Schlafversager

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Vom “Schlafen wollen” und vom “Schlafen können” und wieso beides nicht immer zueinander findet

von Philipp Martin

Es ist wieder soweit… einer dieser tristen, grauen Morgen, von denen es in den letzten 15 Jahren viel zu viele gab. Vor dem Fenster wabern dichte Frühnebel, der Himmel zeigt sich verschlossen und mit finsterer Miene. In meinem Kopf sieht es ganz genauso aus… Die Augenlider drücken schwer, hinter der Schläfe pocht ein leichter Schmerz und das Bewusstsein hängt irgendwo in jenem undefinierbaren Bereich zwischen Wach und Weggetreten fest. Wie ein Zombie wanke ich mit ausdruckslosem Gesicht in die Küche und schirme die Augen gegen das für meinen Geschmack viel zu grelle Licht der Küchenlampe ab. Die Kaffeemaschine beginnt damit diese widerlichen, gluckernden Geräusche von sich zu geben, das schrille Kreischen des Mahlwerks bohrt sich mir direkt zwischen den Augen in den Kopf.

Hinter mir liegt einmal mehr eine schlaflose Nacht, es ist bereits die dritte in dieser Woche. Vor mir liegt dagegen ein endlos langer Tag, konturlos und ohne jede zu erwartende geistige Spitze meines benebelten und völlig übermüdeten Gehirns. Beste Voraussetzungen also für einen Angehörigen der schreibenden Zunft, der auf frische Gedanken und einen wachen Geist angewiesen ist. Mittlerweile habe ich zwar den Skill entwickelt auch unter Notbesetzung im Oberstübchen einigermaßen zu funktionieren, schön geht aber anders.

Irgendwie habe ich die Fähigkeit erholsam zu schlafen, oder in vielen Nächten – überhaupt zu schlafen, schon vor langer Zeit verloren. Das geschah nicht schleichend, sondern mit einem Schlag. Mitten in meinen Zwanzigern schreckte ich eines Nachts plötzlich auf, das Herz raste und ich war wach… ein Phänomen, das mich seither in regelmäßigen Abständen heimsucht, manchmal wochenlang verschwindet und dann einfach wieder da ist. Am heutigen Tag feiern meine Schlaflosigkeit und ich unser 15-jähriges Jubiläum. Alles Gute also zum Jahrestag, du verdammtes Miststück.

Ich denke alle Menschen tragen ihr ganz persönliches Päckchen mit sich herum.. Bei manchen sind es Magenschmerzen, wiederum andere hören ein Pfeifen oder ein Klingeln in den Ohren, bei mir ist es die Schlaflosigkeit. Ich habe wirklich alles probiert, was man nur probieren kann… Ärztliche Untersuchungen in jede Richtung, Meditationstechniken, Entspannungstechniken, allerlei Gebräu und Elixiere, Hypnose, Einschlaf-CDs, Sport, kein Sport, Aromatherapien, Schlafmasken, und und und… alles für die Katz.

Es ist ein wirklich verrücktes und erschreckendes Gefühl: Wenn alles an dir müde ist und nach Schlaf schreit und es trotzdem du selbst bist, der sich um diesen so dringend benötigten Schlaf bringt. Wenn die Uhr von 23 Uhr auf 0 Uhr, dann auf 1 Uhr, dann auf 2 Uhr und dann auf 3 Uhr springt… Wenn du immer verzweifelter wirst, dann die Sonne vor deinem Fenster aufgeht und keine einzige Minute Schlaf auf den Konto eingezahlt wurde. Meine persönlichen Tiefpunkte der letzten Jahre fanden mit absoluter Regelmäßigkeit zwischen 3 Uhr und 6 Uhr am Morgen statt.

Wenn Du jetzt noch bei mir bist, dann bleib noch einen Moment länger. So schlecht wie sie begonnen hat, geht diese Geschichte nicht zu Ende. Meine schlaflosen Episoden haben mich zwar nicht verlassen, doch sie sind viel seltener geworden und suchen mich zwischenzeitlich in immer größeren Intervallen heim. Falls es Dir vielleicht auch so geht, möchte ich dieses Jubiläum nutzen, um Dir vielleicht ein klein wenig Hilfe oder zumindest etwas von meiner bitter errungenen Erfahrung mit auf den Weg zu geben.

Zuallererst, mach dir bewusst, dass du dieses Problem nicht alleine in den Griff kriegen musst, ja es vielleicht sogar nicht alleine in den Griff kriegen kannst. Es ist paradox, je mehr du es versuchst, je mehr du es forcierst und mit deinem Willen voranzutreiben versuchst, desto weniger wird es Dir gelingen. Schlaf ist kein Akt des Willens, Schlaf bedeutet loslassen, das Abgeben von jeglicher Kontrolle. Im Grunde kennt dieses Phänomen jeder, auch jene, die nur gelegentlich nachts wach liegen: Wer mit dem Vorsatz “Ich muss jetzt schlafen” ins Bett geht, kann mit felsenfester Sicherheit davon ausgehen, dass er es am Ende nicht tun wird.

Geh stattdessen ohne Vorsatz ins Bett, nimm die Situation so an wie sie ist. Wenn deine Gedanken sich drehen, lenke sie ab, denke an etwas schönes und bring alles was Dich in Sorge umtreibt zu Papier um es ganz bewusst auf den nächsten Tag zu legen. Lass dein Smartphone, dein Tablet und deinen Fernseher ausgeschaltet. Das grelle Licht, die Farben, die Geräusche und die einströmenden Informationen bringen dich eher weiter vom Schlaf weg, als dass sie dich in seine Arme treiben. Ich höre mir stattdessen zum Einschlafen gerne meine alten Kassetten aus Kindheitstagen an… Alf, TKKG, Die fünf Freunde… Ich kann jede Folge längst auswendig mitsprechen, deswegen versuche ich auch nicht aktiv und konzentriert zuzuhören, das hilft ungemein. Übe dich zudem – das ist meines Erachtens nach essentiell – in Achtsamkeit. Das klingt sehr viel hochtrabender, als es ist. Im Grunde bedeutet es einfach nur: Schau dir alles an was ist, nimm es an wie es ist und versuche es nicht zu verändern. Wenn zum Beispiel die Beklemmung und der Druck kommen, dass du morgen früh raus musst und dir der Schlaf fehlen wird, bleib ganz gelassen und schau dir diese Gefühle und Gedanken bewusst an, versuche nicht sie wegzukämpfen. Du wirst sehen, nur durch das aufmerksame und wertfreie Beobachten, werden sich diese Gefühle und Gedanken ändern.

Um diesen Artikel nicht allzu lang werden zu lassen, hier noch einmal die Quintessenz, auf die meine sämtlichen Ratschläge hinauslaufen: Gib Kontrolle ab. Schlaf ist nichts, was du forcieren kannst. Er kommt zu dir, wenn Du bereit bist, dich ihm ohne jede Bedingungen hinzugeben. Manchen Menschen fällt das unendlich leicht, anderen wiederum nicht. Das ist nicht fair und ich schaue heute noch neidisch auf all jene, die sich einfach nur hinlegen müssen, die Augen schließen und sofort einschlafen können. Aber was im Leben ist schon fair?

Zu guter Letzt noch, mein vielleicht wichtigster Appel: Wenn du längere Zeit an Schlaflosigkeit leidest, warte nicht wie ich viele Jahre lang, bevor du etwas unternimmst.. Such dir Hilfe. Oft spielen deine eigene Geschichte, deine Veranlagungen, deine Prägungen, deine Vergangenheit eine gewichtige Rolle. Man sollte es nicht für möglich halten, wie viel das Unterbewusstsein zu beeinflussen in der Lage ist. Mir hat ein Psychotherapeut aus dem schlimmsten Sumpf heraus geholfen, so dass meine schlaflosen Episoden immer seltener werden. Ich glaube nicht, dass ich sie irgendwann einmal ganz hinter mir lassen werde.. Der Schlaf und das übergeordnete Thema “Kontrolle abgeben” werden immer meine Achillesferse bleiben.. damit habe ich meinen Frieden gemacht. Wichtig ist für mich nur, dass die Tendenz stimmt und diese zeigt ganz leicht aber klar nach oben. Oder um meinen Therapeuten zu zitieren: Erfolg ist, wenn das Gewünschte häufiger geschieht und das Unerwünschte seltener. Gute Nacht Freunde, schlaft schön.

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1 Gedanke zu „Schlafversager“

  1. Ein guter Rat, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen! Es zeugt, so finde ich, von einem starken Charakter, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und diese dann auch annimmt. Ich kenne einige, die aus verschiedenen Gründen diesen Weg gegangen sind und allen hat es geholfen. Ihnen weiterhin viel Kraft und Erfolg auf Ihrem Weg!

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