Stirbt die Kneipe, stirbt das Dorf

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Wirtschaften im Dorf sind mehr als “Essen und Trinken” – sie schweißen die Menschen im Ort zusammen

Das Kraichgauer Dorfleben ist vom Aussterben bedroht. Die Zeiten in denen unser Hügelland noch wirklich ländlich, wirklich abgeschieden lag, sind längst vorbei. Gerade jene Dörfer die das Glück, oder in diesem Fall vielmehr das Pech haben, über eine gute Verkehrsanbindung zu verfügen, mutieren immer mehr zu Wohnburgen und Trabanten der großen Städte. Faktisch bedeutet dies: Arbeiten, Einkaufen und Ausgehen in der Stadt – Übernachten auf dem Dorf. Konnte sich früher kaum ein Städter aus Karlsruhe oder Heidelberg vorstellen im Kraichgau zu leben, wird unsere Ecke der Welt durch den steten Ausbau von Straßen und Schienen immer attraktiver gegenüber den völlig überfüllten Stadtvierteln.

Das Dorfleben leidet unter dieser einseitigen Fokussierung auf die Stadt und dem immer weiter zunehmenden Rückzug ins Private nicht nur, es verkümmert regelrecht und beginnt abzusterben. Vereine stemmen sich als Keimzellen der Dorfgemeinschaft gegen diesen Trend, organisieren Freizeitaktivitäten, stellen Festle und Zusammenkünfte auf die Beine – doch auch sie plagen zunehmend Nachwuchssorgen. Wer hat schon noch Zeit sich neben der Belastung im Job, im Zweitjob oder durch die vielen, zwischenzeitlich zur Selbstverständlichkeit gewordenen Überstunden noch zu engagieren? Echte Vereinsarbeit macht Freude aber noch mehr Arbeit. Zwar sinkt deutschlandweit weder die Zahl der Vereine und auch nicht die Zahl der Mitglieder, doch wohl die jener Menschen die sich wirklich aktiv mit einem Amt und der damit einhergehenden Verantwortungen einbringen wollen.

Doch wenn es nicht die Vereine sind, wo besteht im Dorf noch die Möglichkeit zusammenzukommen, sich auszutauschen, sich kennenzulernen? Nun, beim örtlichen Einkaufen und abends in der Wirtschaft. Jeder Dorfbewohner wird nun schmerzhaft das Gesicht verziehen, denn hier werden gleich zwei wunde Punkte getroffen. Einkaufen im Dorf, das ist mittlerweile nur noch in wenigen Gemeinden vollumfänglich möglich. Ein Bäcker hier, ein Metzger da, doch die Zeit der kleinen Lebensmittelhändler auf dem Land ist längst vorbei. Automaten können zwar die eine oder andere Lücke schließen, dienen aber sicherlich nicht als Treffpunkt für den Austausch von Klatsch und Tratsch. So ein Schwätzle wird zwar gerne belächelt, gehört aber zum Dorfleben dazu, ist sogar ein Grundbedürfnis für viele Menschen. Das Einkaufen hat sich aber längst in die Discounter und Großmärkte verlagert, die kleinen Läden auf dem Land schließen reihenweise, zwischenzeitlich auch immer mehr bislang standhafte Bäcker und Metzger. Egal ob in Östringen, Kraichtal oder Eppingen – die Zahl diesbezüglicher Verluste ist in letzter Zeit schmerzlich gestiegen.

mit der Krone ist im letzten Jahr die letzte Eichelberger Wirtschaft verschwunden

Was bleibt also am Ende noch übrig? Richtig, unsere Wirtschaften, Gasthäuser und Kneipen. Dorfwirte halten den Laden zusammen, sind für viele Landbewohner erste Anlaufstelle. Zum Frühschoppen am Sonntagmorgen, zum gemeinsamen Fußballschauen am Freitagabend, zum Feiern nach dem Heimsieg der Mannschaft, für Hochzeiten, Geburtstage, Kommunionen oder eben für ein gepflegtes Feierabendbier unter Nachbarn. In Dorfkneipen ist jeder willkommen, jeder darf so sein wie er ist. Hier treffen Neigschmeckte auf Ureinwohner, der Pfarrer auf den Kaminkehrer, Jung auf Alt und Gott auf die Welt. Während die Oma in der Küche Schnitzel klopft, zocken die Altherren Skat im Nebenzimmer, toben die Kinder durch den Gastraum, begleitet vom Gedudel der Glücksspielautomaten in der Ecke.

Ein schönes Bild, oder? Leider auch eines, dass man nur noch selten sieht. Gab es früher auf dem Dorf selbst in klitzekleinen Gemeinden gleich drei, vier, fünf oder mehr Wirtschaften, sind heute mit viel Glück noch ein oder zwei übrig. In den letzten 20 Jahren musste bereits jede vierte Kneipe in Deutschland schließen, viele von den übrig gebliebenen rudern tagtäglich um über die Runden zu kommen. Über Wasser gehalten werden sie oft noch von echten Wirten mit reichlich Idealismus, denn mit einer Dorfbeize ließ sich noch nie das große Geld machen. Wie viele von diesen gestandenen Veteranen nach der Corona Krise noch übrig sein werden, das steht in den Sternen. Sicher ist aber, es werden deutlich weniger sein, als vor der Pandemie.

Die Gastronomie musste in der Krise wie keine andere Branche einstecken, monatelange Zwangsschließungen und Lockdowns haben mehr als nur einen Wirt in die Ecke getrieben. Viele haben während der vergangenen Monate Schulden angehäuft oder sehen sich mit Rückzahlungsforderungen der Corona-Hilfen konfrontiert. Es wird daher nicht ausbleiben, dass in zahlreichen Wirtschaften in den nächsten Wochen und Monaten die Lichter ausgehen, das letzte Mal die Stühle hochgestellt werden.

Was könnten wir also tun, um aus dieser Misere herauszukommen, diesen fatalen Trend zu stoppen? Wie wäre es für den Anfang anstatt sich auf die Untiefen und das alles verschlingende Überangebot dieser wirren Welt, auf jenen kleinen Teil zu konzentrieren, in dem wir noch wirklich wirken und etwas bewirken können. Wenn wir wieder mehr Interesse und Verantwortung für unser direktes Umfeld zeigen und übernehmen, unser Dorf nicht nur als Standort der eigenen vier Wände, sondern als lebendiges, vitales Gemeinwesen begreifen würden? Wenn wir uns um unsere Nachbarn kümmern würden, vor Ort einkaufen und vor Ort einkehren wäre schon vieles gewonnen. Utopische Traumtänzerei, mögen nun viele sagen und sie haben vielleicht recht. Vielleicht ist die Zeit des beschaulichen Dorflebens ja einfach vorbei. Sicherlich aber nicht für immer, denn auch dieses Pendel schlägt irgendwann wieder zurück. Je komplizierter und unüberschaubarer die große weite Welt wird, desto mehr nährt sie die Sehnsucht nach dem Kleinen, nach dem Nahen. Oder um es mit dem Titelsong der schönsten Kneipen-Serie aller Zeiten zu sagen: Sometimes you wanna go where everybody knows your name. – Manchmal willst du dorthin gehen, wo jeder deinen Namen kennt.

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1 Gedanke zu „Stirbt die Kneipe, stirbt das Dorf“

  1. jo…traurig!!! Die Dörfer entwickeln sich zu reinen Bettenburgen. Mit krebsartig in die Landschaft wuchernden Neubaugebieten. Und damit immer mehr (Pendler-)Verkehr. Wer will denn noch in den Ortskernen wohnen oder eine Dorfkneipe betreiben?
    Dörfer leben durch ihre Ortskerne und Kneipen. Nicht durch Neubaugebiete und Durchgangsverkehr!

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