Mit dem Blauen ins Grüne

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Moritz, der babyblaue Bruchsaler E-Roller im Praxis-Test

Ein Sommer ohne Roller – für mich völlig undenkbar. Ich liebe ja die 60er Jahre Heimatfilme, in denen Roy Black & Co mit Chrom-glänzenden Vespas an der italienischen Riviera entlang düsen, natürlich immer begleitet von klassischen Schlagern und einer blonde Schönheit samt Pixie-Cut. Roller fahren ist Freiheit, Roller fahren ist pures Glück. Wenn der Wind dich sanft streichelt und der Viertakter unter deinem Hintern vibriert, pumpt dein Großhirn pures Endorphin durch die Adern.

Bis 2019 habe ich über zwölf Jahre lang einen knatternden, treuen Piaggio gefahren. Das erste blaue Husten des alten Motors zu Beginn einer neuen Saison, war für mich immer der Startschuss in die schönste Zeit des Jahres. Vergangenes Jahr bin ich meinem guten, alten Stinker-Bock aber untreu geworden. Grund dafür war eine mehr oder weniger spontane Affäre mit den neuen Technologien – ich habe mir einen E-Roller angeschafft. Die Vorteile dieser neuen Technik waren einfach zu verlockend: Man ist vollständig lautlos unterwegs, kann das Gefährt ganz easy in der eigenen Garage an der Steckdose laden und zudem fallen kaum noch Wartungsarbeiten an. Vergleichsweise teuer sind aber die Anschaffungskosten. Wer ein ordentliches Gefährt möchte, der muss ein paar tausend Euro berappen, einen Benziner gibt es auf dem Gebrauchtmarkt dagegen immer noch für einen Appel und ein Ei. Ich habe mir einen kleinen asiatischen Hüpfer zugelegt, der mich zuverlässig von A nach B trägt, zuweilen aber in Sachen Leistung etwas schwachbrüstig wirkt.

Vor einigen Wochen habe ich dazu einen Fahrbericht veröffentlicht, der bei euch für viel Resonanz gesorgt hat und gut gelesen wurde. Offenbar haben ihn auch die Damen und Herren der Stadtwerke in Bruchsal gelesen, denn vor einigen Tagen erhielt ich ein interessantes Angebot. Ob ich nicht Lust hätte den Stadtwerke-eigenen E-Roller “Moritz” einmal zu testen und darüber zu schreiben, wollte man von mir wissen. Da ich damit schon lange liebäugelte, habe ich nicht lange gezögert und zugesagt. Im Sinne maximaler Transparenz sollt ihr dazu wissen: Ich habe für den Test weder irgendwelche Auflagen, noch eine Bezahlung, eine Vergütung, Gegenleistung oder Kompensation in welcher Form auch immer erhalten. Es wurden mir lediglich Freiminuten für den Test eingeräumt, sowie aufgrund der exponierten Lage unserer Redaktion, die zulässige Zone für den Roller angepasst.

Vor der ersten Fahrt kommt die Registrierung

Bevor man mit dem babyblauen Moritz losfahren kann, steht zuerst online eine Registrierung an. Klar, einfach einen fahrbereiten Roller mit gestecktem Schlüssel in der Stadt aufzustellen, macht nicht wirklich viel Sinn. Stattdessen lädt man sich einfach mit dem Smartphone die entsprechende App herunter. Diese gibt es freilich für die beiden großen Systeme Android und iOS. Hier gibt man seine persönlichen Daten ein und erbringt den nachvollziehbaren Nachweis, auch im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis zu sein. Dazu zeichnet man innerhalb der App einen kurzen Videoclip auf, in dem man den Führerschein neben das eigene Gesicht hält und ihn mehrfach wendet. So können die Mitarbeiter des Dienstleisters share2move die Legitimation überprüfen und innerhalb von wenigen Augenblicken freischalten.

Danach gibt man noch das gewünschte Zahlungsmittel an. Zur Verfügung stehen derzeit Kreditkarte oder das Lastschriftverfahren. Wünschenswert wäre hier definitiv noch eine größere Auswahl, beispielsweise gängige Internet-Standards wie Paypal, Google Pay oder Apple Pay. Das Lastschriftverfahren funktioniert aber einwandfrei, einfach die IBAN eingeben und fertig ist der Lack. Jetzt kann es im Grunde gleich losgehen. Über die App sieht man auf einer Übersichtskarte die Standorte aller verfügbaren Moritz-Roller, sowie anhand eines umgebenden Kreisdiagramms deren aktuellen Akkustand. Mit einem Klick können Sie das Fahrzeug erstmal reservieren oder auch gleich mieten. Wenn sie vor dem Roller stehen, bestätigen Sie noch kurz, dass das Fahrzeug nicht beschädigt ist, entnehmen mit einem Klick einen Helm aus dem Helmfach und starten den Roller anschließend per Smartphone. Diese satellitengestützte Aktivierung funktioniert erstaunlich schnell und nahezu ohne Verzögerungen – das hätte ich mir in jedem Fall schwieriger oder zumindest langsamer vorgestellt.

Gestartet wird per Smartphone-App

Starten und beenden kann man eine Fahrt nur innerhalb der sogenannten Service-Zonen. Das sind ausgewiesene Gebiete in Bruchsal und in den Stadtteilen, in denen das Fahrzeug am Ende einer Fahrt abgestellt werden kann. Das macht Sinn, denn die Bruchsaler Community hätte wohl nichts davon, stellte man den Roller auf der Münchner Theresienwiese ab. Verlassen kann man diese Service-Zonen aber ohne jedwede Probleme. Einer Fahrt ins Grüne, so wie ich sie mir vorgenommen habe, steht also nichts im Weg.

Kraftvoll aber mucksmäuschenstill

Mit einem Klick aktiviert man also den Roller und kann direkt durchstarten. Warten Sie nicht auf das Aufheulen des Motors, da können sie warten bis sie schwarz werden. Der kleine Stromer gibt keinen Mucks von sich, dreht man aber am Gashebel, setzt sich der Blaue sofort schwungvoll in Bewegung. Die Geräusche die er dabei macht, erinnern an eine anfahrende Straßenbahn oder die Aktivierung des Todesstrahlers eines 60er-Jahre-James Bond-Bösewichts. Optisch macht der kleine Bursche übrigens echt was her. Die Mischung aus einem strahlenden Babyblau, den im Retro-Chic verchromten Designelementen, sowie den Weißwandreifen, ist schon ein echter Hingucker. Die Motorisierung des Rollers ist dabei nicht von schlechten Eltern. Im Vergleich zu meinem asiatischen Käsehobel hat Moritz ordentlich Wumms unter der Sitzbank. Die Beschleunigung erfolgt sofort und kraftvoll, hier kann auch mein alter Viertakter nicht mithalten. Im Stadtverkehr ist man wendig und agil unterwegs, wenngleich der Wendekreis des Moritz auch etwas größer und schwerfälliger ausfällt, als bei den kleineren E-Rollern auf dem Markt.

Ich verlasse Bruchsal und biege in die langsam erwachende Natur, der grünen Kraichgauhügel ein. Auf der Landstraße gibt sich der Stadtwerke-Roller keine Blöße und fährt stabil mit der elektronisch abgeriegelten Höchstgeschwindigkeit von gut 45 km/h. Vor mir kommt der erste, etwas steilere Hügel in Sicht. Mit meinem eigenen E-Roller werde ich hier immer zum Verkehrshindernis. Je steiler der Anstieg, desto langsamer wird mein Roller und ist kurz vor der Kuppe nur noch mit Schrittgeschwindigkeit unterwegs. Der Moritz-Roller hat hier keinerlei Schwierigkeiten und schleppt meinen 110 Kilogramm schweren Prachtkörper ohne jegliche Geschwindigkeitseinbußen bergaufwärts. Ich bin beeindruckt.

Keine Pause für Stephan

Da sich diese 110 Kilogramm nicht ohne Arbeit halten lassen, will ich mir in Münzesheim einen Döner holen und fahre mit dem Roller an den Straßenrand. Mit der App möchte ich die Fahrt pausieren, da Pausen in der Gesamtabrechnung günstiger ausfallen, als Fahrminuten. Ein Klick auf den Button “Pause” löst aber nur endlose Umdrehungen das Wartesymbols aus – am Ende erscheint eine Fehlermeldung, wonach in der Kommunikation mit dem Fahrzeug ein Problem aufgetreten sein. Auch ein weiterer Versuch scheitert. So lasse ich den Roller eben im Fahrmodus, hole mir meinen Döner und esse diesen im Bewusstsein, dass mir weiterhin statt des vergünstigten Pause-Tarifs der Fahrt-Tarif berechnet wird. Zu den Kosten komme ich übrigens später noch.

Ich setze meine Fahrt ohne Probleme fort und schlage allmählich wieder den Rückweg Richtung Bruchsal ein. Am Ziel angekommen habe ich etwa 50 Kilometer Wegstrecke mit dem flinken Moritz hinter mich gebracht. Mit meinem privaten Roller wäre mein Akku jetzt bereits kurz vor dem Ende seiner Leistungsfähigkeit, nicht so mein blauer Gast. Gerade einmal drei von zehn verfügbaren Akku-Strichen sind verschwunden, das liegt mitunter daran, dass zwei Energiespeicher unter der Sitzbank verbaut sind. Ich hätte also locker noch zusätzliche 100 Kilometer verfahren können, bevor der Akku schlapp gemacht hätte. Bei einer normalen Nutzung, muss man sich hier also keinerlei Gedanken machen.

Kommen wir allmählich zum Fazit: Von der technischen Seite her, weder was die Fahrleistung, den Akku oder die Motorkraft angeht, gibt es beim Moritz keinerlei Abstriche hinzunehmen. Das kleine Fahrzeug sieht gut aus und verrichtet seinen Dienst souverän und ohne Murren. Dass das Pausieren außerhalb der Servicezone fehlschlug, war ärgerlich, möglicherweise aber auch der speziellen Konfiguration des Rollers für meine redaktionelle Testfahrt geschuldet. Abgesehen davon, hat sich der blaue Moritz keine Blöße gegeben. Was aber kostet der Spaß, was hätte ich für meinen Ausflug mit dem Moritz berappen müssen?

Ein großer aber nicht ganz preisgünstiger Spaß

Die Kostenstruktur ist tatsächlich der einzige Kritikpunkt, den ich bei der Ausleihe des Bruchsaler Rollers anzubringen hätte. Für die einmalige Registrierung fallen zunächst einmal knapp 20 Euro an, diese beinhalten aber zumindest bereits 30 Freiminuten im Wert von gut 6 Euro. Der Preis pro Minute liegt bei stolzen 22 Cent, für das Parken während der Leihphase werden 11 Cent pro Minute fällig. Im Falle meines rund zweistündigen Ausfluges, wären also (die Registrierungsgebühr nicht eingerechnet) 120 Minuten a 22 Cent angefallen – das wären 26,40 Euro. Das ist gefühlt noch etwas zu viel, um einen solchen Trip regelmäßig oder als Impuls-Entscheidung in Erwägung zu ziehen. Möchte ich beispielsweise im Sommer einen schönen Ausflug mit Moritz an den Untergrombacher Baggersee unternehmen und dort zwei Stunden schwimmen, sähe die Rechnung wie folgt aus. Angenommen es fallen für die Hin- und Rückfahrt je 20 Fahrminuten an und zwei Stunden für die Pause am See, so kämen wir auf einen Mietpreis von 22 Euro. Gerade für jüngere Menschen mit etwas knapperen Budget, könnte das doch einen Tick too much sein. Die Tageshöchstgebühr liegt übrigens bei etwa 35 Euro, wer diesen Betrag investiert, kann Moritz also den kompletten Tag über nutzen.

Unterm Strich ziehe ich aber ein positives Resümee für meinen Tag mit dem babyblauen Moritz. Das Fahren macht wirklich Spaß, man schnurrt lautlos und doch zügig über die Straßen des Kraichgau und auch unsere sanften Hügel bereiten dem kleinen Gefährt keinerlei Schwierigkeiten. Technisch ist das System durchdacht und die Bedienung ist – hat man erstmal die Registrierung abgeschlossen – wirklich babyleicht. Was die Kosten angeht, so kann man einen Ausflug mit dem Moritz nicht gerade als ultimatives Schnäppchen bezeichnen. Ruft man sich aber den logistischen Aufwand der Stadtwerke ins Bewusstsein (schließlich müssen die kleinen Roller andauernd eingesammelt, gewartet, aufgeladen zudem versichert und überprüft werden) relativiert sich dieser Kritikpunkt aber ein Stück weit.

Ein Testbericht von Stephan Gilliar

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3 Gedanken zu „Mit dem Blauen ins Grüne“

  1. Ich sehe schon das wird ein Erfolgsmodel . . . 26 Euro bzw. 35 Euro für ein Kurzstreckenfahrzeug mit stark eingeschränkten Nutzen (Wetterschutz, Transportkapazität, Verfügbarkeit), die Leute werden sich drum reisen. Sorry das Ganze ist ökonomischer Unsinn, die Preise sind absurd liegen im Bereich einer Wohnungsmiete! Für welchen Einsatzzweck soll der eigentlich taugen? Einkaufen – keine Transportmöglichkeit, zum Arzt – krank auf dem Roller jaja, Ausflug – für Normalverdiener zu teuer, einfach mal rechnen wie hoch das frei verfügbare Einkommen pro Tag ist und gegenüberstellen. Man benötigt zudem noch ein Helm und Handschuhe. Aber es fängt doch schon bei der Bereitstellung des Fahrzeuges an, ich muss zur „Servicezone“ mit was eigentlich? Mit dem Auto :-) oder mit dem Fahrrad oder doch dem Bus? Ich bin kein großer Freund vom Fahrrad aber die letzte Zweiradgurke ist noch besser als diese „Idee“. Die ökologisch Betrachtung ist vermutlich ähnlich überzeugend. Tipp an die Stadt noch dieses Jahr ersatzlos einstellen, dann kann man sagen es war wegen Corona.

  2. @Moritz
    Ich finde es sehr schade, dass Sie dieses Mobilitätskonzept OHNE JEGLICHE VORKENNTNISSE mal pauschalisiert schlechtreden. Ich gehe davon aus, dass Sie sich in keinster Form damit befasst haben – sonst wüssten Sie zum Beispiel, dass sogar ZWEI Helme mit Hygienehauben mit an Bord sind. Handschuhe sind kein Muss, Angst vor kalten Fingern? Wahrscheinlich denken Sie auch, dass man den Sprit noch im Kanister mitbringen muss…

    @ALL
    Ich finde das Konzept grundsätzlich gut. Richtig effektiv wird es allerdings erst, wenn auf die Fläche gesehen genügend Fahrzeuge zur Verfügung stehen. Die Kosten sind zwar nicht ohne, aber wenn man sieht was dahinter geleistet wird und was alleine die Erstellung der (aus meiner Sicht super bedienbaren) App gekostet haben muß, ist das schon ein fairer Preis. Immerhin günstiger als Taxi und viel flexibler als Bahnfahren :)

    @Stephan
    Danke für diesen tollen Artikel, viele wichtige Infos dabei und genau mein Reden

    • @Bernhart
      Zunächst Danke, dass sie ins beleidigende abrutschen – geschenkt. Gut, dass mit den Helmen wusste ich nicht, steht allerdings im Artikel, senkt selbstverständlich die Einstiegshürde.
      Handschuhe sind in D keine Pflicht, als Zweiradfahrer (auch ohne Motor), empfehle ich dringend vernünftige Handschuhe und nicht unbedingt wegen dem Wetter. Ich bleibe dabei das Angebot empfinde ich als unattraktiv, aber warten wir doch einfach ein paar Jahre und schauen dann wo wir stehen? In anderen Städten sind die kleinen E-Scooter ja schon der Burner….

      Ich hab mal geschaut was zu finden war, aus der hiessigen Zeitung vom 15 Sept 2020 hieß es Gesamtkilometer 14300km mit 21 Fahrzeugen – seit bestehen der Flotte vermute ich.

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