Ruht in Frieden ihr Kaufhäuser

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Die goldene Ära der Einkaufstempel ist schon lange zu Ende

Ein wehmütiger Nachruf von Philipp Martin

Entschuldigen Sie bitte vielmals, ich muss für diese Reminiszenz an längst vergangene Tage zunächst einfach die rosarote Brille aufsetzen. Wenn ich an Kaufhäuser denke, reise ich unmittelbar zurück in die eigene Kindheit und fühle jene Aufregung, die mich immer befallen hat, wenn ich eines dieser gigantischen Bauwerke betreten habe. Schon dieses wohlige Gefühl, wenn ich an der Hand meiner Großmutter dieses riesige Warmluftgebläse über den gläsernen Eingangstüren passiert habe… und danach erst das magische Durcheinander aus Sinneseindrücken. Die intensiven und schweren Düfte aus unzähligen Parfümständen, die Kakophonie aus Getuschel und Lautsprecherdurchsagen, die sanfte Vibration durch das schwere Gummi am Handlauf der Rolltreppen… ein Besuch im Kaufhaus war immer etwas ganz Besonderes. So viele Bilder schießen mir durch den Kopf: Mein Opa im Gespräch mit einem Herrenausstatter, der so vornehm und adrett gekleidet war, wie man es heute kaum noch irgendwo sieht…. die Pyramiden aus Acrylglas, in denen sich die herrlichsten Süßigkeiten stapelten… die Stockwerke über und über gefüllt mit Waren aller Arten, die vor dem gläsernen Aufzugsschacht vorbei gleiten.

Ja, meine Erinnerungen an Kaufhäuser habe ich in warmen Sepia-Tönen abgespeichert, allesamt bittersüß, voller sehnsüchtiger Nostalgie, aber dennoch heuchelnd und verlogen. Als Erwachsener habe ich die große und verblassende Welt der Kaufhäuser kaum noch aufgesucht, allenfalls um in Erinnerung hindurch zu gleiten, die Zahl meiner Einkäufe dort sank mit den Jahren aber beständig. Wirklich komfortabel habe ich das Einkaufen in den großen Konsumtempeln nie erlebt. Ich erinnere mich z.b. daran wie ich mit dem Geld von meiner Konfirmation ein ferngesteuertes Auto in der Spielwarenabteilung gekauft habe, das leider bereits nach dem Auspacken nicht fahren wollte. Als kleiner Steppke brachte ich das Spielzeug zurück und sah mich dort bohrenden Fragen der Verkäuferin, Argwohn und Anschuldigungen ausgesetzt, bis sie das Gefährt schließlich zur Reparatur einsandte. Wenig zugesagt haben mir auch die endlosen Suchen nach einem freien Verkäufer, das oft aufdringliche Bewerben von Kundenkarten, die absurden Mondpreise in den Kaufhaus Cafeterias und das chronische Nichtvorhandensein von Kleidung oder Schuhen in meiner Größe.

Ich will hier gnadenlos ehrlich sein, Heuchelei bringt niemanden wirklich weiter. Wenn ich einkaufe, erledige ich das mittlerweile in den meisten Fällen online. Ich muss mir keinen Parkplatz nach einer Odyssee durch die Baustellen in den Innenstädten von Karlsruhe oder Heilbronn suchen, ich finde alle Produkte die ich haben möchte in jeglichen Größen, erhalte oft weitaus bessere Preise als in den Kaufhäusern und wenn irgendwann einmal etwas nicht klappen sollte, habe ich ein bedingungsloses Rückgaberecht ohne auf Kulanz oder endlose Diskussionen mit Verkäufern angewiesen zu sein. Mir ist absolut klar, dass durch mein Verhalten die Innenstädte weiter veröden werden, doch so funktionieren nun einmal Handel und Wettbewerb eben nicht. Niemand entscheidet sich bewusst für weniger Nutzen bei höheren Kosten, nur um ein System am Leben zu erhalten, das sich – so sieht es nun einmal aus – längst überlebt hat.

Um die Zukunft der Kaufhäuser in Deutschland ist es tatsächlich nicht gut bestellt. Erst vor wenigen Tagen ergab eine aktuelle YouGov-Umfrage, dass ein Drittel der Befragten das Konzept für nicht mehr zeitgemäß hält, zwanzig Prozent betrachten Kaufhäuser als Verschandelung der Innenstädte und auch die aktuellen Entwicklungen zeichnen ein düsteres Bild. So hat erst kürzlich der Mutterkonzern der beiden großen Kaufhausketten Karstadt und Galeria Kaufhof bekannt gegeben, rund ein Drittel seiner Filialen in Deutschland schließen zu wollen.

So traurig das auch sein mag, die lebendigen Tage des Wirtschaftswunders liege eben bereits über ein halbes Jahrhundert zurück. Trug man damals den erstmals wieder hart erwirtschafteten Wohlstand gerne in die Städte, haben sich Gesellschaft, Wirtschaft und Handel seither markant gewandelt. Zwar hat selbstredend auch der boomende Onlinehandel seine dunkel-schwarzen Schattenseiten, wie beispielsweise das Rangieren der Logistik am Rande des Kollaps, doch scheint es dennoch unwahrscheinlich, dass sich das Rad der Zeit zugunsten der Kaufhäuser in Kürze zurückdrehen wird.

So fahre ich auch weiterhin nur in Gedanken an der Hand meiner Großmutter mit der Rolltreppe im Kaufhaus nach oben und wieder nach unten, schlage danach aber die Augen auf und kaufe mein nächstes paar Schuhe wieder online. Mea culpa

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