Kraichgau-Dörfer werden „geteilt“ – Vollständige Schließung der Bahnübergänge zwischen Bruchsal und Bretten möglich

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Bild eines geteilten Dorfes in Bayern aus der Vorwendezeit. Im Kraichgau droht nun nicht durch die Politik sondern durch die Schiene eine faktische Teilung von Ortschaften

Verkehrskollaps im Frühjahr 2020 befürchtet

56 Minuten geschlossene Bahnübergänge innerhalb einer Stunde. Gerade vier Minuten blieben nach diesem Modell dann nur noch um beispielsweise den Bahnübergang in Gondelsheim, in Diedelsheim oder in Helmsheim zu passieren. Ob man es glauben mag oder nicht, dieses Szenario für jene Zeit ab April 2020, wenn unzählige Züge wegen der Sanierung der Bahnstrecke Mannheim-Stuttgart über den Kraichgau umgeleitet werden, ist noch die bessere Alternative. Es könnte nämlich noch viel schlimmer kommen, die Stadt Bruchsal beispielsweise erwägt während der Sanierung die Bahnübergänge gleich vollständig und dauerhaft zu schießen, bestätigt uns Bürgermeister Andreas Glaser im Interview.

Kurz-Interview mit Bruchsals Bürgermeister Andreas Glaser

Auch für Gondelsheims Bürgermeister Markus Rupp sind die winzigen vier Minuten die nach Kalkulationen der DB in manchen Stunden für die Passage der Übergänge zur Verfügung stünden, nur Augenwischerei. Kommt nur eine kleine Verspätung hinzu, sind wir faktisch längst bei der Vollsperrung, weiß Rupp nach langjährigen Erfahrungen mit dem Bahnalltag in seiner Gemeinde genau.

Hier könnte sechs Monate gar nichts mehr gehen – der Bahnübergang in Gondelsheim

Das zugrundeliegende Problem ist schnell erklärt. Ab dem kommenden April muss die Bahnstrecke Mannheim Stuttgart aufwendig saniert und damit komplett für den Zugverkehr gesperrt werden. Ein Teil der Fernzüge wird während des rund sechsmonatigen Zeitraumes über den Kraichgau und damit beispielsweise Bruchsal, Gondelsheim oder Bretten umgeleitet. Durch die höhere Frequenz auf dieser Strecke müssen die Bahnschranken dementsprechend häufiger nach unten, so häufig das ein effektiver Verkehrsfluss über die Übergänge absolut unmöglich wird.

Die Trennung von ganzen Ortschaften steht bevor

Was Gemeinden wie Gondelsheim in dieser Zeit bevorsteht, klingt schon fast ein bisschen nach Realsatire. Ortschaften werden in Ost und West gespalten, der Gleisübertritt ist nur noch für Fußgänger an wenigen Punkten möglich und Autofahrer müssen kilometerlange Umwege auf sich nehmen um eine der wenigen Unterführungen oder Brücken über die Bahntrasse zu erreichen. Während beispielsweise Heidelsheim noch über eine Überquerung der Gleisanlagen verfügt, gibt es in Gondelsheim tatsächlich nur einen einzigen Bahnübergang. Wer hier einmal zu den Stoßzeiten gefahren ist, weiß das auch nach heutigen Maßstäben bereits lange Staus eher Regel statt Ausnahme sind.

Kurz-Interview mit Gondelsheims Bürgermeister Markus Rupp

In Gondelsheim wird nun darüber nachgedacht für Pendler die auf der “falschen” Seite der Gleise wohnen, jenseits davon Stellplätze für ihre Fahrzeuge einzurichten, damit sie rechtzeitig zur Arbeit kommen – Fußmarsch inklusive. Wochenmärkte sollen auf beiden Seiten der Bahnschienen veranstaltet werden um die Nahversorgung für Ältere zu gewährleisten und auch für Rettungskräfte sollen Einsatzfahrzeuge auf beiden Seiten der Schienen bereit gestellt werden.

Richtig aus dem Ruder laufen könnte diese gelinde gesagt schwierige Situation, wenn beispielsweise bis zur Sperrung die Großbaustelle auf der B35 nicht rechtzeitig fertiggestellt werden könnte. Dann sind nicht nur die innerörtlichen Übergänge blockiert, sondern auch die entsprechenden Ausweichstrecken was nichts anderes als den sicheren Verkehrsinfarkt in der Region bedeuten würde.

Allmählich wird der Politik dieses drohende Szenario bewusst und so finden derzeit vermehrt Treffen statt um sich auf diese stetig näher kommende Situation vorzubereiten. Mobile Fußgängerbrücken beispielsweise sollen Kinder und Jugendliche vor der extrem gefährlichen “wilden” Überquerung der Gleise abhalten. Auch über Schienenersatzverkehr für Pendler und Schüler wird nachgedacht, da Auswirkungen auf den regionalen Zugverkehr (der schon jetzt alles andere als rund läuft) nicht auszuschließen sind. Wie Busse allerdings im vermutlich viel zu dichten Verkehr ihr Ziel rechtzeitig erreichen sollen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Eines ist aber bereits jetzt sicher: Die Sanierung der Schnellbahnstrecke und die höhere Belastung der Ausweichstrecken durch den Kraichgau kommen auf jeden Fall. Wie stark die Auswirkungen auf die Menschen entlang der Gleise ausfallen werden, hängt jetzt maßgeblich an der Politik. Man darf gespannt sein. Wir bleiben für Sie am Ball.

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