Tage an der Tanke

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Danke, Tanke. Zum letzten Mal den alten Stinker aufgetankt und ein paar schöne Erinnerungen mit Tankstellen-Legende Andreas Stieber ausgetauscht.

von Stephan Gilliar

Ach ja, die gute alte Tanke. Eine Institution, die mich durch mein ganzes Leben begleitet hat. Früher das Tanken an der BP-Tankstelle vis-à-vis vom Eppinger Bahnhof bei der alten Frau Maurer, die immer eines dieser kugelrunden, aber steinharten Kaugummis für uns Kinder parat hatte. Später dann mein erstes Mal selbst tanken – irgendwo in den Untiefen der Neunziger – mit dem klapprigen Ford Fiesta meines Kumpels Jochen und einem Dieselpreis von weit unter einer Mark fünfzig. Nicht zu vergessen die vielen kleinen Besorgungen zu nachtschlafender Stunde, wenn die spontane Feierei viel zu schnell die Chips- und Biervorräte aufgebraucht hatte.

Doch die Tanke meiner Jugend hat schon längst nichts mehr mit den riesigen und modernen Tankstellen von heute gemein. Früher stand hier nicht selten noch ein Mechaniker in der angeschlossenen kleinen Werkstatt und hat mit ölverschmierten Händen an irgendeinem Vergaser herumgeschraubt, im Laden fand sich maximal eine Landkarte, ein Eiskratzer oder ein paar Ersatzteile. Und wenn man ganz viel Glück hatte, stand draußen sogar noch ein Tankwart mit Zapfpistole Gewehr bei Fuß.

30 Jahre ist mein erstes Mal „Volltanken“ schon her, das letzte Mal habe ich nun mit einer Träne im Augenwinkel vergangene Woche hinter mich gebracht. Wo? Natürlich an meiner Stammtanke in Ubstadt und bei Andreas Stieber, der hier schon seit Jahrzehnten hinter der Kasse steht. Künftig gibt es mit meinem neuen Elektroauto nicht mehr ganz so viele Gelegenheiten, bei ihm vorbeizuschauen, zumindest nicht mehr so regelmäßig, wie es in den letzten 20 Jahren der Fall war. Aber Andreas, immer eine gutmütige und liebenswerte Seele, winkt lachend ab, denn mit dem Sprit selbst wird man schon lange nicht mehr reich: „Du musst es so sehen: An einem Liter Sprit verdienst du nicht mal mehr einen Cent. Du verdienst schneller mal mehr an einem halben Snickers.“ Gut, dabei kann ich ihm helfen – ein Snickers mehr passt immer in meinen stattlichen Ranzen.

Das Aufkommen der Elektromobilität – langsam, aber stetig – ist übrigens nur einer von vielen Faktoren, die dazu führen, dass sich die Arbeit an einer Tankstelle grundlegend ändert. Der Wandel hat schon immer dazugehört, Andreas kann davon ein regelrechtes Lied singen. Angefangen hat er noch in den goldenen Dekaden der Tankstelle … Mitte der Achtziger übernahm Andreas, frisch ausgelernt als Kfz-Mechaniker, seine erste eigene Tankstelle in seiner Heimatstadt Pforzheim. Angeschlossen war diese noch an das ehemalige französische Mineralölunternehmen Elf, welches vor einem Vierteljahrhundert mit TotalFina zu Total wurde. Früher war die kleine Werkstatt noch ein fester Teil einer Tankstelle, im Vordergrund stand kein Paketshop, kein kleiner Supermarkt, sondern einzig und allein der Dienst am Fahrzeug. Schrauben, werkeln, zapfen – das war Andys Alltag von Anfang an. Zuerst in Pforzheim, später dann an der eigenen Tanke in Ubstadt. Diese war übrigens früher – die Älteren werden sich noch erinnern können – mitten im Ort angesiedelt. Doch als Meister Duchhard sich zurückzog, übernahm Andreas Stieber. Seit 1997 gibt es die neue Tankstelle am Ortsausgang Richtung Bruchsal direkt an der B3. Übrigens auch hier zu Beginn mit einer kleinen Werkstatt, die aber später Shop und Waschanlage weichen musste.

Während Andy und ich quatschen, gleiten unablässig die beiden gläsernen Türhälften auseinander, und Kundschaft marschiert in den Verkaufsraum. Nicht selten übrigens ohne Fahrzeug – besonders Tabak und Zeitungen stehen hoch im Kurs bei der fußläufigen Kundschaft. „Oin Päckle hiervon, oin Päckle davon …“ Dazu noch des Deutschen liebstes Schundblatt, ein paar Münzen auf den Tresen und „Nächster, bitte!“ Einsam wird es in Andreas’ Tankstelle nicht, das Grundrauschen ebbt im Grunde niemals ab.

Im Verkaufsraum ist Andreas weit seltener, als es ihm lieb wäre – auch vor seiner Branche hat die Bürokratie nicht haltgemacht. Morgens muss er zunächst einmal eine ganze Reihe von Daten und Werten ablesen, Protokolle ausfüllen, reichlich Schriftkram erledigen. Um die Benzinpreise kümmert er sich dabei übrigens schon längst nicht mehr, das System erhält die aktualisierten Preisinformationen in Echtzeit und passt diese teilweise mehrfach pro Stunde über das Internet an. Auch die großen Anzeigetafeln müssen von Andreas nicht mehr bespielt werden, all das passiert absolut autonom. Das war nicht immer so. „Früher bist du noch mit der Leiter hochgestiegen und hast die Zahlen gesteckt. Heute geht alles über die Zentrale, komplett in Echtzeit“, erzählt er und hadert hier und da etwas mit Licht und Schatten der modernen Technik. Besonders als klassischer Kfz-Mechaniker fehlt ihm das Werkeln an den guten alten und minimalistischen Motoren seiner Jugend: „Früher konntest du noch richtig Hand anlegen. Heute machst du die Motorhaube auf – alles Plastik. Kannst nichts mehr machen.“

Nicht nur die Technik hat sich verändert, sondern auch die Kundschaft. Nach wie vor gibt es die treuen Kunden direkt aus dem Ort, direkt aus Ubstadt, die für Andreas Gold wert sind. Leider aber auch die anderen, die offenbar nur ein einziges Interesse haben: sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Ganz regelmäßig blockieren fragwürdige Zeitgenossen gleich mehrere Zapfsäulen, um dabei noch nicht einmal zu tanken, sondern nur ein Paket abzugeben. „Die nächsten Kunden interessieren da nicht, weil ich bin ja da“, sagt Andreas schwarzhumorig und rollt mit den Augen.

Heute Vormittag ist von diesen Gestalten allerdings niemand unterwegs, die Stimmung im kleinen Verkaufsraum mit den großen Panoramascheiben, die den Blick auf die Zapfanlage freigeben, ist wirklich gut. Reinhold aus Rülzheim, den alle nur als Mister Schoko kennen, trinkt vor seiner Schicht am Unneroiser Friedhof noch einen Espresso, scherzt mit Andreas und Wolle, der gerade zur Arbeit in der Tankstelle kommt. Seit zehn Jahren arbeitet er bereits mit Andreas zusammen, und auch wenn sie sich bärbeißig frotzeln, merkt man sofort: Die beiden sind Freunde.

Ja, ein bisschen heile Welt gibt es hier in Andreas’ Tankstelle vor dem Ubstadter Kreisel noch, aber wie früher wird es nicht mehr – da gibt er sich keinen Illusionen hin. Die Romantik rund um das Thema „Auto“ ist längst dahin, das Auf Achse-Idyll mit Manfred Krug trifft schließlich auch schon längst nicht mehr auf den Höllenalltag der Fernfahrer zu – warum sollte es an der Tanke anders sein? Die ganz kleine Dorftanke hat keine Zukunft, das weiß Andreas genau, die Personalkosten sind einfach zu hoch. Hier wird sich in den nächsten Jahren noch viel verändern, ist sich der erfahrene Tankstellenbetreiber sicher. „Es wird später irgendwann nur noch Großstationen am Rand der Stadt geben. Mit Ladestationen für Lkw, mit Stauräumen. Die Kleinen werden sterben.“

Noch ist es nicht so weit, noch ist Andreas da – auch wenn er dem Ruhestand nicht ganz freudlos entgegensieht. Befragt nach seinen Plänen, gibt er eine schnelle und eindeutige Antwort: „Meine Pläne sind, dass ich das noch überstehe. Und dass ich, wenn es so weit ist, sagen kann: Ich hab meinen Teil getan. Und jetzt ist Gott sei Dank fertig.“ Tja, viel hat er gesehen, viel erlebt in seinen 40 Jahren an der Tankstelle. Überfälle, Vandalismus, explodierende Preise, Versorgungsengpässe, E5, E10, verbleit oder unverbleit … So viele kleine und große Veränderungen, die wie der endlose Strom an Autos vor dem großen Fenster der Tankstelle unablässig vorbeiziehen.

Irgendwann werden sie vorbei sein, die Tage an der Tanke. Manche werden sie nicht vermissen, anderen aber werden sie fehlen. Mir zum Beispiel.