beruflichen Schulen möglich ist, wird hier niederschwellig und greifbar in Szene gesetzt. Pflege und Sozialpädagogik, Biotechnologie und naturwissenschaftlich geprägte Bildungsgänge sowie berufsbezogene Bereiche wie Ernährung, Gastronomie und Hauswirtschaft – das Angebot allein an der „Käthe“ ist riesig. Andere Schulen wie zum Beispiel die Balthasar-Neumann-Schule oder die Handelslehranstalt bieten noch unzählige Optionen obendrauf.

Die vorhin erwähnten Algorithmen spielen übrigens für viele Vertreterinnen und Vertreter der Gen Z keine so große Rolle, wie man meinen möchte, weiß Hans-Peter Kußmann. Die Eltern seien weiterhin die wichtigsten Berater bei der Berufs- und Lebensplanung. „Persönliche Gespräche sind wichtiger als soziale Medien“, so der Schulleiter, räumt aber auch ein: „Viele Eltern fühlen sich durch die Dynamik der heutigen Welt überfordert. Schulen, Lehrkräfte und Berufsberatung übernehmen eine ausgleichende und unterstützende Rolle.“
Nicht nur die Eltern dürften sich in mancher Hinsicht überfordert fühlen, auch die Jungen blicken einer Welt entgegen, die ihnen derzeit nur düstere Aussichten verheißt. Sie brauchen deshalb nicht Argwohn oder Herabwürdigung, sondern unsere Unterstützung. „Vor allem müssen wir Zuversicht stiften“, ist sich Hans-Peter Kußmann sicher.

Dass diese Haltung im Kollegium fest verankert ist, betont auch Dr. Matthias Bauer, stellvertretender Schulleiter an der Käthe: „Unsere Jugendlichen brauchen Empathie und Beistand und nicht Geringschätzung.“ Er führt gerade eine große Gruppe Interessierter durch die weitläufigen Räumlichkeiten der Schule – fast alle von ihnen sind Mädchen. Das ist hier an der Käthe eher Regel als Ausnahme. „Wir sind eine Mädchenschule“, lacht er und untermauert diesen Umstand mit harten Zahlen: „Wir haben tatsächlich einen Anteil von 90 Prozent Mädchen.“ Das ist nicht per se gewollt, sondern hat sich einfach ergeben – das Angebot an der Käthe spricht offenbar besonders Mädchen an. Besonders der sozialpädagogische Zweig ist beliebt, aber auch in den naturwissenschaftlichen Fächern sind die Klassen gut gefüllt – eine Kampfansage an die bundesweit durchschnittlichen 17 bis 18 Prozent weiblicher Fachkräfte in den MINT-Berufen.

Umgarnen müsse die Schule den Nachwuchs nicht, ihr Angebot sei äußerst beliebt, die Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber übersteige regelmäßig jene der verfügbaren Plätze. Trotzdem wolle man zeigen, was man kann, wo man steht und welche weitläufigen Chancen und Möglichkeiten sich hier an der Käthe ergeben, weiß Matthias Bauer. „Wir wollen eben auch zum Ausdruck bringen, dass man da was entdecken kann, weil wir immer die Erfahrung machen, dass die beruflichen Schulen so ein bisschen unterm Radar segeln.“
Tatsächlich müssen sich Berufsschulen mit einer Reihe veralteter und auch schlicht falscher Vorurteile herumschlagen. Vielmehr sind berufliche Schulen längst keine „zweite Wahl“, sondern eröffnen gleichwertige Bildungswege: Am beruflichen Gymnasium wird die allgemeine Hochschulreife erworben, die Prüfungen liegen im selben Aufgabenpool wie an allgemeinbildenden Gymnasien, und Studien zeigen vergleichbare Erfolgschancen im weiteren Bildungsweg. Zugleich bieten Berufsschulen wie die Käthe-Kollwitz-Schule Bruchsal praxisnahe Qualifikationen mit hoher Anschlussfähigkeit – in Bereichen wie Pflege oder Sozialpädagogik oft sogar mit faktischer Jobgarantie nach dem Abschluss.

Eine weitere falsche Annahme, die vor einigen Jahren vielleicht noch zutraf, heute aber kaum mehr den Tatsachen entspricht, betrifft die angeblich üppige Verfügbarkeit an Jobs, Studienplätzen und Ausbildungsmöglichkeiten. Während vor einigen Jahren vieles noch nahezu frei wählbar schien, ist das Feld heute deutlich enger gesteckt, weil sich die wirtschaftliche Lage abgekühlt hat, Einstiegsstellen selektiver geworden sind und Chancen wieder stärker von Qualifikation, Fachrichtung und regionaler Nachfrage abhängen. Es gebe jedoch noch eine Berufsrichtung, in der im Anschluss quasi eine hundertprozentige Chance auf Anstellung winke – die Pflegeberufe, weiß Dr. Matthias Bauer. Absolventinnen und Absolventen könnten nahezu sicher einen Arbeitsplatz finden, weil der Bedarf in Deutschland dort so groß ist, dass die Nachfrage die Zahl der Qualifizierten bei weitem übersteigt. Und auch wenn die Pflege keinen guten Ruf genießt: Die Ausbildungsklassen an der Käthe sind alle rappelvoll.

Wo man an diesem besonderen Tag in der Kälte auch hinblickt, überall trifft man auf Einsatz, Eifer und Hingabe. Die Schülerinnen und Schüler präsentieren ihren jeweiligen Ausbildungsbereich voller Optimismus und stecken mit ihrem Eifer die Neuen sichtbar an. Von der angeblichen Faulheit der jungen Generation nimmt Matthias Bauer nichts wahr, hält dieses Vorurteil für grundfalsch – ganz im Gegenteil: „Wir haben sehr viele sehr zielstrebige junge Menschen bei uns. Es ist eher umgekehrt, dass sie manchmal mit fast ein bisschen zu viel Ernsthaftigkeit an die Sache herangehen.“
Was daraus folgt, ist kein pädagogischer Luxus, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit: Vertrauen. „Wir müssen den Jungen vertrauen“, ist sich Bauer sicher – und steht damit in einer langen Tradition, die schon vor über 200 Jahren der deutsche Journalist Matthias Claudius auf den Punkt brachte: „Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat.“
Ihr positiver „Blick auf ihre Jugend“ hat doch wohl eher damit zu tun, dass man sich nach 30-40 Jahren hauptsächlich an die schönen und glücklichen Momente erinnert. Ja die 80er, 90er waren geil. Aber heute die Jugendlichen ständig zu bedauern und zu bemitleiden wie schlimm alles heute ist, das ist doch völliger Quatsch. Diese Ansicht kann ich gar nicht teilen.
Zu unserer Zeit gab es kein Krieg? Afghanistan? Golfkrieg? die furchtbaren Massaker im ehemaligen Jugoslawien mitten in Europa? Tschernobyl? Terroranschläge der RAF? Fragen Sie mal die ehemaligen DDR´ler wie toll alles nach der Wende war. Dann die volatile Wirtschaft vor der Euro Einführung mit Konjunkturkrisen, vielen Arbeitslosen und Kurzarbeit. Viele fanden gar keine Lehrstellen und mussten andere Berufe lernen oder Ehrenrunden drehen. Keine Naturkatasrophen?……..u.s.w.
Die jungen Leute sind doch heute in einer großartigen Situation, so viele Möglichkeiten, Berufe und Bildungswege hatten wir doch früher gar nicht. Onlineunterricht von zu Hause! Ich musste zur Weiterbildung jeden Abend mit dem Auto nach Karlsruhe fahren.