Bruchsals neuer Oberbürgermeister Sven Weigt über die Herausforderungen, mit denen die Stadt zu kämpfen hat.
von Stephan Gilliar
“Keine Sorge, er ist bestimmt gleich da”, ruft mir Bürgermeister Andreas Glaser zu, als er mich um kurz nach zwei vor dem Büro des neuen Oberbürgermeisters an der Wand lehnen sieht. “Disziplin schreibt er groß”, sagt er freundlich lachend und ist auch schon um die Ecke verschwunden. Tatsächlich hört man überall in der Rathausbelegschaft Attribute wie: verbindlich, pünktlich, diszipliniert, verlässlich, wenn es darum geht, den neuen Chef zu beschreiben. Und da kommt er auch schon, schnellen Schrittes, die Absätze auf dem Fliesenboden klacken laut. Die Hand bereits zum Gruß ausgestreckt, im Gesicht ein breites Lächeln, das seine Augen wie immer zu engen Schlitzen werden lässt, die, umrandet von der dicken schwarzen Hornbrille, irgendwie an den griechischen Buchstaben Theta erinnern.
Sven Weigt, 53 Jahre alt, dreifacher Familienvater und seit vergangenem Sommer Oberbürgermeister der großen Kreisstadt Bruchsal. Es ist ein Amt, das ihm nicht fremd ist, war er doch jahrelang zuvor bereits Bürgermeister in Bruchsals Nachbargemeinde Karlsdorf-Neuthard, aber vergleichen lassen sich diese beiden Lebensabschnitte nur bedingt. Denn Bruchsal ist eben nicht Karlsdorf-Neuthard: Als große Kreisstadt leben hier deutlich mehr Menschen, wiegen Aufgaben und Verbindlichkeiten schwerer. Es ist ein bisschen wie mit einem kleinen Segelboot und einem großen Ozeandampfer. Auf Ersterem packt der Kapitän noch bei wirklich jedem Handgriff selbst mit an, auf Letzterem gilt es, für Überblick zu sorgen und Aufgaben abzugeben.
Um diesen neuen Aufgaben gerecht zu werden, begegnet ihnen Sven Weigt mit Struktur und System – emotionales oder gar impulsives Führen ist ihm und seinen Denkweisen fremd. Schon vor dem Amtsantritt habe er Konzepte und Abläufe entwickelt, wie er die Organisation der Bruchsaler Verwaltung definieren möchte, erzählt er. Was dabei zuerst ins Auge springt, ist das nahezu vollständige Fehlen von Papier im Büro des OB. Alles wirkt aufgeräumt, minimalistisch und frei von Unnötigem oder Ablenkungen jedweder Art. Ein großer höhenverstellbarer Konferenztisch, daneben ein ebenso großer Schreibtisch, lediglich mit einem Telefon ausgestattet und einem Anschluss für den Laptop, den Sven Weigt fast immer unter dem Arm trägt. Mehr braucht er nicht, der Rest läuft digital. Sein EDV-System hat er so optimiert, dass Abläufe, Informationen, Projekte, Nachrichten und alles Wissenswerte aus den verschiedenen Ecken des Maschinenraums der Stadt gebündelt bei ihm eingehen. Antworten gibt es innerhalb kürzester Zeit. Nichts hasst Sven Weigt mehr, als wenn etwas liegen bleibt.

Und trotzdem kann auch der OB Zeit und Raum nicht krümmen, am Ende reicht es selten für alles. Der Tag beginnt früh morgens, ist eng durchgetaktet, selten kommt er vor 22:00 Uhr nach Hause, erzählt er. “Ja, bei der Familie musste ich etwas abschneiden”, sagt er auf meine Frage hin, ob denn noch genug Zeit dafür bliebe. „Das ist jetzt im ersten Jahr so, da muss man Vollgas geben.” Dennoch versucht er natürlich, so viel Zeit zu erübrigen wie möglich, Weihnachten beispielsweise verlief harmonisch. “Das war schön”, erzählt Sven Weigt, bevor wir uns den harten Bruchsaler Themen widmen.
Denn politisch betrachtet ging der Führungswechsel an Bruchsals Spitze während eines handfesten Sturms vonstatten – ein Sturm, der auch heute noch tobt und dessen Ende nicht absehbar ist. Bruchsals Haushaltslage ist mehr als nur angespannt: Bis 2028 sind allein Ausstände von rund 80 Millionen Euro bei der Gewerbesteuer prognostiziert (Stand Haushaltsplanung). Das große Leck, durch das das Geld beständig wegläuft, sieht Sven Weigt aber bei den Sozialausgaben. Für den CDU-Politiker stehen diese längst nicht mehr in einem gesunden Verhältnis zu den angestrebten Zielen. Jedes Jahr stiegen auf Kreisebene die Ausgaben für Soziales um rund 30 Millionen Euro, über ein Jahrzehnt kämen so Mehrausgaben von knapp einer Drittelmilliarde Euro zusammen, rechnet der OB vor.
Das sei freilich kein exklusives Bruchsaler Problem, so Sven Weigt, sondern ein bundesweites Problem, das die Kommunen massiv unter Druck setzt. Jugendhilfe, Eingliederung, Bundesteilhabegesetz zählt der OB beispielhaft auf und attestiert eine „völlig absurde Dynamik und das hat dann auch nichts mit dem Sozialstaat mehr zu tun.“ Seines Erachtens nach hat Bruchsal kein Einnahmenproblem, sondern dadurch bedingt ein Ausgabenproblem. Wie schwer dieses trägt, darüber lässt er keinen Zweifel offen: “Wir reizen schon jetzt viele Limits aus“, so der OB.
Den wohl prägnantesten Satz des Gesprächs liefert Weigt, als es um die Frage geht, ob man die Lücke nicht schlicht durch Kürzungen schließen könne. Seine Antwort ist eindeutig: „Selbst wenn wir all die großen Subventionen – Betreuung, Schwimmbäder, Kultur – auf Null zurückfahren würden, würde das trotzdem nicht reichen, um die Gap auszugleichen.“

Trotzdem müssen die Bruchsaler wohl in den kommenden Monaten noch nicht mit schmerzhaften Einschnitten rechnen, der ganz große Kahlschlag steht nicht auf der Agenda. Bewegen müssten sich nun das Land und der Bund, nur sie könnten das dicke Ende abwenden. Passiert jedoch in den nächsten ein bis zwei Jahren nichts, so wäre das System spätestens dann am Ende – so die Quintessenz von Sven Weigts Ausführungen.
Mit dieser Wahrnehmung steht der OB nicht alleine da, es ist im Grunde die Position zahlreicher anderer Städte und Kommunen, nicht nur in Baden-Württemberg. Zwar hat das Land Baden-Württemberg für 2025 und 2026 den Kommunen eine akute Unterstützung in Höhe von rund 500 Millionen zugesagt, doch das sei nur eine vorübergehende Lösung, so Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup erst vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem Staatsanzeiger. Denn der Bund wolle sich nun zunächst der Verteidigung und der Sozialreform widmen: „Bis dahin ist die kommunale Daseinsvorsorge vielerorts tot und die Kommunen stecken unumkehrbar in der Verschuldungsfalle“, so Mentrup.

Wie es in Bruchsal nun kurz- oder mittelfristig weitergehen kann? Darüber wird der Gemeinderat bei seiner nächsten Klausurtagung noch in diesem Frühjahr beraten. Doch auch wenn die Lage mehr als angespannt ist, will Sven Weigt weiter ruhig und besonnen bleiben, sieht der Zukunft optimistisch entgegen. Innovation entstehe in Krisen, sagt er, sehe Potential und Möglichkeiten Bruchsals weit über reine Mangelverwaltung hinausgehend. Besonders gut in Erinnerung geblieben ist ihm ein Zitat, das er gerade auf dem Neujahrsempfang der IHK aufgeschnappt hat: “Mut ist die Abwesenheit von Sicherheit”.
Mut wird er brauchen – denn sollten keine Lösungen für das klaffende Loch im Bruchsaler Haushalt gefunden werden, werden schmerzhafte Kürzungen auch hier immer wahrscheinlicher. Gerade im sozialen Bereich birgt das erheblichen Sprengstoff. Gleichzeitig gilt: Einschnitte ausgerechnet bei sozialen Leistungen gelten als politisch heikel und gesellschaftlich riskant. Umso bitterer wirkt der Blick auf die andere Seite der Rechnung: Während Kommunen an freiwilligen Leistungen feilen müssen, entgehen dem Staat durch Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit nach objektiven Schätzungen Jahr für Jahr Summen in dreistelliger Milliardenhöhe. Und genau dort liegt der eigentliche Konflikt dieser Zeit – nicht da, wo zu viel ausgegeben wird, sondern da, wo zu wenig ankommt.
Es ist entscheidend, dass Herr Weigt schnell erkennt, wer wirklich die Kompetenz für die Schlüsselpositionen hat und wer nur heiße Luft verbreitet. Unsere Krise lässt sich nur durch Fachwissen und entschlussfähige Entscheider meistern, nicht durch Verwalter. Die Führungsebene muss konstruktiv herausgefordert werden.