Klaus-Detlevs Todeshügel

|

Bild von artfotodima via Envato

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Mr. Huge, tear down this wall

Ach Kinners, ist das nicht herrlich. Nachdem Captain Corona sich in diesem Jahr anschickt, all unsere geliebten (meist auf Alkohol basierenden) Traditionen und Bräuche zur Hölle zu jagen, gibt es doch zumindest eine Konstante, auf die wir uns wie gewohnt verlassen können. Inmitten unserer kollektiven Empörung über Reiserückkehrer und feiernde Jugendliche (insbesondere über jugendliche Feierreisen-Rückkehrer), die in diesem Jahr anstatt einer erklecklichen Anzahl an Geschlechtskrankheiten, auch noch Tante Covid mit im Gepäck haben, tut sich nun doch noch ein echtes Sommerloch auf.

Und was für eines… Es ist meterlang, hüfthoch und bis zum Rand gefüllt mit bestem Bad Schönborner Dreck. Die Kollegen von der Bruderschaft des gedruckten Wortes fühlen sich von diesem Schmodder derart angezogen, dass sie ihm nicht nur ein, zwei oder drei, sondern gleich acht Artikel gewidmet haben. Ein zuerst illegaler, später gar giftiger Erdwall schickt sich an das Sommermärchen 2020 zu werden – man muss eben immer am Wall bleiben, irgendwas muss immer gehen.

Was? Sie haben von dieser Dramödie überhaupt nichts mitbekommen? Streuen Sie sich giftige Asche auf ihr Haupt und lauschen Sie der bewegenden Geschichte, die sich dem Vernehmen nach folgendermaßen zugetragen haben muss: Mitten in einer lauschigen Frühlingsnacht im Mai 2020 stand Bad Schönborns Bürgermeister Klaus-Detlev Huge entschlossen in seinem Badezimmer, zog sich mit zwei Fingern dicke schwarze Tarnfarbe über Wangen und Stirn, rasierte sich den Nacken aus und schlüpfte behende in seinen Kampfanzug. Danach lenkte er im Schutz der Dunkelheit seinen Passat über die Grenzen zu Polen und der Ukraine, um mit reichlich Bestechungsgeldern an den Kontrollposten endlich im Morgengrauen die Todeszone in Tschernobyl zu erreichen. Dort füllte er eigenhändig mit seinem Klappspaten aus dem Bruchsaler Bauhaus seinen Passat randvoll mit jener Erde, die die Liquidatoren 1986 direkt auf die rauchenden Überreste von Reaktorblock 4 gekippt hatten. Zurück in Bad Schönborn verteilte er schließlich die giftige Fracht entlang der Bundesstraße 292, lachte wie Skeletor laut aus und harrte der Dinge die da kommen mögen.

Ja, gut, vielleicht habe ich an der einen oder anderen Stelle dieser Story ein klein wenig übertrieben, wenn man aber der Berichterstattung der letzten Tage oberflächlich folgt, so müsste man bei Formulierungen a la: “Giftiger Erdwall muss schnell weg” doch zu dem Eindruck gelangen, der Bürgermeister würde mitten im Kurort tödlichen Dreck verklappen. Bevor jetzt aber Erin Brockovich hier aufschlägt um den Umweltskandal des Jahrtausends aufzuklären, gegen den sich die Ölpest der Exxon Valdez wie eine Grundschul-Theateraufführung ausnimmt, schauen wir uns das Bad Schönborner Skandälchen doch einmal ganz nüchtern an:

Zwischen den beiden Bad Schönborner Ortsteilen Langenbrücken und Mingolsheim verläuft die Bundesstraße 292. Um Zeit zu sparen und nicht an der Ampel halten zu müssen, haben ein paar findige Verkehrsteilnehmer entdeckt, dass sie mit nur einem kurzen Dreh an ihrem Lenkrad die Bundesstraße auch auf irregulärem Wege verlassen können, um ohne nennenswerten Widerstand direkt nach Langenbrücken einzufahren. Da die Gemeinde, viele Anwohner und nicht zuletzt die Straßenverkehrsordnung das doch für ziemlich uncool befanden, wurden zunächst ein paar alte Baumstämme gegen die Abweichler drapiert. Als sich nun die Gelegenheit bot, besagte Schwachstelle dauerhaft dicht zu machen und gleich auch noch zu begrünen, fackelte Bürgermeister Huge nicht lange und ließ spontan verfügbar gewordenen Erdaushub entlang der B292 verteilen. Man könnte jetzt von einer klaren Win-Win-Situation sprechen, hätte das Gemeindeoberhaupt nicht ein paar organisatorische Basics schmerzhaft außer Acht gelassen. Zum einen hat er sein Vorhaben nicht ausreichend mit Räten und Behörden erörtert und – vermutlich der größte Fauxpas in dieser Angelegenheit – auf die Erde aus der Baustelle seiner eigenen Tochter zurückgegriffen. Gerade Letzteres hat ein derart starkes Geschmäckle, dass sie es vermutlich in diesem Augenblick beim Lesen auf ihrer Zunge schmecken können. Das riecht doch deutlich nach Vetterleswirtschaft, bzw. in diesem Fall nach Väterleswirtschaft? Da muss man nicht um den heißen Brei herum lamentieren… wenn etwas nach Mist stinkt und Muh macht, ist es eben vermutlich eine Kuh.

Es kam wie es kommen musste, die Wellen schlugen hoch und aus einem 300 Meter langen Erdhügel wurde ein Politikum und der Shooting-Star des Sommerlochs 2020 im Hügelland. Von Empörung war die Rede, von einem Schlag ins Gesicht der Bürger und zuletzt hielt auch noch das starke Triggerwort “Gift” Einzug in die Debatte. Der Hugewall avancierte von “illegal” tatsächlich zuletzt zu “giftig”. Sogar das Landratsamt Karlsruhe ließ nun alle Medien mit proklamierter Fristsetzung zum 31. August wissen: “Wir fordern die vollständige Beseitigung”. Klar, immerhin wurde im Erdreich Arsen entdeckt. Uuuuh Arsen…. jenes teuflische Gift ohne dass kein Agatha Christie Roman je auskommen könnte. Ein Tropfen davon und du kannst unser schönes Hügelland von unten betrachten. Da hat die Tochter des Bürgermeisters aber richtig Pech gehabt, offenbar mitten in Bad Schönborn ein Stück des giftigen Ödlands aus Mad Max erwischt zu haben – man munkelt gar, dass es sich bei Ihrem Bauplatz um einen alten Indianerfriedhof handeln soll…

Doch immer ruhig mit den jungen Pferden: Bei dem Material vom töchterlichen Bauland handelt es sich in Wahrheit nur um Aushub der im technischen Jargon zwar als belastet, aber nicht wirklich als gesundheitsgefährdend gilt. Ja, der Boden enthält unter anderem auch Spuren von Arsen, das aber in geringen Konzentrationen praktisch überall auf der Welt im Boden zu finden ist. Das Bodenmaterial wurde deshalb mit dem technischen Wert Z1.1 klassifiziert, bei dessen Verwendung laut Länderarbeitsgemeinschaft Abfall ein eingeschränkter offener Einbau in Gebieten sogar mit hydrogeologisch ungünstigen Verhältnissen möglich ist. Der Abstand zum Grundwasser muss gerade mal einen Meter betragen. Wäre Huges Erdwall wirklich der kristallisierte Rest von Darth Vaders Todesstern, dürfte man im Musterländle der Bürokratie wohl von schwereren Kalibern der Behörden ausgehen.

Warum das Zeug dort also so zwingend und dringend wieder weg muss, erschließt sich mir am Ende nicht wirklich, es sei denn die Aktion gilt womöglich eher einem öffentlichkeitswirksamen Klopfen auf bürgermeisterliche Finger. Würde man sich die ganze Angelegenheit nur kurz unvoreingenommen und in dubio pro reo ansehen, könnte man auch als mögliches Szenario einen Bürgermeister erkennen, der ganz pragmatisch und ohne lange zu fackeln, eine Schwachstelle im Bad Schönborner Straßenverkehr geschlossen hat. Die Vorwürfe der Vetterleswirtschaft sind zwar zugegebenermaßen nicht von der Hand und das Geschmäckle nicht von der Zunge zu weisen, aber all diese Prämissen gehen doch am Ende von einem kalkulierten Vorsatz des Bürgermeisters aus.

Ich will ehrlich sein Freunde, es fällt mir schwer das zu glauben. Nicht zu Ende gedacht? Okay, Blauäugig? Vielleicht auch…. aber für eine bewusste und kalkulierte Täuschung von Räten und Bürgern taugt die Nummer einfach nicht! Man kann sicher vieles im politischen Alltagsgeschäft unter den Teppich kehren – mehrere hundert Tonnen Erde passen aber nicht mal unter den größten Perser im Bad Schönborner Rathaus.

Illegale und giftige Grüße von eurem Tommy

Stimmt etwas nicht? Haben wir einen Fehler gemacht oder etwas vergessen? Sagen sie's uns! Hier finden Sie alle Kontaktmöglichkeiten mit unserer Redaktion.Ihr Feedback zählt!

Vorheriger Beitrag

King of the hill

Bürgerstiftung unterstützt Theatrale Sprachförderung in Kindergärten

Nächster Beitrag

2 Gedanken zu „Klaus-Detlevs Todeshügel“

  1. Ist alles soweit ich das sehen kann nicht unwahr, aber es ist auch nicht die erste Aktion des Bürgermeisters, die genau so abläuft. Da kann man dann den Frust gut verstehen.
    Außerdem sollte man sich hier auch noch die Bürgermeisterwahl ins Gedächtnis holen, in der sich die Gemeinde als sehr gespalten gezeigt hat. Da sollte doch ein Bürgermeister etwas mehr Feingefühl zeigen können. Aber wenn einem eh alles egal ist und man denkt man kann es halt machen….

  2. Es geht hier um den Grundsatz der Gleichbehandlung. Hätte irgendein Bürger des Ortes seinen Erdaushub auf diese Art und Weise „entsorgt“, dann hätte dies zur Folge gehabt, dass dieser Vorgang zur Anzeige gebracht worden wäre. Gerade von einem Bürgermeister erwarte ich mehr Sensibilität und dass er als Vorbild im positiven Sinne vorangeht.

Kommentare sind geschlossen.