Immer schön sauber bleiben

| ,

Ultramodern und bereit für Großes – auf dem Campus der Brettener Rechbergklinik hat die neue Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte ihren Betrieb aufgenommen.

von Stephan Gilliar

„Do hanne gibts koi Milch“, stellt Martina Raus fest, als sie angestrengt in dem modernen neuen Doppeltürenkühlschrank in der Personalküche der AEMP wühlt. „Macht awwa nix“, ergänzt sie und zieht stattdessen aus ihrer geräumigen Handtasche ein Tütchen Instantkaffee, in dem der Weißer schon enthalten ist. Ich kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken, da die Szenerie auf mögliche Betrachter unfreiwillig komisch wirken muss: Zwei Gestalten, von Kopf bis Fuß in klinisches Grün gehüllt und mit türkisfarbenen Hauben gekrönt, die am Tisch thronen wie Abgesandte vom Mars bei einem bilateralen Gipfeltreffen. Ein Treffen, bei dem zweisprachig diskutiert wird, denn Martina spricht das breiteste Schwäbisch, das ich seit Langem gehört habe. „I bin Vollblutschwäbin“, lacht sie und trinkt einen Schluck von ihrem flüssigen Frühstück, während ich die letzten Brocken des Instant-Kaffees in der Tasse verrühre.

Martina Raus, deren fröhliche Leichtigkeit geradezu ansteckend wirkt, sitzt an diesem Tag das erste Mal, vielleicht sogar seit Tagen. Hinter ihr und ihrem Team liegt ein echter Marathon, angestrengte Arbeit und reichlich Überstunden, um das neue Glanzstück auf dem Campus der Brettener Rechbergklinik, die Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte, kurz AEMP, rechtzeitig in Betrieb zu nehmen. Das jahrelang geplante und umgesetzte millionenschwere Leuchtturmprojekt ist nicht nur ein weiterer wichtiger Garant für die Sicherheit der medizinischen Versorgung von gleich vier Kliniken, sondern auch ein echter Befreiungsschlag für die regionale Kliniken-Holding RKH. Denn auch wenn sich diese vier Buchstaben unspektakulär anhören mögen: Ohne die AEMP gibt es schlicht keinen Krankenhausbetrieb, da beißt die Maus keinen Faden ab.

In der Aufbereitungseinheit werden benutzte medizinische Instrumente, beispielsweise aus den verschiedenen Operationsbereichen, aufbereitet, gereinigt und sterilisiert. Ein Vorgang, der ein bisschen nach Spülmaschine klingt, aber weit, weit mehr bedeutet. „Früher hat man gesagt: ‚Spülküche vom OP‘ – aber das ist es natürlich nicht“, sagt Martina, und sie muss es wissen. Nach Jahrzehnten als ausgebildete und erfahrene Krankenschwester im Krankenhaus Mühlacker wechselte sie dort 2009 in die örtliche AEMP und übernahm 2016 schließlich deren Leitung, 2019 zusätzlich jene der Anlage in Bruchsal.

Dass etwas in dieser für jedes Krankenhaus durch und durch systemrelevanten Abteilung geschehen muss, war im Grunde unausweichlich. Dafür gab es gleich mehrere Gründe, allen voran der bauliche und technische Zustand beispielsweise der AEMP in Bruchsal, die im Grunde noch auf dem Stand der Achtzigerjahre war. Eine Sanierung wäre zwar theoretisch denkbar gewesen, doch seitens der Leitung beschloss man, größer zu denken und weiterhin eine Gelegenheit zu ergreifen. Die Dienste der AEMP sind nicht nur essenziell für den Betrieb einer Klinik, sondern auch hochbegehrte Dienstleistungen, die auch durch private Anbieter auf dem Markt mit hohen Gewinnmargen bedient werden. Selbst mit einer Sanierung im Bestand wären die bestehenden Zentren in Bruchsal oder auch in Mühlacker irgendwann an ihre Grenzen gestoßen; spätestens dann wäre vermutlich kein Weg am teuren Outsourcing vorbeigegangen.

Also hat man sich dazu entschlossen, am Standort Bretten eine zentrale AEMP zu errichten, die nicht nur die vier Kliniken in Bruchsal, Bretten, Neuenbürg und Mühlacker versorgen kann, sondern perspektivisch auch Aufträge für andere Häuser abwickeln und damit gutes Geld erwirtschaften kann. Geld, das im chronisch unterfinanzierten Krankenhauswesen gut gebraucht werden kann. Gründe für den Neubauer gab es tatsächlich viele. „Mein Ziel war es, tatsächlich eine der modernsten AEMPs in Deutschland aufzubauen, speziell auch im Kontext Ergonomie und Robotik.“ fasst Roland Walther, Geschäftsführer der RKH Kliniken des Landkreises Karlsruhe gGmbH, der federführend hinter dem millionenschweren Bauvorhaben steht, zusammen.

60.000 Sterilguteinheiten kann die neue Anlage bereits bewältigen, die potenziellen Kapazitäten gehen aber darüber hinaus. „100.000 würden wir auch schaffen“, erzählt Martina Raus stolz und führt mich durch ihr nagelneues Reich. Was sofort auffällt, sind die lichtdurchfluteten, freundlich und hell gestalteten Räume. Offenbar keineswegs eine Selbstverständlichkeit. „Normalerweise sind die Dinger immer im Keller“, brummt Martina, „in meinem alten Büro hatte ich nur ein Poster von einem Lavendelfeld statt Fenster“. Überhaupt sei sie stolz darauf, dass beim Neubau nicht nur auf effiziente Abläufe und eine Maximierung von Kapazitäten gesetzt wurde, sondern ganz klar auch auf ein freundliches Umfeld, das sich auch an den Bedürfnissen des Personals orientiert. Weniger Nachtschichten, weniger Wochenendarbeit, ohne dabei Personal einsparen zu müssen – nur durch ausgeklügelte Arbeitsabläufe, das ist das Geheimnis.

Damit das funktioniert, muss sich die neue Maschinerie erst mal so richtig warmlaufen. Die Umstellungen für die nun in einer zentralen AEMP vereinten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht von schlechten Eltern. Denn wo früher ein Stück weit improvisiert, menschlich auf Sicht gefahren wurde, ist jetzt der gesamte Prozess akribisch geregelt, wird digital minutiös erfasst und durch Software und Hardware unterstützt, wo es nur geht. Das bedeutet nicht weniger als eine Reise durch ein Wurmloch – aus den Achtzigern direkt in die Zukunft. Wo früher Körbe mit schwerem Edelstahlbesteck noch per Hand und nicht gerade rückenschonend durch die Gegend getragen und direkt in die Sterilisation gestellt wurden, erledigen das heute gleich mehrere Roboter. Stoisch leise, präzise und unaufgeregt verrichten die blinkenden und piependen Quadratschädel ihre Arbeit – so unaufgeregt, dass sogar ich mich zu innerer Entschleunigung ermahnen muss. „Komm Kerle, mach a mol hin“, will man rufen und die schweren Tabletts einfach selber packen. Martina sieht mich an, weiß genau, was ich denke, und lacht wieder ihr herrlich-gutmütiges Lachen. „Des isch koi kloine Umstellung, sondern mehr so 360 Grad“, bekräftigt sie und schiebt hinterher: „Wenn der Knoten platzt, läuft es gut – aber das dauert noch.“

Ja, an so viel technologische Assistenz muss man sich erst einmal gewöhnen. Wirklich jeder noch so kleine Schritt wird genau protokolliert, vom ersten Scanvorgang der verplombten Container bei der Anlieferung bis hin zur Auslieferung des vollständig sterilen Geschirrs. Die Anlage ist dabei in mehrere Bereiche unterteilt; grob könnte man sagen: in schmutzig und sauber. Wenn die Lieferungen ankommen, gilt das Material als hochgradig kontaminiert, dementsprechend streng sind die zutreffenden Schutzmaßnahmen. Um sich selbst nicht zu infizieren oder später die Sterilisation und die Keimfreiheit zu gefährden, gilt eine strenge Kleiderordnung. Grüne Scrubs für den sauberen Bereich, rote für den anderen. Auch der Prozess der Aufbereitung ist spannend, nichts wird dem Zufall überlassen. Gereinigt wird das Material mit einer chemischen Flüssigkeit, danach folgt eine thermische Behandlung, um jegliche Keime und Erreger zuverlässig abzutöten. Die Sichtkontrolle darf nicht fehlen, und nachdem alles in steriles Material neu verpackt wurde – genauso zusammengestellt, wie es in den verschiedenen Abteilungen der Krankenhäuser benötigt wird –, erfolgt eine weitere Sterilisation mittels Dampf.

Die Ausstattung der neu eingerichteten Einheit ist dabei derart modern und futuristisch, dass die Roboter, die in dieser Szenerie herumfahren, völlig normal wirken. Auch Martina Raus freut sich, dass bei der Konzeption und der Umsetzung nicht gespart und allen Bedürfnissen Rechnung getragen wurde. „Des isch halt koin 0815 Schoisdreck – man hat alles über Bord geschmissen, was früher so gemacht wurde.“ Optimierte Arbeitsabläufe, auf dem neuesten Stand von Wissen und Technik. Dafür hat Martina auch in anderen Kliniken recherchiert, zum Beispiel in der renommierten Charité in Berlin. „Alles, was zeitgemäß ist, hat man hier in die Waagschale geschmissen“, erzählt sie stolz und freut sich über jeden Fortschritt, über jedes Vorankommen in Richtung genau der Art von „Schwubdizität“ als erklärtem Ziel, damit das Team und die noch neue Technik in einem dynamischen Workflow miteinander verschmelzen können.

Während sie das sagt, den Blick auf die Spitze des Pfeiferturms gerichtet, der gerade noch hinter dem Rechberg zu sehen ist, scheint sie einen Moment ins Grübeln zu fallen ob all der Dinge, die auf ihrer noch immer endlos langen To-do-Liste stehen, doch dann hellt sich ihre Miene wieder auf und die fröhliche Schwäbin ist zurück.

„Des schaffe mer scho, in der Charité klappt’s ja auch“, lacht sie schallend. „Was Berlin kann, könne mir auch!“

2 Kommentare zu „Immer schön sauber bleiben“

Die Kommentare sind geschlossen.