Der Tag der offenen Tür in der JVA Kislau ist jedes Jahr ein riesiger Besuchermagnet – besonders eine Sache interessiert die Menschen brennend.
Punkt elf Uhr startet nach dem vorausgehenden Gottesdienst der Tag der offenen Tür in der JVA Kislau – ganz offenbar ein Termin, den sich Hunderte potenzielle Besucherinnen und Besucher bereits Wochen zuvor dick im Kalender eintragen. Anders kann man es sich nicht erklären, dass genau zu diesem Zeitpunkt, wenn das bauchige Dröhnen der Kirchturmuhren in Mingolsheim und Kronau (die beide gut auf dem Gelände der genau in der Mitte liegenden Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Bruchsal zu hören sind) ertönt, bereits unzählige Menschen unterwegs sind.

Wobei „unterwegs“ es nicht ganz trifft; vielmehr stehen die meisten von ihnen in einer langen Schlange vor dem Haupttor der Haftanstalt – einer Schlange, die sich fast bis zurück zu den Parkplätzen erstreckt, welche zu diesem Zeitpunkt schon fast restlos gefüllt sind. Alle, die sich hier geduldig einreihen, haben ein gemeinsames Ziel: das alte Schloss Kislau und die darin untergebrachte Justizvollzugsanstalt nicht nur aus der Nähe, sondern direkt in ihrem Herzen zu entdecken und zu erleben. Tatsächlich eine Möglichkeit, die sich normalerweise in dieser Form nicht bietet, liegt es doch in der Natur einer Haftanstalt, traditionell eher verschlossen zu bleiben. An diesem einen besonderen Tag im Jahr gewährt man Einblicke in Räumlichkeiten, die normalerweise nur denen vorbehalten sind, die dort arbeiten oder ihre Haftstrafe verbüßen.
Einblicke in den landwirtschaftlichen Vollzug
In der Außenstelle werden Gefangene beschäftigt, die hier – anders als im schweren Altbau in Bruchsal – unter gelockerten Bedingungen arbeiten und ausgebildet werden. Das weitläufige Gelände beherbergt zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe, die allesamt direkt vom Team der JVA und den Gefangenen betrieben werden. Kislau ist nicht einfach nur ein halbherziger pädagogischer Ansatz, sondern ein vollwertiger Hof, auf dem genau die gleiche Arbeit verrichtet wird wie auf jedem anderen auch. Vielleicht sogar ein bisschen mehr, denn die Produkte und Erzeugnisse, die hier zwischen Bad Schönborn und Kronau wachsen und gedeihen, sind äußerst vielfältig. Hunderte von Hühnern legen hier ihre Eier, Schweine und Rinder leben direkt im Stall nebenan. Es wird Gemüse und Obst angebaut, für den Winter frisches Brennholz geschlagen, dazu gibt es mit dem großen Verkaufsraum auch gleich die passende Absatzfläche.

Das Hofgut Kislau ist kein klassisches Gefängnis; es ist nicht komplett von dichten Zäunen umgeben, wenngleich natürlich der innere Teil seiner Anlage entsprechend gesichert ist. Von außen aber sehen die alten Mauern idyllisch aus: Inmitten grüner Natur, direkt am Wasser und gesäumt von uralten Bäumen könnte Kislau ein echtes Postkartenmotiv sein. Zumindest in historischer Hinsicht kann dieser Schein aber auch trüben, denn nach seinen Tagen als Jagdschloss des Fürstbischofs zu Speyer wurde es in den dunkelsten Tagen auch als Konzentrationslager genutzt.
Es ist eine historische Verantwortung mit der Nutzung dieser Anlage verbunden, der man sich im Justizministerium allzu bewusst ist. So macht man kein Geheimnis aus der Vergangenheit des Schlosses, fördert mit dem Projekt „Lernort Kislau“ sogar die Aufarbeitung der geschichtlichen Hintergründe sowie die Förderung demokratischer Werte und Grundgedanken.
Zwischen Tradition, Sicherheit und Handwerk
Auch der große Tag der offenen Tür, veranstaltet von der Anstaltsleitung und der Sportgemeinschaft Schloss Kislau, hat Transparenz und Offenheit zum Ziel. Jeder, der möchte, kann und darf das Gelände erleben und erfahren. Das kommt an: Bis zum letzten Einlass um 14:00 Uhr sehen sich Hunderte die historischen Räumlichkeiten, insbesondere das alte Bischofsbad, aus der Nähe an – auch wenn das mit Unannehmlichkeiten wie Schlangestehen oder der vorübergehenden Abgabe von Kameras und Handys verbunden ist. Sicherheit geht vor, denn am Ende des Tages bleibt Kislau immer noch eine Haftanstalt.










Im Vordergrund stand an diesem Tag aber natürlich auch der landwirtschaftliche Betrieb sowie die Schaffenskraft des Vollzuglichen Arbeitswesens – kurz VAW. Der landeseigene Betrieb ist an vielen Haftanstalten in Baden-Württemberg tätig; in Bruchsal gibt es gleich mehrere Werkstätten. Neben den landwirtschaftlichen Betrieben in Kislau gibt es an der Hauptstelle in der Stadt unter anderem eine Schlosserei, eine Möbelschreinerei, eine Druckerei, eine Buchbinderei, eine Polsterei und vieles mehr. Dort werden von den Gefangenen hochwertige Produkte erdacht, umgesetzt und gebaut. Die Werkstätten dienen gleichzeitig auch der Ausbildung und damit im besten Sinne ebenso der Resozialisierung. Was sie alles hervorbringen, konnte man sich auch am Tag der offenen Tür ansehen: Auf dem großen Hofgelände präsentierte das VAW eine Art „Best of“ seiner Produktpalette.
Ein Fest für die ganze Familie
Aber wenn die Justiz schon einlädt, dann mit allem, was dazugehört. Auch der Justizvollzug selbst stellte sich und seine Arbeit vor. Gute Leute werden schließlich immer gesucht, und wie ein Arbeitsalltag hinter Gittern aussehen kann, konnte zu dieser Gelegenheit ebenso in Erfahrung gebracht werden.
Wenn die Justiz zum Familienfest bittet, bleibt kein Wunsch offen: Während sich der Nachwuchs beim Basteln austobt oder Tuchfühlung mit Schweinen, Kühen und Kaninchen aufnimmt, locken kulinarische Genüsse für die Großen. Kein Wunder also, dass das historische Gemäuer bei diesem Kaiserwetter am Sonntag fast aus den Fugen geriet. Schließlich bietet sich eine solche Audienz hinter sonst verschlossenen Toren im ganzen Jahr nur ein einziges Mal.