Kirschen mit Schuss

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So soll es immer sein zur Fastnacht in Unteröwisheim

von Stephan Gilliar

Was macht Fasnacht aus? Lärm, Exzess, Enthemmung und reichlich Alkohol, würde vermutlich die “Das Glas ist halb leer”-Fraktion sagen. Tja, das mag zwar in Teilen stimmen, aber ich glaube, im Kern geht es um etwas völlig anderes. Es geht darum, den Ernst dieser verdammt noch mal viel zu ernsten Welt für eine Weile abzuschütteln und einfach zu lachen … über andere, aber – und das ist wichtig – auch über sich selbst. Sich einmal nicht so ernst zu nehmen, die einstudierte Rolle und den dicken Panzer für ein paar Stunden abzulegen, sich ganz nackig zu machen, um allen anderen zu zeigen: Hallo, hier drinnen steckt auch nur ein Mensch.

Die Uneroiser Kerschdekipper sind hier am Samstagabend mit wirklich gutem Beispiel vorangegangen, waren sich für nichts zu schade, um Kraichtals narrischstem Stadtteil eine wirklich geniale Show zu spendieren, die ehrlicher nicht hätte sein können. Humor der ganzen Bandbreite, von der untersten bis aus der obersten Schublade. Manches plump, manches brachial, manches so politisch inkorrekt, dass so mancher Feuilletonist vermutlich Schnappatmung bekommen hätte, aber alles mit Herzblut vorgetragen. Genau darum geht es, all die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und Regeln mal für ein paar Tage außen vor zu lassen. Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen, so wie Udo Jürgens es gesungen hat.

Dazu gehört übrigens auch Mut, und das nicht zu knapp. Wenn gestandene Männer, viele davon Familienväter, in ernsthaften Jobs und verantwortungsvollen Positionen die Hüllen fallen lassen, ungelenk tanzen und dabei aber so viel Selbstbewusstsein und Spaß an den Tag legen, kann man davor nur den Hut ziehen. Keiner schämt sich an diesem Abend für seine Kurven und Narben, denn letztlich sind das echte Körper, fernab von unerfüllbaren Schönheitsidealen oder Instagram-Filtern – so sehen Männer eben aus.

Bemerkenswert auch der Auftritt von Bürgermeister Tobias Borho. Im Alltag ein durch und durch ernsthafter Politiker, an diesem besonderen Abend aber ein Entertainer, der All-in geht und damit sein komplettes Kollegium wie graue Mäuse aussehen lässt. Das Sakko über der Schulter, den strack sitzenden Kummerbund nach vorne gewölbt, gibt er ein starkes Medley von Bruce Low bis zu Guildo Horn zum Besten. Mit “Tobi hat euch lieb!” kommt dabei auch genau die Botschaft rüber, die den ganzen Abend trägt. Der Alltag mag manchmal stressig und ernst sein, im Grunde stehen wir hier in Kraichtal aber am Ende alle füreinander ein.

Es ist genau die gleiche Botschaft, die die Quintessenz eines weiteren Highlights an diesem besonderen Abend war: das Bütten-Battle zwischen Klaus Baumeister und Karl-Herrmann Dieterle. Russ vs. Schweffel. Unteröwisheim versus Oberöwisheim. Herrlich lautstark und in bestem Dialekt hauten sich die beiden die alten Klischees von Unter- und Oberdorf um die Backen, das Publikum quittierte mit ebenso lautem Gelächter. “Weisch du, was die scheenscht Aussicht in Uneroise isch? Ha, die nach Oweroise!” Dazu eine ganze Latte von Insiderjokes, die man wirklich nur versteht, wenn man von hier kommt. Aber das geht in Ordnung, schließlich waren an diesem Abend fast alle aus Kraichtal. Und auch diese Sternstunde Lokal-Kabarett endete versöhnlich – am Ende konnten sich die beiden immerhin auf einen gemeinsamen Nenner einigen: “Es könnt alles noch viel schlimmer sein, mir könnte a von Minze sein.” Standing Ovations, Minze-Bashing geht immer.

Was sonst noch? Reichlich Schunkelrunden, launig untermalt von Chris Geißlers Mallorca-Timbre, und natürlich Tanzchoreografien vom Feinsten. Die verschiedenen Kirschsorten aus der Showtanzabteilung der Kerschdekipper zeigten, was sie monatelang aufwändig und zeitintensiv einstudiert hatten. Von den Kirschknospen über die Galnzkerschden bis zu den Herzkerschden lieferten alle beeindruckende Choreografien ab, fantasievoll umgesetzt und aufwändig inszeniert. Respekt auch an die männlichen Tänzer der Kerschdeplotzer, ihre Baywatch-Hommage war schreiend komisch und leidenschaftlich dargeboten. Die Elferräte honorierten alles mit Applaus und reichlich Kirschfruchtgummis, die vermutlich traditionell im Umfeld der Unteröwisheimer Prunksitzung deutschlandweit ausverkauft sein dürften. Dazu, so viel Zeit muss sein und Ehre, wem Ehre gebührt, die Verlesung wirklich aller Namen, das gehört einfach dazu. By the way, ein erklecklicher Teil der Unteröwisheimer Bevölkerung muss offenkundig auf den Nachnamen Zimmermann hören?

Ach ja, wenn wir schon bei Namen sind. In Sachen Fasnacht haben sich zahlreiche große Namen an diesem Abend die Ehre gegeben und haben die närrischen KollegInnen in Uneroise besucht: aus Bruchsal, aus Ubstadt, aus Hambrücken, aus Kronau, Hilsbach, Östringen … ja, da fehlen einige, man möge es mir nachsehen.

Zum Schluss dann noch das große Elferrat-Medley, ohne Experimente – in your face. Die großen Chart-Hits der Neunziger, die gehen immer und zünden auch noch 30 Jahre später ohne Probleme. Backstreet Boys, Spice Girls, Jürgen Drews, sie alle wärmten die Halle auf die Betriebstemperatur vor, die vermutlich noch bis in den frühen Morgen jegliches Zuheizen durch die Hausmeister der Horst Kochendörfer Halle völlig unnötig gemacht hat. Es sei dir gegönnt, Uneroise, Fasching ist nur einmal im Jahr.

5 Kommentare zu „Kirschen mit Schuss“

  1. Nach diesem Auftritt muss der Borho nächstes Jahr in der gelben Jacke der Kerschdekipper auf der Bühne stehen!

  2. Was für ein mega Fasching! Tolle Kostüme, super Stimmung, viel Gelächter und einfach rundum gelungen. Man hat gemerkt, wie viel Herzblut in der Organisation gesteckt hat – ein großes Dankeschön an alle Herferinnen und Helfer! Die Kerschdekipper habens einfach drauf!!!
    Und der Bericht dazu: richtig schön geschrieben, lebendig und mit viel Gefühl für die tolle Atmosphäre. Da bekommt man direkt Lust auf nächstes Jahr!!!

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