Sie kumma oifach net rum

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55 Jahre gibt es den kultigen Kienholzclub in Odenheim bereits – Zeit für einen Ortsbesuch

Ich will ehrlich sein: Als ich das erste Mal vom Kienholzclub in Odenheim gehört habe, bin ich irgendwie von einem Kegelverein ausgegangen. Keine Ahnung warum, aber diese spontane Assoziation hat mir völlig gereicht, um das Thema geistig einzuordnen, abzuspeichern und zu vergessen. Was für ein epochaler Fehler! Hätte ich hier früher etwas mehr Interesse gezeigt, hätte ich einen Haufen liebenswerter Menschen sehr viel früher kennenlernen können, die mehr sind als nur ein Verein – im Grunde eine große Familie.

Was sie genau machen, ist im Grunde schnell erklärt. Kienhölzer sind Holzstücke unterschiedlichster Längen aus harzreichem Holz, so erklärt es die Wikipedia. Das klingt auch etwas hölzern. Ich glaube, wir können uns vielmehr darauf einigen, die kloina Stöckle einfach Anzündholz zu nennen. Die Jungs vom Kienholzclub treffen sich einmal im Jahr, um diese kleinen Holzstücke mit der Axt aus größeren Holzstücken herauszulösen, sie in kleinen Portionen zu bündeln, um sie schließlich am Rosenmontag mit dem Leiterwagen in Odenheim auszufahren und zu verkaufen. Das Geld, das sie dadurch einnehmen, kommt ausschließlich dem guten Zweck zugute – und zwar dem guten Zweck direkt vor Ort. Es fließt in Kindergärten, soziale Einrichtungen, in Schulen und an was und wer auch immer gerade eine kleine Finanzspritze gut gebrauchen könnte. Odenheim lässt sich an diesem Tag auch nicht lumpen. Es kann durchaus vorkommen, dass der Betrag im Beutel knapp vierstellig wird – ein Wert, der den von ein paar Stöckchen Holz natürlich um Weiten übertrifft, aber darum geht es natürlich auch nicht.

Das Geschäft mit dem Kienholz ist rein symbolischer Natur. Dem Verein geht es um viel mehr als das. Es geht ihm um Brauchtumspflege, in erster Linie aber um das Miteinander in und für Odenheim. Das ist nicht einfach nur so dahergesagt, das spürt man in dem Moment, in dem man auf die vielen Menschen, die den Kienholzclub bilden, das erste Mal trifft. In meinem Fall war dieses erste Mal der 22. Februar 2025. Der Schauplatz: Seppels alte Scheuer im Hinterhof seines Friseursalons an der Ecke, an der Nibelungenstraße und Kirchstraße aufeinandertreffen. Hier hat das Odenheimer Urgestein, Baujahr 1938 – man höre und staune – schon unzählige Köpfe zurechtgestutzt, tut das sogar an einem Tag der Woche immer noch, obgleich viele der Köpfe seiner Weggefährten mittlerweile kaum noch Haare aufzuweisen haben.

Doch der Schauplatz der alljährlichen Prozedur ist nicht der zwischenzeitlich von seiner Tochter übernommene Friseursalon, sondern der schmale überdachte Innenhof und die angrenzende Scheune. Einmal im Jahr trifft sich die Kienholz-Familie hier, um besagte Kienhölzer herzustellen. Das Ganze sieht nicht wie ein Vereinstreffen aus, sondern tatsächlich wie ein Familientreffen. Ganz viele Kinder springen umher, treiben Schabernack, kreischen und spielen lautstark, die Mamas sitzen beieinander und quatschen fröhlich, und die Väter lösen mit der Handaxt die Holzscheite von Stämmen und Baumscheiben, frozzeln dazu bübisch miteinander und wirken dabei so fröhlich und losgelöst, als stünden sie im Clubhaus ihrer Jugend.

Im Grunde tun sie das eigentlich auch, denn Seppels Hinterhof ist nicht erst seit gestern die Zentrale des Clubs. Seit 55 Jahren gibt es den Zusammenschluss, seit der in Odenheim legendäre Trainer Rudi Herberger aus dem fernen Wissedal den Brauch mit den Kienhölzern an den Katzbach gebracht hat. So saß man eines Abends im Jahre 1970 in der Küche von Familie Bolich und hob den Kienholzclub aus der Taufe. Tja, was soll ich sagen, hier sitzen sie heute immer noch, genau in der gleichen Küche, genau wie früher, vor einem verdammten halben Jahrhundert. Am Herd stehen zwei der Veteranen und rühren intensiv duftende Grummbieraworscht in riesigen Töpfen, während der Rest der Mannschaft gerade noch den Hof von den letzten Hackschnitzeln befreit, Klarschiff vor dem Essen macht. Auch Seppel ist immer noch dabei. Seit dem ersten Tag hat er keines der Treffen verpasst – kein Wunder, schließlich ist er ja auch der Hausherr und fühlt sich im Kreise seiner hölzernen Brüder und Schwestern auch sichtlich wohl. Dass er stramm auf die 90 zugeht, davon sieht man tatsächlich nicht viel. Seppel wirkt noch deutlich jünger und dynamischer, als man es bei diesem Alter glauben würde. Während die anderen noch seinen Hof kehren, sitzen Seppel und Hermann, die beiden Club-Veteranen, bereits in der Küche und freuen sich auf die Worschdsupp, die dunkelrot ihren Duft verströmt.

Dann ist es soweit: Essen fassen! Der Platz in der kleinen Küche der Bolichs reicht dafür natürlich nicht aus. Die Kinder sitzen im hölzernen Umzugswagen, der sich am Rosenmontag wieder auf den Weg machen wird, der Rest der Truppe nimmt im Hof auf Bänken und Stühlen Platz. Es wird geschwätzt, gescherzt, gelacht, man prostet sich zu und freut sich auf das alljährliche Ritual, das zum Höhepunkt der Odenheimer Fasnacht wieder seinen Lauf nehmen wird. Dieser Lauf hat sich dabei über Jahrzehnte hinweg etabliert und startet bereits in den frühen Morgenstunden des Rosenmontags. Gemeinsam zieht der Club mit den fertig verschnürten Kienholzbündeln um die Odenheimer Häuser, ruft lautstark „Hooolz“ und muss nun nur noch darauf warten, dass die geneigte Kundschaft Fenster und Türen öffnet. Der Haken: Große Teile dieser Kundschaft öffnen dem Club nicht nur ihre Türen, sondern auch ihren Weinkeller und sämtliche Bier-, Wein- und Schnapsflaschen im Haushalt. Überall hält man an, unterhält sich, trinkt ein bisschen was und schafft deswegen – übrigens ebenfalls eine Tradition – nur einen Bruchteil von Odenheim abzuklappern, bevor es Zeit für den Rosenmontagsumzug wird. Dieses Dilemma, der in Feierlaune einfach durch die Finger gleitenden Zeit, haben die Clubmitglieder in einer Art Slogan verewigt: „Mir kumma net rumm“ – Sie kommen einfach nicht rum.

Genau wie der Weihnachtsmann schaffen sie es einfach unmöglich, innerhalb weniger Stunden alle zu erreichen. Doch dort, wo die bunte Truppe vorbeikommt, ist Spaß und gute Laune garantiert. Deshalb gehören sie auch einfach dazu zum Odenheimer Ortsbild, sind hier nicht mehr wegzudenken, schon gar nicht nach über einem halben Jahrhundert. Kein Wunder, dass sie bei ihrem Auftritt am Rosenmontagsumzug vor dem Odenheimer Rathaus Standing Ovations bekommen – für diese unglaublichen fünf Jahrzehnte, in denen es nur um Freundschaft, Zusammenhalt, Familie und Odenheim geht und ein kleines bisschen sogar um Holz.

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