Tommys Hot Wax-Wahnsinn

Tommys Hot Wax-Wahnsinn
Tommys Hot Wax-Wahnsinn

Wer schön sein will muss schreien

Ohne allzu religiös zu werden würde ich sagen, der Herrgottt und ich sind ganz gute Kumpels, wir kommen wunderbar miteinander zurecht. Doch wie es unter guten Kumpels nun mal so ist, hat doch jede gute Bromance so ihre Jokes und Eigenheiten. So hat sich der liebe Gott einen Spaß daraus gemacht mein einstmals üppiges Haupthaar in kleinen, voneinander getrennten Kolonnen allmählich auf meinen Rücken hinunter wandern zu lassen. Dort haben sich diese haarigen Herden schließlich niedergelassen und bilden kleine verträumte Inseln. Ich neige im Grunde eigentlich nicht zu Eitelkeiten, sondern trage meine kleine Männer-Wampe mit Stolz vor mir her. Mit der Halbglatze kann ich mich auch irgendwie zurechtfinden, aber Haare auf dem Rücken – da hört der Spaß dann doch irgendwie auf.

Bisher musste mein armes Eheweib alle paar Wochen mit dem Ladyshaver anrücken um diesem Wildwuchs auf der dunklen Seite des Mondes zu Leibe zu rücken. Besonders nachhaltig ist diese Lösung allerdings leider nicht – etwa eine Woche nach besagtem Ritual wogt das ganze Gemüse wieder behaglich im lauen Sommerwind. Probier doch mal was Neues aus Tommy, habe ich mir also gesagt und spontan einen Besuch in einem nahegelegenen Schönheitssalon gebucht. “Hot Wax” heißt der Horror der mir in einem Frauen-Forum im Internet mehrheitlich empfohlen wurde, wo ich Unter meinem Pseudonym “Rebecca“ um Hilfe ersucht habe. Dabei wird mit einer Pinsel heißer Wachs auf dem Rücken aufgetragen, danach wird eine Art Krepppapier darauf gedrückt, schließlich lässt man es ein paar Momente lang hart werden um es dann mit einem beherzten Ruck wieder abzureißen. Wer nun sagt “Verdammt, es tut doch weh ein Haar auszureißen” muss sich das ganze jetzt einfach mit dem Faktor 300 vorstellen.

Nichtsahnend betrete ich also noch in völliger Unwissenheit der Dinge die da kommen mögen den Schönheitssalon, der in Sachen Design die frühen 80er Jahre gekonnt konserviert hat. Die Inhaberin, eine hochgewachsene attraktive Golden-Agerin in langen Lederstiefeln und einer regelrecht ansteckenden Fröhlichkeit, geleitet mich durch ein kleines Wartezimmer in dem die letzten Rattanmöbel Europas stehen zur Behandlungskabine Nummer 1 oder wie ich es später nenne “Ort der Hinrichtung”. Dort schaltet sie ein kleines Gerät ein dessen einstmals makellose weiße Plastikoberfläche, ähnlich wie die alten PCs aus den 90er Jahren, mittlerweile einen nostalgischen Gelbstich angesetzt hat.

Ich lege mich bäuchlings auf die Behandlungsliege, ziehe mein Hemd hoch und entnehme dem Seufzen und dem Stirnrunzeln meiner Betreuerin, dass sie sich erst in diesem Moment dessen gewahr wird wie groß die vor ihr liegende Aufgabe wird. Geduldig beginnt sie die ersten Quadratezentimeter auf meinem behaarten Rücken mit heißem Wachs einzupinseln. Weil schon dieses Prozedere sehr unangenehm zwickt, steigen in mir erste Zweifel ob der Sinnhaftigkeit meines Vorhabens auf.

Noch während ich darüber nachdenke, reißt meine Kosmetikerin ohne jedwede Vorwarnung mit einem kräftigen Hauruck den Papierstreifen nach oben. Ich kann regelrecht spüren wie sich synchron 150000000 Haarwurzeln aus ihren Verankerungen lösen und stoße einen gellenden Schrei aus, der vermutlich noch fünf Häuser weiter zum spontanen Wählen des telefonischen Notrufs führen dürfte. Die geschändete Stelle an meinem Rücken fühlt sich an als ob ein irrer Chemiker mit der Gießkanne großzügig Salzsäure darüber ausgeschüttet hätte. Jetzt stand ich vor einem echten Problem: Weitermachen oder aufhören? Allein die Vorstellung dass Frauen so etwas regelmäßig tun und dann auch noch an Körperstellen die weitaus empfindlicher sind, ließ in mir einen ganz neuen Respekt vor dem zarten Geschlecht erwachsen. Also hieß es abwägen: Wenn ich jetzt aufhöre, dann hätte ich eine purpurrote Landebahn inmitten eines behaarten Dschungels auf dem Rücken vorzuweisen, wenn ich aber weiter mache, würde ich wie ein kleines Mädchen heulen und vermutlich nicht nur im Schönheitssalon sondern auch in der gesamten Gemeinde Hausverbot erhalten.

Also musste ein Kompromiss her und der sah folgendermaßen aus: Die obere Hälfte meines Rückens würden wir nun auf die Hardcore-Methode enthaaren, den Rest mit dem guten alten Ladyshaver. Ich ergab mich also in mein Schicksal und lies die Prozedur noch ungefähr zehn mal über mich ergehen, wonach mein Rücken gefühlt wie ein nordvietnamesischer Wald nach einer Runde Napalm aus gesehen haben muss. Schließlich ziehe ich mir schamgebeugt mein Oberteil wieder an, bezahle die Zeche und stehle mich, nicht gerade im Vollbesitz meines männlichen Stolzes zurück nach Hause.

Mittlerweile sind zwei Wochen vergangen – der obere Teil meines Rückens ist in der Tat noch haarfrei, dafür ist der ganze Bereich nun mit roten Punkten übersät. Unterhalb dieser exakt gezogenen Linie hat mein Körper den niedergemähten Wald schon fast wieder vollständig aufgeforstet. Das Ganze sieht wie ein abstraktes Kunstwerk aus.

Gut dass ich in der Sauna mittlerweile alle Routen so ausgekundschaftet habe, dass ich immer mit dem Rücken zur Wand von Ort zu Ort komme. Wer die Erfahrung einmal selber machen, aber nicht so viel Geld ausgeben möchte, der sollte sich einfach mit nacktem Rücken auf einen Schotterweg legen, die Anhängerkupplung seines Autos umgreifen, und seinen Kumpel am Steuer bitten Gas zu geben. Oh, und wer in den letzten Tagen keine Antwort auf seine Gebete erhalten haben sollte, ich glaube der Herrgott ist immer noch damit beschäftigt über Tommys Hot Wax Horror zu lachen.

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

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