Nach über 30 Jahren schließt Marianne Vetter ihren kleinen Secondhandladen für Kinderbekleidung in Odenheim. Mit ihr geht die Verkörperung von Nachhaltigkeit und nicht zuletzt das lebendige Geburtenregister für alle Kraichgauer Storchenlandungen aus drei Jahrzehnten.
Ein Hügelländer Original und ihr Lebenswerk
Da sitzt sie, Seite an Seite mit ihrem übergroßen Gartenzwerg samt roter Mütze, der längst zum Markenzeichen geworden ist, und schirmt die Augen gegen die helle Odenheimer Maisonne ab. Marianne Vetter ist ein Hügelländer Original: ausgebildete Schreinerin und seit Ende der Neunzigerjahre der Dreh- und Angelpunkt für alle mit Nachwuchs gesegneten Haushalte und deren Grundausstattung.
Seit weit über 30 Jahren wechseln in Mariannes kleinem Secondhand-Geschäft in der Schulstraße Strampler, Babyschühchen, Kinderwagen, Sonnenmützchen, Baumwollbodys, Tragehilfen, Winterjacken, Latzhosen, Umstandskleider und Spielwaren aller Formen und Größen den Besitzer. Mariannes Laden ist dabei mehr Umschlagplatz als ein gewöhnlicher Markt. Gebrauchtes wird hier auf Kommission verkauft; vom Gewinn behält Marianne einen kleinen Teil für sich, der Rest geht an dankbare Mütter und Väter, die ihre Ausstattung sinnstiftend weitergeben – sehr zur Freude anderer junger Eltern, die sich hier günstig ausstaffieren können.
Nachhaltig, gesund und pragmatisch
In kaum einer anderen Branche macht der Handel mit Secondhand-Produkten mehr Sinn als im großen, bunten Feld rund um Elternschaft, Kinder und Babys. Zum einen wachsen die Kleinen so schnell, dass Neuanschaffungen kaum lohnen, da gefühlt 20 Minuten später ohnehin nichts mehr passt. Zum anderen ist der Warenkreislauf hier nicht nur nachhaltig, sondern sogar gesünder, da durch das vielfache Waschen der getragenen Kleidung längst alle Schadstoffe aus den Textilien herausgespült sind.

Es ist ein Konzept, das funktioniert – sogar auf dem Dorf, sogar am Dorfrand, wo Marianne ihren kleinen Laden betreibt. Ganz ursprünglich war das Geschäft einmal ein Lebensmittelladen, sogar eine Videothek gab es hier. Doch seit 1996 ist die Schulstraße Nummer 24 einer der zentralen Handelsknoten für Kinderkleidung und Co. Marianne steht als Profi in dessen Zentrum, weiß genau, wie die Branche funktioniert und wie junge Eltern ticken. Sie weiß, dass beim ersten Kind vor lauter Stolz und Ehrgeiz oft noch Unsummen in Neuware gesteckt werden, während beim zweiten Kind spätestens ein gesunder Pragmatismus in das familiäre Haushalten einzieht. „Also beim ersten Kind red ich gar nicht rein, wenn jemand was Neues gekauft hat“, lacht Marianne, „beim zweiten und beim dritten Kind kommen sie dann direkt vom Krankenhaus zu mir und decken sich ein.“
Qualität statt billiger Schrott
Diese Lernkurve kennen alle mehrfachen Eltern vermutlich nur zu gut. Kinderausstattung überlebt sich schnell, ist in der Erstanschaffung teuer, auf dem Gebrauchtmarkt dagegen spottgünstig. Marianne nimmt ohnehin nur qualitativ hochwertige Produkte in ihren Kreislauf auf; billiger Schrott kommt ihr nicht in die Tüte und schon gar nicht in den Laden. Ihre Kunden – wobei es vermutlich Kundinnen in der Summe besser trifft – wissen das sehr zu schätzen. Während wir uns unterhalten, bimmelt immer wieder die kleine Türglocke und eine werdende oder frischgebackene Mama sieht sich um oder holt den durch Marianne erwirtschafteten Erlös ihrer gebrauchten Sachen ab.

Seit ein paar Wochen endet jeder dieser Besuche im Grunde ähnlich: mit ein paar herzlichen Worten, gefolgt von einem sorgenvollen Blick und großem Bedauern. Denn es hat sich längst im Ort herumgesprochen: Marianne hört auf. Im Schaufenster hängt nun die liebevoll formulierte Begründung:
„…nach drei Jahrzehnten voller Begegnungen, Geschichten und besonderer Momente schließe ich mein Secondhand-Kinderland zum 30. Juni 2026. Was über all die Jahre entstanden ist, war weit mehr als nur ein Geschäft. Es war ein Ort des Austauschs, der Nachhaltigkeit und des Vertrauens. Dafür möchte ich von Herzen DANKE sagen.“
Ein Abschied, der eine Lücke hinterlässt
Es ist ein Dankeschön, das Odenheim und im Grunde die ganze Region gerne zurückgeben. Danke, Marianne, für eine tolle Idee, für immer ein offenes Ohr und für die Möglichkeit, Gutes zu erwerben und das eigene Gut einem guten Zweck zuzuführen.
Mit Marianne geht mehr als nur ein kleiner Secondhandladen – es geht im Grunde das menschliche Geburtenregister aus Odenheim und dem gesamten Umkreis in den Ruhestand. Keiner weiß besser, wer wann und wo Nachwuchs bekommen hat, als Marianne. Schließlich kommen sie anschließend alle zu ihr, all die jungen Mütter und Väter mit ihren kleinen und großen Bedürfnissen. Und mit Marianne geht auch das letzte bisschen engagierte Einzelhandel, den es in der Odenheimer Schulstraße noch gibt. Ihr direkter Nachbar, das Schreibwarengeschäft Feigenbutz, hat schon vor Langem die Segel gestrichen; nun gehen auch im Schaufenster nebenan die Lichter aus. Für Odenheim zweifelsohne ein Verlust, der nicht so leicht zu ersetzen ist – schon gar nicht durch den seelenlosen Handel mit Gebrauchtwaren im Internet und all die Unredlichkeit, die dort oft mitmischt.

Wie es mit Marianne weitergeht? Das weiß sie selbst noch nicht ganz genau, auch nicht, was sie mit der nun freiwerdenden Zeit anfangen wird. Ihr ganzes Leben war durch den kleinen Laden bestimmt. Wie sie die Lücke füllen möchte, das weiß sie jetzt noch nicht. Man darf aber sicher sein: Odenheim und die vielen Bekanntschaften, die sie hier geknüpft hat, werden sie liebevoll auffangen, so wie der Ort das immer macht.
Ach ja, der kleine Gartenzwerg, der jahrzehntelang vor dem Laden dessen Öffnung signalisiert hat, hat bereits ein neues Zuhause in spe gefunden – natürlich in Odenheim. Wo denn sonst?

Und es geht weiter !! Mit wir schließen , gute Nacht