In Brusl nix neues

|

Die offizielle Vorstellung der Kandidierenden für die Oberbürgermeisterwahl in Bruchsal war zwar interessant, aber für Wählerinnen und Wähler, die den Wahlkampf bislang aktiv verfolgt haben, nur bedingt aufschlussreich.

von Stephan Gilliar

Wie hoch genau die Temperatur am Montagabend in der Heidelsheimer Sporthalle war, lässt sich mangels Thermometer nicht exakt beziffern, aber sie lag in jedem Fall verdammt hoch. Wem nicht schon auf dem Hinweg der Schweiß ausgebrochen war, dem stand spätestens nach ein paar Minuten in der Halle das Wasser auf der Stirn. Nichtsdestotrotz füllten sich die Reihen immer weiter, bis am Ende sogar ein paar Sportbänke aus dem Geräteraum geholt werden mussten, um den meisten Zuschauern zumindest eine provisorische Sitzgelegenheit zu verschaffen.

Das muss man Heidelsheim hoch anrechnen: Das politische Interesse schlägt ganz klar persönliche Befindlichkeiten. Hut ab dafür. Dennoch fiel es schwer, dem Gesagten an diesem heißen Sommerabend mit kühlem Kopf zu folgen, so schwer lastete die Hitze auf dem Publikum. Manche fächelten sich mit dem Fächer Luft zu, andere mit Papier oder Notizblöcken – was eben gerade greifbar war. Hin und wieder versuchte die Feuerwehr mit einem großen Lüfter aus ihrem Repertoire, etwas Bewegung in die Suppe zu bringen, doch die Lautstärke des Gerätes ließ das nicht längerfristig zu. Also: Augen zu und durch, schließlich galt es an diesem Abend in Erfahrung zu bringen, wofür die insgesamt fünf Kandidierenden für die Oberbürgermeisterwahl in Bruchsal stehen.

Erwartungen und Ablauf

Gleich vorweg: Wer sich hier viel Handfestes, Greifbares oder gar konkrete Pläne erhofft hatte, wurde weitestgehend enttäuscht. Nach unserem Dafürhalten enthielten die Präsentationen mehr vagen Wohlklang als die erhoffte Butter bei den Fischen.  Doch der Reihe nach: Ach, ja, die Reihenfolge wurde von Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick übrigens im Stile einer Neunzigerjahre-Gameshow ausgelost, indem mehrere silbern glitzernde Umschläge aus einer Losbox gezogen wurden. 

Im Folgenden geben wir Ihnen einen kurzen Überblick über die Redebeiträge, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Bei den Zitaten ist es möglich, dass sie nicht immer dem exakten Wortlaut entsprechen, da wir sie unter Zeitdruck live per Hand stenografieren mussten.

Vanessa Schulz

Die erste Tranche Redezeit fiel auf die einzige Kandidatin im Bunde. Vanessa Schulz aus Pfinztal, 43 Jahre, Mitglied bei DIE PARTEI, nutzte nur ein paar Minuten der möglichen Zeit, um ein starkes Statement in Richtung AfD loszuwerden, die mit Tobias Dammert bei dieser Wahl einen eigenen Kandidaten stellt.

„Mein Motto ist ja nie wieder Faschismus und nie wieder ist jetzt.“

„Ich möchte eine Oberbürgermeisterin für alle Menschen in der Stadt sein, nicht nur für die mit einem bestimmten Pass, mit einer bestimmten Herkunft, mit einer bestimmten Hautfarbe oder auch einer bestimmten Äußeren oder einer bestimmten Identität oder Sexualität.“

Sven Weigt

Als Nächstes betrat Sven Weigt die Bühne – kein Unbekannter in der Region. Seit vielen Jahren steht er der benachbarten Gemeinde Karlsdorf-Neuthard als Bürgermeister vor und war zuletzt für die CDU Kandidat bei den OB-Wahlen im großen Karlsruhe. Der 53-Jährige führte vor allem seine langjährige Erfahrung als Politiker ins Feld und verwies auf die Erfolge, die er in diesem Zuge als Bürgermeister und Fraktionsvorsitzender im Kreistag erzielen konnte. Stärken, die es insbesondere im Hinblick auf den angeschlagenen Haushalt der Stadt Bruchsal zu nutzen gilt.

„Als erfahrener Bürgermeister, Fraktionsvorsitzender der größten Fraktion im Kreistag mit 31 Mitgliedern und immerhin 14 Bürgermeistern, als erster ehrenamtlicher Stellvertreter des Landrates im Landkreis Karlsruhe und als Mitglied im Gemeindetag im Finanzausschuss beschäftige ich mich sehr intensiv mit der Finanzsituation unserer Kommunen.“

„Grundlage für Gestaltung ist ein solider Haushalt. Wer nur vom Gestalten spricht, wird sehr schnell merken, dass der Gestaltungsspielraum sehr klein wird, wenn man sich nicht selbst um seine Handlungsgrundlage kümmert.“

„Ich verspreche Ihnen keine schnellen Lösungen, sondern nachhaltige Arbeit für Ihre Stadt. Ich setze auf klare Ziele statt Aktionismus, auf gute Zusammenarbeit statt Einzelentscheidung.“

Helge Viehweg

Als Dritter im Bunde sprach schließlich Helge Viehweg. Auch er ist amtierender Bürgermeister, seit zwei Amtszeiten in der Gemeinde Straubenhardt im Enzkreis. Seine Ausführungen trugen einen deutlich emotionaleren Grundton, enthielten auch persönliche Passagen, wie beispielsweise den Umstand, dass er mit seinem Ehemaann ein Adoptivkind und zwei Pflegekinder aufzieht.

„Ich glaube, Kinder brauchen Liebe und Geborgenheit und die wollen wir Ihnen gerne zu Hause geben.“

„Ich möchte Ihnen ein Oberbürgermeister sein, der gestaltet statt verwaltet. Und ich möchte Ihnen ein Oberbürgermeister sein, der die Menschen mag. Das tue ich.“

Schwerpunkte seiner vorgestellten Politik liegen in den Themenbereichen Finanzen, Energie, Wirtschaft und Digitalisierung, Klimaschutz, Bürgerbeteiligung, Innenstadtentwicklung und Mobilität. Wie groß aus seiner Sicht der Handlungsdruck ausfällt, daraus machte der 46-Jährige in seinen Ausführungen keinen Hehl.

„Im Rathaus soll ein Team für Sie arbeiten, das kann ich formen. Ebenso braucht es einen pragmatischen Gemeinderat und keine Parteipolitik oder Spielchen. Dafür sind nämlich die Herausforderungen zu groß.“

„Wer nichts ändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“

Tobias Dammert

Auch für Tobias Dammert, den Kandidaten der AfD und vierten Redner, der an diesem Abend als Heidelsheimer quasi ein Heimspiel hatte, soll es kein „Weiter so“ geben. Hinsichtlich der großen Lücken im Bruchsaler Haushalt wolle er auf eine klare Unterstützung der örtlichen Unternehmen setzen und Missstände offen aussprechen.

„Wir erleben von Seiten der Politik eine immer stärkere Bevormundung und gleichzeitig eine immer intensiver werdende Schönrederei. Auf konstruktive Kritik wird oftmals der moralische Zeigefinger erhoben, während der Staat immer mehr Steuern verlangt. Ich sage dazu, damit muss Schluss sein.“

„Wir brauchen keine Leuchtturmprojekte. Projekte sind wichtig für die Weiterentwicklung Bruchsals, das ist ganz klar. Aber unsere Projekte müssen vernünftig sein. Wir sind nicht New York, Paris oder London.“

„Ich verspreche keine Wunder, aber ich verspreche eins. Ich werde mit klarem Blick, mit offenem Ohr und vollem Einsatz für Bruchsal arbeiten.“

Endercan Bolat

Als Letzter sprach Endercan Bolat. Nachdem dieser bei der ersten Kandidatenvorstellung im Bürgerzentrum seine Ausführungen vor Aufregung gleich zu Beginn abbrechen musste, verlas er dieses Mal ein sehr kurzes, vorbereitetes Skript, das jedoch nicht immer leicht zu verstehen war. Zu den vorgebrachten Themen gehörten eine bessere Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Jugendliche, ein schöneres Stadtbild und – eher diffus – Wohlstand für quasi alle.

Gut für einen ersten Eindruck 

Im Anschluss gab es noch reichlich Gelegenheit für das Heidelsheimer Publikum, die Fragen zu stellen, die ihm auf dem Herzen lagen. Diesen Part werden wir an dieser Stelle aussparen, da der Beitrag sonst schlicht zu umfangreich wird.

Wie aber lässt sich der Abend zusammenfassen? Nun, für all jene, die sich bislang noch überhaupt nicht mit dem Wahlkampf und den Kandidierenden auseinandergesetzt haben, mochte die Vorstellung durchaus interessant gewesen sein. Für alle, die sich aber bereits im Vorfeld mit den Positionen und den bereits vielfach verfügbaren Interviews und Beiträgen auseinandergesetzt haben, boten die Stunden in der heißen Heidelsheimer Sporthalle kaum neue Erkenntnisse. Hier hätte man nach unserem Dafürhalten ruhig einen Gang höher schalten dürfen, schließlich befindet sich der Wahlkampf auf der Zielgeraden und in der wortwörtlich und sprichwörtlich heißen Phase. 

Wer bislang noch keine Gelegenheit hatte, die Kandidierenden live zu erleben, hat noch eine Gelegenheit – am morgigen Mittwoch um 18:00 Uhr in der Bundschuhhalle Untergrombach. Eine Meinung bilden kann man sich noch knapp zwei Wochen lang, die Wahlentscheidung sollte dann spätestens am 13. Juli stehen, wenn der erste Urnengang erfolgt. Knapp 35.000 Wahlberechtigte sind dann aufgerufen, ihre neue Oberbürgermeisterin oder ihren neuen Oberbürgermeister zu wählen. Falls die notwendige Mehrheit beim ersten Wahlgang nicht zustande kommt, müsste Bruchsal am 27. Juli ein zweites Mal ran.

Anzeige

6 Kommentare zu „In Brusl nix neues“

  1. Danke für die sehr gute Widergabe was den Bruchsaler OB – Wahlkampf betrifft. Die beiden Bürgermeister-Kandidaten aus Straubenhardt und Karlsdorf-Neuthard streben nach Höherem. Sie werden einen großen Gehaltszuwachs bekommen. Und ob das schlußendlich ein positives Zeichen ist. Beide konnten mich persönlich NICHT überzeugen !

  2. Vanessa ist die einizge Kandidatin die für Ideale kämpft und eine Partei vertritt die noch für verlässliche Werte steht.

    Sie will das Amt nicht um Karriere zu machen oder um Bruchsal in eine Zeit vor 100 Jahren zurück zu werfen.
    Ich wünsche ihr viel Erfolg.

  3. Es ist lustig das Bolat’s Ausführungen und auch deren Umschreibungen in diesem Artikel, den Kandidaten wie den eigentlichen Kandidaten der „Partei“ erscheinen lassen. Sein südländisches Äußeres gepaart mit seinem Nachnamen (einfach „l“ durch „r“ ersetzen) bestärken diesen Eindruck nur noch weiter.

    Insgesamt sind alle Kandidaten äußerst unkonkret und erwecken den Eindruck wenig geeignet bzw nicht wirklich an der Stelle interessiert zu sein.

    Ich vermute mal nach der Wahl zum OB wird die Anzahl der Verlierer nicht Vier ( 5 minus 1) sondern fünfstellig sein.

  4. Liebloser Kommentar. Die Interviews mit ihm lassen ihn als herzensguten, bodenständigen, aufrichtigen Mann erscheinen. Sympathisch, aber mit dem scheinbar unglaublich schrecklichen Nachteil, dass er nicht einwandfrei deutsch spricht. Wie schlimm.

Die Kommentare sind geschlossen.