Im Land der tausend Regenbogen

| ,

Die Dorfpride setzt in Zeutern ein Zeichen für Liebe, Vielfalt und Akzeptanz

von Stephan Gilliar

„Leben und leben lassen“. Eine so fundamental einfache Grundregel des menschlichen Zusammenlebens, dass sie sich eigentlich von selbst versteht… oder verstehen sollte. Engstirnigkeit und Kleingeistigkeit, gepaart mit mangelndem Wissen und reichlich Vorurteilen, führen jedoch leider immer wieder dazu, dass Menschen sich verstellen und verstecken müssen, um nicht unter die Räder zu kommen. Dabei sagt doch Artikel 1 unseres deutschen Grundgesetzes klipp und klar: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Und wenn man sich umschaut in der Geschichte großer Denker*innen, findet sich immer wieder dieselbe Botschaft – mal philosophisch, mal politisch, mal ganz menschlich formuliert. Voltaire etwa soll einst sinngemäß erklärt haben, dass er zwar nicht mit allem einverstanden sei, was jemand sagt, aber dessen Recht verteidigen würde, es zu sagen. Goethe sah Toleranz als Ergebnis aller gesammelten Menschlichkeit, und bei Kant endet die eigene Freiheit dort, wo die der anderen beginnt. Besonders treffend brachte es Richard von Weizsäcker auf den Punkt: Es ist normal, verschieden zu sein.

Wenn man all das auf den Kerngehalt reduziert, landet man wieder bei der eingangs erwähnten Botschaft: Leben und leben lassen. Genau das ist auch der Grundtenor der Dorfpride – einem Zusammenschluss unterschiedlichster Menschen, die Kundgebungen speziell im ländlichen Raum organisieren, um sich für die Rechte von LSBTIQ+ Menschen starkzumachen. Im Vorfeld haben wir bereits mit dem Orga-Team gesprochen – den entsprechenden Artikel finden Sie natürlich noch in unserem Archiv.

Ein kleines Dorf mit großer Wirkung

Mit Spannung wurde die Premiere der Dorfpride im Kraichgau erwartet, war doch der Austragungsort Zeutern in vielerlei Hinsicht einzigartig – zum einen der erste im Landkreis Karlsruhe, vor allem aber der kleinste aller bisherigen Schauplätze der Veranstaltungsreihe. Wie immer bei gesellschaftlichen Kundgebungen gingen die Meinungen im Vorfeld auseinander: Während die einen das Engagement und die Botschaft der Dorfpride begrüßten und unterstützten, formierte sich aber auch Kritik.

Längst nicht jeder war bereit, den öffentlich zum Ausdruck gebrachten Wunsch nach mehr Akzeptanz und Vielfalt vollumfänglich mitzutragen. Ein/e Forist*in störte sich beispielsweise in unserem Vorbericht an der Formulierung, auch abseits der Großstädte gebe es ein starkes Bedürfnis nach queerer Sichtbarkeit. Die aufgeworfene Frage: Was sei das überhaupt für ein Bedürfnis, gesehen zu werden – und ob das nicht ohnehin nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung betreffe. Zudem wurde kritisiert, dass Sichtbarkeit Spannungen erzeugen könne und vom gesellschaftlichen Kontext abhänge.

Nun, man kann es auch anders sehen: Queere Sichtbarkeit ist kein fragwürdiges Bedürfnis, sondern ein demokratisches Grundrecht – sie schafft Teilhabe für eine signifikante gesellschaftliche Gruppe, die lange unsichtbar gemacht wurde, und provoziert nur dort Widerstand, wo Vorurteile stärker sind als der Wille zum Miteinander. Wäre es nicht schöner, sich einfach ein bisschen aufeinander einzulassen, die anderen in ihrem Anderssein zu sehen und zu respektieren? „Don’t judge someone until you’ve walked a mile in their shoes.“ – „Beurteile jemanden nicht, bevor du ein paar Meilen in seinen Schuhen gegangen bist.“ Ein schönes Sprichwort, dass den Cherokee Indianern zugeordnet wird.

Bunt statt grau

Offenbar waren viele Menschen aus der Region bereit, temporär ihre Schuhe für den Erkenntnisgewinn zu tauschen. Ungefähr 1000 von ihnen (auch wir) waren am Samstag, dem Vorabend zum Auftakt des sogenannten „Pride Months“, in Zeutern dabei. Die Stimmung: losgelöst, fröhlich und offen.
„Uns ist es zwar wichtig, gegen zunehmende Queerfeindlichkeit Flagge zu zeigen. Aber wir tun das, indem wir zeigen, wie wunderbar sich ein Zusammenleben in Vielfalt anfühlen kann. Wir feiern die Vielfalt jedes einzelnen Menschen“, so das Orga-Team in einer Pressemitteilung im Nachgang der Veranstaltung.

Die Dorfpride war eine Mischung aus Redebeiträgen von Vertreter*innen aus Politik, Kirche und Zivilgesellschaft, Umzug, Aktionen und Aktivitäten vor und während des Events, Kundgebung und Konzert. Mit dabei waren unter anderem die katholische Kirchengemeinde Forst-Ubstadt-Weiher, die evangelische Kirche Bad Schönborn, Kronau, Ubstadt-Weiher samt den beiden Geistlichen Luise Helm und Julian Donner, Bürgermeisterstellvertreterin Angelika Waßmer sowie Ubstadt-Weihers designierte Bürgermeisterin Katharina Kimmich.

Beim Demonstrationszug durch Zeutern mit Musik und Tanz unterstützten unter anderem auch das Segensteam „Dein Moment – Agentur für Segen“, die Initiative PLUS Rhein-Neckar für queere Geflüchtete sowie die Parteien Volt, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke. Auf der Bühne sorgten DJane Thunderpussy, DJane Miss Dee, Sängerin Aylisha Salem, die Kölner Schauspielerin und Sängerin Svea Kirschmeier sowie die Drag-Performerinnen von Heideldrag für ein vielfältiges, kraftvolles Kulturprogramm.

Auch das Wetter setzte ein Zeichen: Statt grauem Einerlei zeigte sich der Samstag die meiste Zeit von seiner besten Seite. Obwohl der Himmel sich zunehmend zuzog, konnte die Dorfpride nahezu im Trockenen über die Bühne gehen – erst beim Abschlusskonzert fielen über Zeutern die ersten Regentropfen.

7 Kommentare zu „Im Land der tausend Regenbogen“

  1. Am 31. Mai 2024 wurden in Mannheim sechs Menschen durch einen Messerangriff verletzt, darunter auch der 29-jährige Polizist Rouven Laur, der zwei Tage später an seinen schweren Verletzungen verstarb. Die Bilder dieses brutalen Angriffs haben sich vielen von uns tief ins Gedächtnis eingebrannt. Die Empörung in der Bevölkerung war groß: Ein junger Polizist, der für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung eintrat, wurde im Dienst getötet.

    Ausgerechnet am ersten Jahrestag dieses tragischen Ereignisses fand nun in Zeutern, dem kleinsten Ortsteil von Ubstadt-Weiher, unter dem Motto „Dorfpride“ eine Demonstration statt, mit Unterstützung unter anderem durch „Die Grünen“ und „Die Linke“.

    Kurz zuvor sorgte die Vorsitzende der Grünen Jugend, Jette Nietzard, mit einem Pullover mit der Aufschrift „ACAB“ (für „All Cops Are Bastards“) für Schlagzeilen. Diese Parole ist in ihrer Wortwahl und Stoßrichtung pauschal und polizeifeindlich. Dennoch erhielt sie Rückendeckung aus ihrer Partei.

    Auch in Zeutern marschierten bei der Dorfpride nachweislich Gruppen mit, die sich offen zur linksradikalen „Antifa“ bekennen, einer Bewegung, die weltweit nicht nur durch antifaschistische Haltung, sondern auch durch radikale Positionen gegenüber Polizei und Staat bekannt ist.
    Symbole der Antifa repräsentieren gewaltbereite Strömungen, die autoritäre oder anarchistische Ziele verfolgen und teilweise demokratische Prinzipien wie Gewaltfreiheit und Rechtsstaatlichkeit infrage stellen.

    In den vergangenen Monaten waren in Ubstadt-Weiher zunehmend linksextreme Parolen auf Gebäuden und Aufklebern zu sehen: „FCK NZS“ oder gar „Alle Nazis keulen“ auf einem Gebäude bei der neuen Feuerwehr in Zeutern. Letzteres ist nicht nur geschmacklos, sondern gefährlich, weil es Gewalt zumindest rhetorisch legitimiert. Kurz vor der Dorfpride wurde diese Parole entfernt.

    Ubstadt-Weiher hat kein akutes „Nazi-Problem“, wohl aber eine gefühlte Toleranz gegenüber radikalisierten linken Gruppen, denen hier nachweislich eine Plattform geboten wurde, mit Wissen der Veranstalter, unter öffentlicher Beteiligung der Gemeinde und mit Unterstützung lokaler Sponsoren.

    Auf dem Instagram-Account von Dorfpride sieht man auf den Bildern deutlich die ausgestellten Antifa-Aufkleber.
    Ebenso sieht man auf den Bildern, dass hinter Bannern mit dem Code „161“ (der für „Antifaschistische Aktion“ steht) sowie der Antifa-Fahne marschiert wurde, begleitet von Parolen wie „Nie wieder still! Laut, quer, radikal“.

    Laut und quer – gerne. Vielfalt und Meinungsfreiheit – unbedingt. Doch politische Radikalität, insbesondere verbunden mit pauschalem Polizei-Hass, sollte keinen Platz in einem friedlichen Weinort wie Zeutern haben. Gerade an einem Tag, der im Zeichen des Gedenkens an einen getöteten Beamten stehen sollte, wirkt das wie eine Provokation und schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.

    Die Frage ist nun, wie die Gemeinde, insbesondere deren Bürgermeister Tony Löffler und dessen designierte Nachfolgerin Katharina Kimmich reagieren.

    Ob rechts- oder linksradikal, beides hat in der liebenswerten Gemeinde nichts zu suchen. Man stelle sich vor, die Teilnehmer wären hinter Bannern mit rechtsradikalen Symbolen gelaufen!

  2. Was für ein bequemes Durcheinander von Meinungsbröckchen, genau richtig, um dem dumpfbraunen Mob zur Auswahl zu dienen. Und so kommt man denn vom Mord an Rouven Laur zur Dorfpride in Zeutern. Ich halte mich nicht damit auf, all die ganzen Fehl- und Falschdarstellungen zu kontern – denn wenn man das tut, springen diese blau-braunen Argumentationsakrobaten einfach geschwind zur nächsten Falschdarstellung, und man hechelt der Lügenmaschine hinterher. Nein, ich will nur meinen körperlichen Abscheu vor solcher Meinungsmache zum Ausdruck bringen. Immerhin, ein gesunder Reflex für jemanden, dessen Republik in ihrem Grundgesetz niedergeschrieben hat, dass sie Antifa ist.

  3. Als praktizierender Muslim kann ich die Pride-Parade nicht gutheißen. Der Koran ist in dieser Frage eindeutig: Gleichgeschlechtliche Beziehungen widersprechen der natürlichen Ordnung, wie sie von Allah geschaffen wurde. In mehreren Suren – unter anderem in der Geschichte des Volkes Lots – wird klar, dass solches Verhalten im Islam als moralisch verwerflich gilt.

    Ich sehe mit Sorge, wie in unserer Gesellschaft immer häufiger Werte propagiert werden, die dem islamischen (und übrigens auch dem traditionellen christlichen) Menschenbild widersprechen. Die öffentliche Zurschaustellung und Feier solcher Lebensweisen verletzt nicht nur meine religiösen Überzeugungen, sondern untergräbt auch das traditionelle Verständnis von Familie und Moral, das unsere Gesellschaft über Jahrhunderte getragen hat.

    Es geht nicht darum, Menschen zu hassen – der Islam verbietet Hass. Aber es ist mein gutes Recht, aus meiner religiösen Überzeugung heraus zu sagen: Diese Entwicklung ist falsch. Und ich werde nicht schweigen, wenn sie uns als allein „fortschrittlich“ verkauft wird. Auch konservative, religiöse Stimmen haben ein Recht, gehört zu werden – gerade in einer pluralistischen Gesellschaft.

  4. Och AD, zu jeder Wahl schmücken Wahlplakate der gesichert rechtsextremen Partei AFD die Dörfer. Gut, dass es lautstark deutlich gemacht wird, dass Nazis keinen Platz in der Gesellschaft haben. Was an FuckNzis linksextrem sein soll, erschließt sich mir nicht. Übrigens stören sich nur Faschisten an Antifaschisten.

  5. Vielleicht solltest Du den Koran im Gesamten kennen. In der Paradisebeschreibung warten nicht nur Jungfrauen auf die männlichen Wiederauferstanden sondern auch Jünglinge gleich „verborgene Perlen“ Sure 56 Verse 15-20

  6. Was für eine arme Seele!

    Nie wieder sollte sich die Gesellschaft der Herrschaft einer Religion beugen!
    Wenn Sie sich daran stören, gehen Sie nicht hin! Auch zwingt Sie weder jemand zu einer gleichgeschlechtlichen Beziehung oder zu einem Leben mit einem anderen als Ihrem Geburtsgeschlecht!

    Sie dürfen sich gerne äußern, Ihre eigene Meinung haben, aber niemals dürfen Sie sich anmaßen, anderen vorzuschreiben, wie Sie zu leben haben!
    Aus gutem Grund hat der Islam hier kein Mitbestimmungsrecht und ich hoffe, das bleibt so!

  7. Leute, da dieser Faden reichlich Eskalationspotenzial birgt, machen wir hier jetzt mal zu.

Die Kommentare sind geschlossen.