Mimimi statt ABC? – Lehrer und die Corona-Krise

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Photo @Maria_Sbytova via Twenty20

Meinung

Die Rückkehr zu einem normalen Schulalltag gestaltet sich schwer – mitunter auch wegen der Einstellung mancher Lehrer

Hügelhelden-Redakteur Philipp Martin im Gespräch mit dem Kraichgauer Gymnasiallehrer Matthias

Bereits vor Monaten ist der Alltag unserer Kinder komplett aus den Fugen geraten. Mitte März schlossen die Schulen und erst seit den Pfingstferien gibt es zumindest gelegentlich wieder hier und da etwas Unterricht. Wie sehr die Corona Krise gerade die Jüngsten unserer Gesellschaft belastet, hat erst vor wenigen Tagen eine Umfrage des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf aufgezeigt. Demnach fühlen sich über 70% der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Krise seelisch belastet – Stress, Angst und Depressionen hätten zugenommen, so die Tagesschau in einem diesbezüglichen Bericht.

Es scheint also dringend geboten den Kids wieder mehr Struktur zu geben und zu einem halbwegs normalen Schulalltag zurückzukehren, unter Einsatz all dessen was während einer Pandemie noch machbar und tragbar ist.

Nach den Sommerferien streben die Kultusminister eine weitgehende Normalisierung der Zustände an deutschen Schulen an, zwar mit Maskenpficht auf den Fluren und Pausenhöfen, dafür aber unter Aufhebung der Abstandsregelungen. Viele Eltern, insbesondere jene die seit langem an der Grenze ihrer Belastbarkeit rangieren, begrüßen diesen Vorstoß naturgemäß, einige Lehrer jedoch sprechen sich gegen solche Pläne aus. Fast jeder dritte Lehrer lehnt die vollständige Öffnung der Schulen nach der Sommerpause ab, so berichtet es aktuell der SWR unter Berufung auf eine Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung.

Spätestens nach Bekanntwerden dieser Umfrageergebnisse, dürfte bei manchen Menschen der Geduldsfaden reißen und das Verständnis für den Kurs einzelner Lehrer enden. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass fast jeder Mensch durch die Krise Einschnitte hinnehmen musste, nicht zuletzt die Beschäftigten im Einzelhandel oder im Gesundheitswesen, aber auch die zahlreichen Kurzarbeiter, Selbstständigen, Gastronomen und Händler. Dass manche Lehrer sich eingedenk der Not vieler Kinder und Familien, aber im Zusammenhang mit einer Wiedereröffnung der Schulen als “Versuchskaninchen” sehen, dürfte den Ton der gesellschaftlichen Diskussion daher nur noch rauer werden lassen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, selbstredend muss der Schutz der Gesundheit der Lehrkräfte einen hohen Stellenwert einnehmen, außer Acht gelassen werden dürfen aber auch nicht Faktoren wie gesellschaftliche Verantwortung, das Wohl abertausender Kinder überall im Land, ihre psychische und physische Unversehrtheit sowie ihre Bildungsbiographie und die daraus resultierenden Chancen. Dies zumindest ist meine Ansicht – eine Ansicht zu der ich als Journalist nach der Auswertung vieler Diskussionen und Befindlichkeiten, aber auch als Vater eines schulpflichtigen Kindes gekommen bin. Um es provokativ zu formulieren: Hätten sich Verkäufer/innen oder medizinisches Personal bisher ähnlich „angestellt“, hätte diese Krise wahrscheinlich ganz andere Dimensionen angenommen. Wie sagte so schön der Historiker Thomas Carlyle: Die Zeit ist schlecht? Wohlan. Du bist da, sie besser zu machen.

Um es aber noch mal ganz deutlich zu sagen: Natürlich geht es hier nicht um alle Lehrer, schon gar nicht um eine Mehrheit – viele freuen sich sicherlich auf eine Rückkehr zu einem normalen Schulalltag und waren in den letzten Wochen und Monaten aufopferungsvoll für ihre Schüler da. Dass aber laut angeführter Umfrage rund ein Drittel der Pädagogen auch nach einem halben Jahr Ausnahmezustand, einer Schulöffnung nach den Sommerferien weiterhin skeptisch gegenüber steht, hat mich dann aber doch verwundert. Insbesondere manche Verlautbarungen von Gewerkschaften und Lehrerverbänden, die sich scheinbar nur den Gesundheitsgefahren der Pädagogen widmen und die Nöte und Sorgen der Kinder kaum aufgreifen, werfen Fragen auf.

Ich wollte es genauer wissen und habe mich mit dem Kraichgauer Gymnasiallehrer Matthias über diesen Konflikt und die Rolle mancher Lehrer in der Krise unterhalten.

Die Qualität des Homeschooling variierte von Schule zu Schule enorm, manche haben sich den sprichwörtlichen Hintern aufgerissen, andere wiederum haben lediglich am Anfang der Woche ein paar Aufgaben per E-Mail verteilt und am Ende der Woche Lösungen verschickt. Hätte es hier nicht mitunter etwas mehr Engagement und Einsatz sein dürfen?

Ich kann zu dieser Frage nur für mich antworten: Nach ca. einer Woche, in der die letzten digitalen Hürden beseitigt wurden, lief der Unterricht über eine Videochat-Plattform regulär weiter. In den meisten Fällen hat dies sehr gut funktioniert. Mein Stundenplan war letztlich genauso voll, wie zuvor. Dazu kam allerdings noch, dass Schülerarbeiten, die normalerweise im Unterricht besprochen worden sind, oftmals individuell am heimischen Schreibtisch korrigiert und mit individuellem Feedback versehen an die Schülerinnen und Schüler zurückgesendet wurden. Insofern entstand eher mehr Arbeit. Allerdings habe ich auch von Negativbeispielen anderer Schulen gehört, an denen es sicherlich Kolleginnen und Kollegen gab, denen es am nötigen Engagement mangelte. Das hat einerseits sicherlich mit deren digitaler Überforderung und der mitunter sehr schlechten schulischen Ausstattung zu tun, andererseits aber leider auch mit einem -vom Homeschooling gänzlich unabhängigen – schlechten Arbeitsethos. Es gibt, wie in jeder Branche, Menschen, die ihre Arbeit nicht mit dem nötigen Eifer verfolgen.

Als klar wurde, dass der Präsenzunterricht allmählich wieder anläuft, war der Aufschrei bei manchen Lehrern und Gewerkschaften groß. Einige Kollegen stilisierten sich zu Versuchstieren hoch, deren Gesundheit mutwillig aufs Spiel gesetzt würde. Ist das nicht etwas viel mimimi eingedenk der unzähligen Beschäftigten im Einzelhandel oder im Gesundheitswesen, die bei weit weniger Gehalt viel mehr Kontakten und damit einem höheren Risiko ausgesetzt waren?

Auch davon habe ich nur am Rande erfahren. Sicherlich wäre es aber sinnvoll, wenn sich jede Lehrerin/jeder Lehrer häufiger ins Gedächtnis rufen würde, welch wichtigen Job wir ausführen und welche Privilegien wir durch selbigen genießen.

Welche Schwächen im Schulsystem hat die Krise aufgezeigt?

Schwächen sehe ich ganz klar in Punkto Digitalisierung. Es kann nicht sein, dass wir im Jahr 2020 an Schulen kein funktionierendes W-Lan haben, es kann nicht sein, dass Schulen ihren Schülerinnen und Schülern keine vernünftigen Endgeräte zur Verfügung stellen können, es kann nicht sein, dass sich Kolleginnen und Kollegen mit Tageslichtprojektoren, die bereits 1995 in die Knie gegangen sind, herumschlagen müssen – an der digitalen Bildung zu sparen mag sich jetzt noch nicht bemerkbar machen, wohl aber in den kommenden Jahren. Hier muss sich etwas ändern!

Lockdown und Homeschooling haben viele Familien an ihre Grenzen und darüber hinaus gebracht. Ist Homeschooling oder auch digitaler Fernunterricht eine reine Notlösung oder eventuell ein Modell für die Zukunft?

Ich würde es nicht als reine Notlösung bezeichnen. Ob der digitale Fernunterricht gelingt, hängt in großem Maße von Fach und Inhalt ab. In manchen Fällen kann absolut adäquater (Fern-)Unterricht gehalten werden. Es wurde allerdings auch sehr deutlich, dass Schule insgesamt als Fernmodell nicht gelingt – dafür lebt Unterricht viel zu sehr vom Kooperativen, vom Gemeinsamen und von realer Schüler-Lehrer-Interaktion. Die Qualität des Unterrichts ist im klassischen Präsenzunterricht weitaus vielfältiger.

Wie „normal“ wird aus eurer Sicht der Schulbetrieb im neuen Schuljahr?

Moment, ich schaue mal in die Kristallkugel…

Viele Eltern ärgern sich über das Gebaren der Lehrer während der Krise, manch einer spricht sogar von Bequemlichkeit und Faulheit. Was kannst du dem entgegenhalten?

Ich kann mich nur wiederholen: Ich habe in unserem Kollegium keinerlei Faulheit und Bequemlichkeit erkennen können, im Gegenteil: Es wurde in den allermeisten Fällen mit vereinten Kräften daran gearbeitet, guten Unterricht zu gewährleisten und die Schülerinnen und Schüler nicht im Regen stehen zu lassen. Für andere Schulen kann ich nicht sprechen, bin aber sicher, dass sich so manch Erziehungsberechtigter völlig zurecht aufgeregt hat. Wer als Lehrer immer noch in verkrusteten, antiquierten Strukturen verharrt und sich auf seiner A-Sonstwas-Stelle ausruht, ist in diesem Beruf fehl am Platz!

Danke für das Gespräch

Gerne

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6 Gedanken zu „Mimimi statt ABC? – Lehrer und die Corona-Krise“

  1. „Ist das nicht etwas viel mimimi eingedenk der unzähligen Beschäftigten im Einzelhandel oder im Gesundheitswesen, die bei weit weniger Gehalt viel mehr Kontakten und damit einem höheren Risiko ausgesetzt waren?“

    Sehr geehrter Herr Martin,
    Es scheint, Sie haben nicht gründlich recherchiert. Mir persönlich fehlt das wichtige Detail, dass aufgrund fragwürdiger Schnellschussstudien Schulen quasi als Corona sichere Zonen erklärt werden. Kinder und Jugendliche – also bis 18 jährige ! – seien angeblich nicht Träger der Infektion. Das ist der erste Irrtum auf dem die komplette Schulöffnung basiert. Siehe Studien und Fakten anderer Länder.
    Der zweite Irrtum folgt sogleich – Lehrer sind also auch keine Überträger, denn wie sonst könnte man denn dann eine komplette Öffnung ohne die AHA Regel in die Wege leiten – kein Abstand, kein Mundschutz und wer die Hygienemöglichkeiten einer Schule kennt, der weiß im laufenden Betrieb mit 700-1200 Schülern und weit über 100 Kollegen – Utopie!
    Insofern würde ich mir von Ihnen eine gründlichere Recherche wünschen statt ein allgemeines Lehrerbashing BEVOR Sie einen Vergleich mit dem Einzelhandel und dem Ärzte- und Pflegepersonal ziehen. Auch in Kliniken unterrichten Lehrer – aber mit Mundschutz und unter strengen Hygienevorschriften.
    Ja natürlich ist Bildung wichtig – und ich kenne keinen Lehrer in meinem Umfeld, der sich nicht mit großem Engagement in den letzen 3,5 Monaten eingesetzt hat – und ja an unserer Schule klappte die Umstellung auf digitalen Unterricht innerhalb einer Woche- und ja wir haben schon evaluiert und bereiten uns auf das nächste Schuljahr vor bevor von übergeordnete Stellen überhaupt eine Dienstanweisung kommt und ja – unsere Schüler fühlen sich gut betreut … die sprechen nämlich mit uns! Und stellen Sie sich vor, wir haben unsere Schüler genau so gut durchs Abitur gebracht wie die Jahre zuvor und wir haben in vielen Fächern trotz Gejammer der Medien unsere Lehrinhalte ohne nennenswerte Lücken vermitteln können . Und wiir schaffen das auch noch einmal in den nächsten Monaten. Denn die Strukturen sind gelegt und das Kollegium engagiert.

    Und trotzdem erlauben wir es uns, auch darauf aufmerksam zu machen, dass UNSER aller höchstes Gut , nämlich die Gesundheit, in der aktuellen Pandemie nicht ausreichend geschützt ist, wenn der Regelbetrieb OHNE jeglichen Schutz starten soll, der in Krankenhäusern oder im Einzelhandel allein schon durch den Arbeitsschutz für den Einzelnen gegeben ist.

    Was bringen denn solche Darstellungen wie die Ihre – glauben Sie wirklich dass sie damit irgendwas Gutes bewirken ?

    Mein Vorschlag: erweitern Sie doch im Herbst Ihren Horizont und nehmen einmal einen Monat mitten in der Pandemie am Schulalltag einer normalen Schule in einem Schulkomplex teil. Aber bitte ohne jeglichen Hygieneschutz und dann schreiben Sie die Fortsetzung.
    Vielleicht bekommt Ihr Artikel dann mehr Substanz statt die Wiedergabe von Vorurteilen und Halbwahrheiten.
    Und bilden Sie sich doch bitte auch über die Langzeitschäden einer Coronainfektion fort – das Bedürfnis sich selbst zu schützen wird mit weitere Erkenntnis darüber in den nächsten Monaten sicher wachsen. Vielleicht hilft das Ihnen ja, das angebliche „Gejammer“ besser zu verstehen. Ich würde es Ihnen wünschen!
    Ich finde es ja wirklich schön, wie systemrelevant manche Sparten plötzlich wahrgenommen werden. Mehr allerdings auch nicht – denn weder die von Ihnen erwähnte Verkäuferin oder das Pflegepersonal hat davon aktuell was.
    In diesem Sinne schließe ich mich dem Zitat eines bekannten Virologen an:
    „ Ich habe (in Zukunft) besseres zu tun …“ und beende meine Beschäftigung mit diesem Blatt hier.

    • besonders ihr letzter Satz entlarvt ihre Kritikfähigkeit und ihre Haltung zur Diskussionskultur, Toleranz ist eben (k)eine Einbahnstraße..

      • Na es ist doch immer dasselbe – wem die Argumente ausgehen oder erst gar keine hat, der greift dann halt die Person oder Personengruppe an …

      • Besonders das alleinige anführen der Aussage des letzten Satzes zeigt Ihren Willen den ganzen Text zu verstehen? Man kann ja davon halten was man möchte, so ein kurzes abgekanzel über den letzten Satz sagt aber dann doch schon viel über die selbst verlangte Diskussionskultur…

    • Sehr gut geschrieben. Die Lehrer sind ja sowieso immer das Feindbild der Nation. Und durch solche Artikel wird das nicht gerade besser.

  2. Hallo Herr Martin,

    danke für Ihren tollen Artikel. Ich bin selbst Gymnasiallehrerin und fühle mich angegriffen von Aussagen einiger Lehrerverbände, die teilweise schon jetzt mit Klagen drohen, die uns Lehrer als Versuchskaninchen darstellen. Ich bemühe mich immer, mich davon zu distanzieren. Versuchskaninchen sind wohl eher die Kinder, die man monatelang zuhause lässt. Ich wäre sehr froh, wenn ich schon im April hätte normal arbeiten können und ich wäre sehr froh, wenn im Herbst alle Schulen verlässlich öffnen würden.

    Sieht eigentlich niemand, dass Norwegen, Schweden (auch wenn man dieses Land nicht mehr öffentlich erwähnen darf, so mein Eindruck), Dänemark, Island, die Niederlande, Japan (glaube ich) und die Schweiz teilweise seit Ostern die Schulen wieder geöffnet haben? Haben Sie von schlimmen Infektionsanstiegen in einem dieser Länder gehört? Ich nicht.

    Sieht eigentlich niemand, dass auch in Baden-Württemberg die 11.- und 12.-Klässler seit dem 4. Mai wieder in der Schule sind? Haben Sie von schlimmen Infektionsanstiegen seitdem gehört? Ich nicht.

    Leider ist das wohl das erfolgreiche Ergebnis der Strategie der Bundesregierung, den Menschen Angst zu machen. Ist ziemlich gut gelungen. Wie man da wieder raus kommt, frage ich mich ernsthaft.

    Ich sorge mich um Schüler, die während der Schulschließung 10kg zugenommen haben, um Schüler, die nur am Handy hingen, um häusliche Gewalt, um Perspektivlosigkeit, um Einsamkeit.

    Ich verstehe auch nicht, dass jetzt das EINE Drittel zitiert wird (der Lehrer, denen es mit der Öffnung zu schnell geht) und keiner stattdessen die ANDEREN BEIDEN DRITTEL nennt, die offensichtlich kein Problem damit haben.

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