Rote Rosen im Herbst

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Gibt es eine schönere Art und Weise in den Herbst zu starten, als auf dem Dorfmarkt in Oberacker? Wer einmal dort war, kann diese Frage kaum anders beantworten als mit einem klaren Nö.

Oberacker mag vielleicht nicht dieselbe historische, romantische Kulisse für ein mittelalterliches Fest bieten wie beispielsweise Heidelsheim oder Bretten. Dennoch muss sich der kleine Stadtteil von Kraichtal hier weißgott nicht verstecken. Tatsächlich gab es sogar einmal eine richtige Burg oberhalb des kleinen Dorfes – genau an derselben Stelle, an der heute, ganz unromantisch, die Sporthalle steht. Aber pragmatisch wie Oberacker ist, wird hier eben passend gemacht, was nicht passend ist.

In einem gemeinsamen Kraftakt verwandelt sich das Dorf unter der Federführung des Fördervereins zur Brauchtumspflege Oberacker e.V. innerhalb kürzester Zeit in sein mittelalterliches Alter Ego längst vergangener Tage. Dann lodern auf dem kleinen Kirchplatz plötzlich Lagerfeuer, Krämer und fahrende Händler schlagen ihre Buden auf, und Spielleute, Bauern, Schützen sowie edles Volk tummeln sich auf den Straßen. In der Schänke fließt das Bier in hölzerne Humpen, während über den Flammen Fische, Kartoffellanzen oder gleich eine ganze Wildsau rösten. Hin und wieder ziehen Gaukler und Musikanten durch die kleinen Gassen, oder es rollt schlingernd und mit Schlagseite der Schnapswagen vorbei, dessen Fuhrleute der eigenen feilgebotenen Ware wohl nicht gänzlich abgeneigt sind.

Überall gibt es etwas zu sehen und zu entdecken. Altes Handwerk samt seiner Techniken und Geheimnisse kann bestaunt werden, bei den Schützen gilt es, Pfeile sicher in die Mitte des strohenen Fadenkreuzes zu feuern, und wer wachen Auges und eines scharfen Verstandes mächtig ist, errät für eine Münze bestimmt aus dem Stegreif, wie lang die Rübe im Topf und wie schwer der Kürbis daneben ist – natürlich für den guten Zweck.

Ein Jubiläum wirft seine Schatten voraus

Zum 19. Mal wird der kleine Markt im Herzen von Oberacker veranstaltet, sodass nur ein Jahr ihn von seinem großen Jubiläum trennt. Doch auch diese 19. Ausgabe wird in die Geschichte eingehen, vermutlich als eine der bestbesuchten aller Zeiten. Ein Umstand, der der Kombination aus Feiertag und grandiosem Spätherbstwetter geschuldet ist: Unzählige machten sich auf nach Oberacker, und keiner wollte sich diese Gelegenheit entgehen lassen.

Schon zur feierlichen Eröffnung und der traditionellen, krachenden Feuerssalve der hiesigen Schützen platzte der kleine Markt aus allen Nähten. Wo man auch hinsah, gab es Menschen, ein fröhliches Stimmengewirr und eine stille, kollektive Verneigung vor diesem Fest – vor diesem wunderbaren Start in den Herbst.

Die Quintessenz der Hügelländer Lebensart

Der Dorfmarkt ist so etwas wie die Quintessenz der Hügelländer Lebensart: eigen, ein bisschen verschroben, aber herzlich, echt und in jeder Hinsicht warm und offen. Hier tauschen die eisernen Oberacker-Omas am Feuer den neuesten Dorftratsch aus, während direkt nebenan die Kinder zwischen Gewändern, Wamsen und Röcken umherwuseln.

Es ist ein Fest für die ganze Familie, bei dem auch die Kleinen nicht zu kurz kommen. Kerzenziehen, Wichtelwald balancieren und für die holden Meiden eine schöne Flechtfrisur, während die Buben – darunter Oberbube Borho – in einem Kübel den Buckel herunterrasen.

Was den Zauber des Marktes ebenfalls ordentlich befeuert, ist die Geruchsexplosion, die Komposition verschiedener verführerischer Düfte, die sich auf dem Kirchplatz ineinanderwirbeln. Frisch Gegrilltes direkt vom Feuer, große Waffeln aus dem gusseisernen Ofen, Holzofenbrot mit warmer Kruste und der süße Duft von frisch gepresstem Apfelsaft – natürlich nach alter Väter Sitte hergestellt von den Oldtimer- und Schlepperfreunden.

Dazwischen sprühen die Funken des Schmieds auf dem Amboss und die des Scherenschleifers am Schleifstein und über all dem die roten Rosen des alten Oberackerer Wappen inmitten des goldenen Herbstlaubes. Der Markt als wunderbares Wimmelbild längst vergangener Tage.

So bleibt am Ende, all jenen zu gratulieren, die diese besondere Ausgabe des Dorfmarkts zu Oberacker miterlebt haben, und denjenigen mitfühlend auf die Schulter zu klopfen, die diese einmalige Gelegenheit für einen Start in den Herbst versäumt haben. Doch keine Sorge: Schon im nächsten Oktober steht die große Jubiläumsausgabe an – wir sind dabei, und Sie alle hoffentlich auch!

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