Der Verlust des Hausarztes kann schwer wiegen, schließlich verliert man einen langjährigen Vertrauten und Verbündeten.
Dick wie ein Daumen ist der Blätterstapel, den ich an diesem trüben Dezembervormittag in der Praxis meines Hausarztes entgegennehme. Fast 25 Jahre reichen die Aufzeichnungen zurück, die ich heute hier in die Hand gedrückt bekomme. An vieles davon kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern: Befunde, Überweisungen, Laborwerte, das vertraute Zackenmuster uralter EEG- und EKG-Kurven.
In meinen Händen halte ich ein Vierteljahrhundert meines Lebens, und erst in diesem Moment wird mir klar, was da in wenigen Tagen zum Jahresende verloren geht. Als ich vor einigen Wochen zum ersten Mal überraschend davon erfahren habe, dass mein Hausarzt seine Praxis aufgeben wird, konnte ich die Auswirkungen und die Tragweite dieser Zäsur noch nicht erkennen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto trauriger stimmt mich dieser Umstand. Denn hier geht nicht mein Schuster, mein Versicherungsberater oder mein Sachbearbeiter beim Finanzamt verloren, sondern ein Mensch, der mich so intensiv und gut kennt wie vermutlich nur die engsten Angehörigen.
Er hat alles miterlebt, von den Tagen meines jugendlichen Lebens bis hin zu den ersten typischen Gebrechen eines Mannes, der altersmäßig – wenn es richtig gut laufen sollte – gerade etwa Bergfest gefeiert hat. Er kennt meinen Körper, weiß, wie er funktioniert, was er gut kann, was er weniger gut kann, worauf es zu achten gilt und was weniger wichtig ist. Mein Hausarzt kennt mich als ganzen Menschen: meine Stärken ebenso wie das, was mich körperlich oder seelisch anfällig macht. Und er weiß beides zu deuten und richtig einzuordnen.
In seiner pragmatischen Art wusste er mich immer abzuholen, wenn der Hobby-Hypochonder in mir wieder etwas zu frei gedreht hat. Wie oft hat er mich lächelnd und mit einem Klaps auf den Rücken nach Hause geschickt – einzig und allein mit der Anweisung: Mach dir keine Sorgen, das wird schon wieder.
Und wissen Sie was? Es ist immer wieder geworden.
So konnte ich mich darauf verlassen, dass die Dinge sich schon wieder einrenken werden – ein Vertrauen, das sich über all die Jahre aufgebaut und gefestigt hat. Ich bin – Gott sei Dank – nie zu einem dieser Patienten geworden, die mit der Diagnose von Dr. Google oder neuerdings Dr. ChatGPT den Arzt nur noch formal aufsuchen, um sich den eigenen todsicheren Befund bestätigen zu lassen. Ein Phänomen, das mir tatsächlich immer zuwider war. Denn ganz im Ernst: Ein bisschen im Internet recherchieren ersetzt kein mehrjähriges Medizinstudium. Er ist der Medizinmann, ich bin der Patient, und das ist auch gut so.
Ein gutes Verhältnis zwischen Arzt und Patient gibt es nicht auf Rezept oder Krankenschein. Es ist ein fragiles Konstrukt, das durch Vertrauen und Erfahrung erworben werden muss. Es ist ein Geben und Nehmen – und zwar auf beiden Seiten. Einen Arzt als reinen Dienstleister zu begreifen? Das könnte ich nicht, denn eine ganzheitliche Behandlung geht weit über das hinaus, was man als Punkte auf einer Checkliste der Gesundheitsvorsorge abhaken könnte.
Als es mir in jungen Jahren einmal richtig schlecht ging, war mein Hausarzt für mich da. Er hat mir angeboten, dass ich mich jederzeit bei ihm melden kann, hat mir nicht nur seinen Rat, sondern auch ein offenes Ohr und reichlich Zeit zukommen lassen. Das ist nicht selbstverständlich – damals nicht und heute noch weniger. Heute, in Zeiten, in denen die von den Kassen vergüteten Minuten für ärztliche Aufmerksamkeit so mager ausfallen, dass eine Betreuung im engeren Sinne kaum noch möglich ist. Wer in diesem System wirtschaftlich arbeiten möchte, muss die Patienten wie am Fließband durch die Praxis schleusen. Aber welcher ernsthafte Mediziner fühlt sich damit wirklich wohl?
Die romantische Vorstellung vom einfachen Landarzt, der gemütlich seine Hausbesuche leistet und immer Zeit für ein Schwätzchen und ein Stück Kuchen hat, ist leider nichts weiter als das: eine Vorstellung – eine Fantasie. Der demografische und gesellschaftliche Wandel arbeitet hier gegen uns alle. Immer mehr alte Menschen, immer mehr Betreuungsbedarf, immer weniger Hausärzte. Überalterung nicht nur bei den Patienten, sondern auch bei den Ärzten selbst. Viele werden in den kommenden Jahren in Ruhestand gehen, die Nachfolge in ihren Praxen gestaltet sich teilweise als äußerst schwierig. Dazu kommen die restriktiven Vorgaben der Krankenkassen – alles Teil eines Geflechts, in dem sich immer weniger Nachwuchsmediziner wohlzufühlen scheinen.
Und wenn es dann zu Ende geht? Dann steht man als Patient da wie nach einer Scheidung nach einer langen Ehe – mit der großen Frage vor Augen: Wer nimmt mich denn jetzt noch? Wie kann es weitergehen? Vor der Praxis treffe ich eine alte Dame mit Rollator, die genau wie ich heute ihre Unterlagen abholt. Sie weiß noch nicht, wer sich künftig um sie kümmert, wer ihre medizinische Versorgung und Betreuung übernimmt. Vermutlich erst einmal ein ambulantes Zentrum, sagt sie mir in sorgenvollem Ton. Aber auch von denen gibt es immer weniger.
Dazu kommt: Selbst wenn ich einen neuen Hausarzt finde, fange ich bei ihm bei natürlich erstmal bei Null an. Er kennt mich nicht, er kennt meine Vorgeschichte nicht, er weiß nicht, wie er mich zu nehmen hat, weiß nicht, was hinter mir liegt, wie ich ticke. Und noch wichtiger: Er kennt nicht die feine, aber entscheidende Differenz zwischen dem, was ich möchte, und dem, was ich brauche.
Erneut einen solchen Vertrauten zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Oder überhaupt irgendjemanden. Wo immer ich anrufe, erhalte ich stets die gleiche Antwort: Wir nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Bevor ich einen guten Hausarzt finden kann, muss ich überhaupt erst einmal einen finden. Ob es zwischen uns beiden dann noch einmal so funken wird, wie ich es in den letzten 25 Jahren erlebt habe? Man wird sehen. Doch Zeit, Budget und der allgegenwärtige Druck einer aus dem Leim geratenen Leistungsgesellschaft lassen dafür nur wenig Luft.
Es ist so, Scheiden tut weh. Und wenn mir etwas weh tut, gehe ich zu meinem Hausarzt…

Das Vertrauen zum Arzt ist das A und O. Deshalb habe ich auch die Örtlichkeit zusammen mit meiner Hausärztin gewechselt. Vom MVZ Bruchsal zum MVZ Eppingen. Ich habe zu ihr ein großes Vertrauen aufgebaut und deshalb habe ich so gehandelt. Natürlich ist die Fahrstrecke größer, aber das nehme ich gerne in Kauf.
Ich wundere mich immer über die vollen Wartezimmer bei den Hausärzten …
Ich wurde bei meinem alle 3 bis 5 Jahre vorstellig, wenn mal wieder eine Impfung anstand. Seit es ihn nicht mehr gibt, lasse ich die Impfungen beim Kinderarzt meiner Kinder durchführen, alternativ ginge das auch beim Betriebsarzt.
Ich hatte nicht den Elan, mir einen neuen Hausarzt zu suchen. Ich bin da anders gestrickt, als der Verfasser obiger Zeilen. Ich bin oft umgezogen, habe mich immer mal wieder bei einem neuen Hausarzt vorgestellt – es war immer völlig ok. Für mich ist er der Arzt, der impft, die Überweisung zum Facharzt oder (falls nötig) eine AU ausstellt.
Wieder mal ein Beispiel, wo Deutschland steht ! Anspruch und Wirklichkeit klaffen sehr stark auseinander und zum Schluss ist der Einzelne schuld 😜. Recht auf Gesundheit steht doch irgendwo im GG 😇
Naja, aber leider gibt es auch Hausärzte die plötzlich nur noch privatversicherte behandeln, wie jetzt gerade einer aus Ubstadt. Hier kommt es dann vor dass z.B der Ehemann noch behandelt wird da als Lehrer privat versichert, die Ehefrau aber nicht mehr.
So etwas ist für mich unverständlich. Also, solche gibt es auch.
Denn einen Hausarzt zu verlieren ist, da stimme ich dem Artikel vollkommen zu, nicht einfach.
Wenn du Privatpatient bist, dann findest du mit Sicherheit einen neuen Doc !
Einige Kommentatoren haben nichr kapiert worum es geht.
Ein vetrauensvolles Arzt-Patient Verhältnis ist äußerst wichtig für die Genesung.
Dieses entsteht aber nicht wenn der Arzt / die Ärztin wegen unserem Abrechnungssystem, welches ein Durchschleusen der Patienten erfordert, sich aus Zeitgründen nicht richtig auf den Patienten einlässt.
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