Lang lebe der „Sexkübel“
Freizügig, ab und an nackig aber vor allem voller Lebensfreude – So wild waren die Anfänge des Thermariums in Bad Schönborn
von Stephan Gilliar
Es war ein Montag wie dieser, der 20. April im Jahr 1970, als der massive Bohrer von Kurt Sauer und seinem Team irgendwo auf der grünen Wiese außerhalb von Bad Mingolsheim in über 600 Meter Tiefe auf Wasser stieß. Schnell trieb der artesische Druck das Wasser an die Oberfläche, wo es mit 43 Grad dampfend in den Mingolsheimer Frühlingshimmel sprudelte.
Um das Wasser der im Auftrag des damaligen Bürgermeisters Josef Willhauck erschlossenen Quelle zunächst provisorisch einzuleiten, wurde der örtliche Schreinermeister Wilhelm Thome beauftragt, einen hölzernen Bottich zu bauen, in den das aus der Tiefe heraufströmende Thermalwasser fließen konnte.
Dieser Bottich stand nicht nur für den Beginn einer ganz neuen Ära von Bad Schönborn als wasserreichem Kurort, sondern war auch der untrügliche Beweis dafür, dass die Mingolsheimer nicht der biedere Haufen waren, für den man sie manchmal halten könnte. Während tagsüber in besagtem Bottich noch zivilisiert und gesittet das heimische Solewasser genossen wurde, geschah selbiges des Nachts im Schutze der Dunkelheit eine ganze Ecke entspannter. Laissez-faire, dachte man sich zu Beginn der 70er – nicht nur in Mingolsheim.

Man muss sich diese Zeit einfach noch einmal vor Augen führen: Die Achtundsechziger hatten die sexuelle Revolution ausgerufen, und das Land folgte eifrig. Der Stern, bis dato eher ein prüdes Blatt, ließ hunderte Frauen gestehen: „Wir haben abgetrieben“ – damals ein echter Tabubruch. Im Fernsehen und Kino hatten Erotikfilme wie der Schulmädchen-Report oder die berühmten Liebesgrüße aus der Lederhose Premiere, und Oswalt Kolle zeigte der Nation, wo der Hammer hängt – und wie man ihn benutzt.
In Mingolsheim äußerte sich dieser Drang, gesellschaftliche und moralische Restriktionen über Bord zu werfen, in wilden Solewasser-Partys zu nachtschlafender Zeit in Schreinermeister Thomes Kübel – der von der Ortsbevölkerung deswegen sehr schnell den Namen Sexkübel verpasst bekam. Bikinis, BHs und Slips in den Büschen, fröhliches Gejauchze zu später Stunde – das gab es damals in good old Mengelse Nacht für Nacht, erzählt Markus Hoppe, seit vielen Jahren Geschäftsführer des erst Jahre später entstandenen Thermariums im ebenfalls erst Jahre später entstandenen Bad Schönborn. Inwieweit aber tatsächlich Sex eine Rolle spielte, darüber gibt es keine gesicherten Informationen. Wahrscheinlich war es eher Fröhlichkeit und Freizügigkeit im Sinne der FKK-Kultur.

Wie dem auch sei, 1974 wurde anstelle des Bums-Bottichs, aka Sexkübel, aka Holzzuber, ein behelfsmäßiges Schwimmbecken errichtet, nachts abgesperrt und tagsüber mit einem kleinen symbolischen Eintritt versehen, um dem wilden Treiben etwas entgegenzuwirken. Erotische Eskapaden standen dem angestrebten Bild des jüngst fusionierten Bad Schönborn als modernem Kurort dann doch ein bisschen im Wege.
Dieses Bild verfolgte insbesondere der langjährige Bürgermeister Walter Bender, der 1972 die Thermal-Sole-Bewegungsbad GmbH & Co. KG mit 51 % Mehrheitsbeteiligung der Gemeinde zur Finanzierung des Thermariums ins Leben rief. Man muss sich vorstellen, dass die kleine Gemeinde irrsinnige Risiken mit der Erschließung und dem Bau der Anlage einging – dafür brauchte es reichlich Mut und zweierlei dessen, was im Sexkübel zumeist ohne Badehose im warmen Wasser dümpelte. So, nun genug der schlüpfrigen Bilder. ;-)

Walter Bender ging als Geschäftsführer jedenfalls genau wie das Wasser aus der Tiefe steil nach vorne, steil nach oben. Am Valentinstag 1975 – in Kürze also ziemlich exakt vor einem halben Jahrhundert – wurde der erste Bauabschnitt des Thermariums eröffnet, das kurz darauf als größtes Thermalbad Deutschlands Geschichte schreiben sollte. Vier Becken, über 1.000 m² Wasserfläche – das war damals schon etwas verdammt Besonderes.
Der Ausbau schritt in den kommenden Jahren weiter voran. 1981 ging mit dem zweiten Bauabschnitt der Höhenflug ungebremst weiter: Therapiebecken, Saunabereich, Kurmittelabteilung und Gymnastikraum – das Thermarium boomte.
In seinen ersten Jahren stand die Anlage übrigens noch weitestgehend auf freiem Feld, auf dem sprichwörtlichen grünen Acker. Mingolsheim war eine eher kleine Gemeinde, ebenso das damals noch nicht zugehörige Langenbrücken. Dort gab es mit den Sigel-Thermen übrigens eine ähnliche Anlage, die mit dem Thermarium immer ein bisschen in Konkurrenz stand.
Aber dieses liebevolle Gefrozzel wird ja bis heute zwischen den beiden Teilorten von Bad Schönborn gepflegt. Es hielt sich zum Beispiel immer hartnäckig das Gerücht, das Wasser in Mingolsheim sei besser als das in Langenbrücken. Natürlich Quatsch – beides kommt aus demselben riesigen Reservoir in über einem halben Kilometer Tiefe. Tatsächlich sind die Mengen an Heilwasser dort unten riesig bis unerschöpflich. Ein Ingenieur habe ihm einmal gesagt, die Entnahme hier sei vergleichbar, als versuche man mit einem Strohhalm die Nordsee auszutrinken, erzählt Markus Hoppe, der die Anlage wie seine Westentasche kennt – und natürlich auch ihre technischen Begebenheiten.

Er hat hier vieles erlebt, Gipfel gestürmt, ist aber auch steil in Täler hinabgeschossen. Ein Highlight war vor ziemlich genau 20 Jahren (oder knapp 21), die Eröffnung des Wellness- und Gesundheitsparks mit Fitnesszentrum, Saunalandschaft, Therapie- und Wellnesszentrum. Nur zwei Jahre später folgte die Erweiterung mit Salzgrotte und einem großen Stellplatz für Wohnmobile, um die touristische Aktivität weiter anzukurbeln.
Bad Schönborn ist übrigens mit dem Thermarium gewachsen. Anfangs gab es noch kaum Übernachtungsmöglichkeiten – jede freistehende Gerümpelkammer wurde in den Siebzigern an Feriengäste vermietet. Heute gibt es eine Vielzahl von Pensionen, Hotels und privaten Vermietern.
Also alles schön, alles gut, alles mollig warm sprudelnd?
Nö.
Das Leben kennt eben selten nur Aufwärtsbewegungen. Eine der größten Zäsuren in der Geschichte – nicht nur des Thermariums, sondern aller Kureinrichtungen – war die große Gesundheitsreform der BRD 1996. Die drastischen Einsparungen führten zu massiven Kürzungen der damals extrem beliebten Kuren – sowohl in der Anzahl als auch in der Länge.
Die Auswirkungen waren drastisch: 1996 wurden noch 300.000 Kuren verschrieben – im letzten Jahr waren es gerade einmal 4.000. Die Gästezahlen in Bad Schönborn gingen entsprechend den Bach runter. Dass die Sigel-Therme in Langenbrücken diesen Niedergang nicht überlebte, dürfte größtenteils diesem Umstand geschuldet sein.

Einen weiteren Schlag musste das Thermarium im Zuge der Corona-Pandemie einstecken: Fast ein Jahr lang blieb die Anlage geschlossen, während die Ausgaben weiterliefen. Nur durch massive finanzielle Subventionen und Hilfen durch Land und Gemeinde konnte der Kollaps vermieden werden.
Dass die quasi nahtlos folgende Energiekrise und die galoppierende Inflation die Situation nicht verbessert haben, dürfte auf der Hand liegen.
Trotzdem:
Das Thermarium ist immer noch ein extrem wichtiger Motor für die Gemeinde Bad Schönborn. Die Besucherzahlen steigen wieder, und Investitionen reißen nicht ab. Der Saunabereich wurde vor einigen Jahren komplett neu gestaltet und lockt mittlerweile auch ein jüngeres Publikum an.
Und es gibt nicht wenige Fans, die die Architektur der Siebzigerjahre inklusive reichlich Sichtbeton schätzen – einige nehmen dafür sogar längere Anfahrten in Kauf.
Jetzt aber erstmal: Feiern.
50 Jahre Thermarium in Bad Schönborn. Dazu kann man nur gratulieren. Long live the Sexkübel.
Danke an das Thermarium für die Zurverfügungstellung der historischen Aufnahmen

Schon damals höher gepupst, als der Hintern gewachsen 😱
Ich wusste nicht dass das Bad öffentlich ist. Dachte es ist nur für Kurgäste.
Da ist jeder willkommen
Vielen Dank für die Geschichte zum 50. Jubiläum des Thermarium. Nun, ich bin drei Tage älter und sollte mal wieder dringend hin .Dank Hügelhelden können wir einen Blick in die Vergangenheit werfen. Wie es damals begonnen hat. Für mich persönlich sehr interessant.
Na klar…bringt Kohle, und die brauchen das!
Danke für den schönen, lehrreichen Rückblick. Ein Besuch im Thermarium ist immer eine gute Entspannung
Und sie brauchen keine Kohle?