Unter Palmen

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Kann man zu einem Bier eine emotionale Verbindung haben? Falls dem so ist, würden wohl viele Kraichgauer an Palmbräu denken. Seit 1835 wird es in Eppingen gebraut, sieht also schon fast seinem 200. Geburtstag entgegen.

Kerwesonntag in Eppingen. Obwohl ich schon lange nicht mehr in der Stadt lebe, zieht es mich an diesem Wochenende doch immer wieder hierhin zurück. Denn die Kirchweih in Eppingen ist nicht irgendein Fest, es ist DAS Fest in der Stadt – vor allem in den Jahren, in denen es kein Straßenfest gibt. Vier Tage, nach denen man die Uhr stellen könnte, an denen alles wie immer ist. Kein anderes Wochenende ist für heutige oder auch ehemalige Mischdkrappe heiliger als die Kerwe. Schon unser Lehrer Edelmann in der Grundschule, damals bekannt für eine eher strenge Hand, hat uns über dieses Wochenende keine Hausaufgaben aufgegeben. Und auch am Montag nicht, schließlich feiert Eppingen an diesem Tag Rummel und Krämermarkt.

Das Beste ist aber der Sonntag, dann, wenn die ganze Stadt auf den Beinen ist, dann, wenn man in der Altstadt oder auf dem Marktplatz noch draußen sitzen kann, die Sonne im Nacken und ein kühles Bier auf dem Tisch vor sich. Es ist genau dieses Bild, dass in mir jedes Jahr Vorfreude aufkommen lässt. Die alte Stadt voller Menschen, Musik von der Stadtkapelle, überall um mich herum, der herrlich breite Eppinger Dialekt und der schäumende kalte Humpen vor mir. Letzterer muss in Eppingen keinen weiten Weg zurücklegen, wäre das Rathaus nicht im Weg, könnte man die Brauerei aus der er stammt sogar sehen. Und auch das ist ein Stück von meinem alten Eppingen, das einfach dazugehört. Erlauben Sie mir daher heute und hier ein kleines Liebeslied auf, das Eppinger Bier.

Wer man so wie ich mitten in der Altstadt von Eppingen aufgewachsen ist, musste sich zwangsläufig mit dem Thema Bier beschäftigen – ob man das nun wollte oder nicht. An jenen Tagen, wenn im Sudhaus gerade wieder Vollgas gegeben wurde, roch es im ganzen Viertel so intensiv, dass es sich schlicht nicht ignorieren ließ. Ich konnte in meinem Kinderzimmer bei geöffnetem Fenster quasi schon die Jahreszeit nach den Düften bestimmen: Abwechselnd roch es nach Malzschrot beim Maischen, dann irgendwann ein bisschen fruchtig und säuerlich, wenn das Ganze gärte, und schließlich deftig, wenn in den großen kupfernen Kesseln die Malzwürze vor sich hin köchelte.

Zwischen Kindheitserinnerungen und alten Schätzen

Ja, das mag vielleicht seltsam klingen, aber wenn ich an meine Kindheit und Jugendzeit zurückdenke, gehört das einfach dazu. Nicht nur wegen der Gerüche oder weil ich jeden Morgen direkt vor dem Sudhaus an der Haltestelle auf den Schulbus gewartet habe, sondern auch wegen des ganzen Drumherum. Mein Vater bewahrte damals in unserer großen Scheune die historischen Gerätschaften der Brauerei auf, wenn sie gerade nicht gebraucht wurden: alte Fahrzeuge, Anhänger mit festlich geschmückten Fässern darauf sowie großformatige nostalgische Werbeschilder aus Holz oder Emaille. Beim Spielen sind wir natürlich immer darüber geklettert. Das alte Wappen mit der Krone und den beiden Palmenwedeln hat sich mir quasi in die Netzhaut gebrannt – dazu der alte kantige Schriftzug und das geschwungene „Ein wahrer Genuss“ darunter.

Als Kraichgauer begegnet uns der Geist der alten Gründerfamilie Zorn und ihrer Schöpfung im Grunde überall. Wird auf irgendeinem x-beliebigen Dorf- oder Straßenfest ein Fass angeschlagen, steht dort fast immer dieses Bier. Das war damals so, und das ist auch heute noch so. In jeder Wirtschaft, in jedem Gasthaus und in jeder Kneipe, in der ich in den letzten Jahrzehnten Stammgast war, gab es genau diesen Zapfhahn. Sogar meine so vornehme Omi schlug jedes Jahr an Weihnachten über die Stränge und ließ sich von uns Heiligabend ein Zornickel eingießen.

Wann immer ich mit Freunden in meiner Sturm-und-Drang-Zeit irgendwo einen gehoben habe, wussten wir, was mit großer Wahrscheinlichkeit fließen würde – egal ob beim Klausi im Ratskeller, im Eichbaum, im Caramba oder beim Andy. Beginnend mit dem 16. Geburtstag, der auf dem Dorf diesbezüglich mehr eine unverbindliche Empfehlung als eine gesetzliche Maßgabe war, lief meistens genau diese Eppinger Hausmarke in die Gläser (oder Stiefel).

Exotische Wurzeln und drei bemerkenswerte Brüder

Erwähnenswert ist auch die Geschichte, denn die Palme ist jetzt nicht wirklich ein authentisches badisches Gewächs. Dass der grüne Südsee-Wedel heute nicht nur den Namen, sondern auch das Wappen prägt, geht zurück auf Franz Zorn, den Sohn des Brauereigründers Jakob Zorn. Er brachte Palmen aus Italien mit und schmückte damit das alte Stammhaus, welches damals wie heute mitten in Eppingen vis-à-vis des gläsernen Sudhauses zu finden ist. Heute kennt man es unter dem Namen „Zur Palme“. Auch wir waren früher regelmäßig dort essen – ein besseres Cordon bleu als das von Frau Wolf habe ich danach nie wieder gefunden.

Die Zorns waren übrigens immer eine, sagen wir, alkoholaffine Familie im besten Sinne. Jakob gründete 1835 die Brauerei, während sich sein Bruder Franz-Georg dem Weinbau widmete und in Neuenbürg das bekannte, im Jahr 2020 geschlossene Weingut Zorn mit der legendären Besenwirtschaft „Guggugsnescht“ betrieb. Sebastian, der dritte im Bunde, war Bürgermeister sowie Landwirt und wie seine Nachfahren im Herzen ebenfalls Winzer.

Vom Wandel der Zeit und vertrauten Düften

Die Brauerei selbst durchlebte über all die Jahrzehnte hinweg ein stetiges Auf und Ab. Aus dem alten Familienbetrieb wurde ein größerer Player, der in den siebziger Jahren weit über Eppingen hinauslieferte. Nach einigen turbulenten Jahren und wirtschaftlichen Umbrüchen zu Beginn der Zweitausender hat sich der Betrieb längst wieder gefangen. Die Produktion läuft stabil, und das ist in einer Zeit, in der der klassische Bierkonsum insgesamt eher rückläufig ist, keine Selbstverständlichkeit.

Vielleicht liegt das schlicht daran, dass man hier auf eine sehr treue Kundschaft bauen kann, die den Betrieb seit Generationen begleitet. Es ist eben egal, ob es um ein Bier geht, einen Wein, die Bratwurst oder das Brot – am Ende sucht man doch immer ein Stück Vertrautheit. In einer Welt, die gefühlt immer schneller und anonymer wird, hängen wir an den Dingen, die eine Geschichte erzählen. Und während ich diese Zeilen tippe, riecht es in meiner Erinnerung plötzlich wieder nach Malz, nach Maische und vielleicht sogar ein bisschen nach Palmenblättern.

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