Ein erster Besuch im Inneren des mächtigen Unterseeboots Nummer 17
von Stephan Gilliar
Beeindruckende Dimensionen
Es ist nicht das erste Mal, dass ich dem mächtigen U-Boot 17 begegne, jenem mit der Kennung S196, über das in den letzten Monaten so oft und so viel berichtet wurde. Ich war dabei, als es zentimetergenau an Hausfassaden vorbei, über Feldwege, Anlegestellen und Landstraßen manövriert wurde, habe gesehen, wie es auf die mächtigen Stahlträger gehievt wurde, die zu seinem letzten Ruheplatz werden sollten.



Doch heute, da ich mich dem riesigen Schiff das erste Mal auf Augenhöhe nähere, begreife ich erst, wie groß dieses Boot wirklich ist – wie unfassbar eindrucksvoll die Meisterleistung des Transports von der See bis hierhin nach Sinsheim war. Je näher ich U 17 über die Metalllaufstege auf dem Dach von Halle 2 komme, desto mehr packt mich die Ehrfurcht. Stahlhai – das trifft es nicht ganz. Aus der Nähe betrachtet wirkt das ausgemusterte Unterseeboot eher wie ein riesiger Blauwal.
Ein Schiff erzählt seine Geschichte
Jahrelang war die See sein Zuhause. Nun hat U 17 hier am Technik Museum Sinsheim seinen letzten Hafen gefunden, gibt altersmilde bereitwillig seine Geheimnisse preis – an all jene, die sich für dieses eindrucksvolle Stück Technikgeschichte interessieren. Die erfahren wollen, wie viele Systeme hier miteinander harmonieren mussten, damit es seine lautlose Fahrt durch die Tiefen der Meere antreten konnte.
Einstieg in eine andere Welt
Ich betrete U 17 durch eine künstlich geschaffene Öffnung in der Nähe des Bugs. Von hier aus kann man das Boot auf ganzer Länge erleben, bis es schließlich über eine weitere Öffnung am Heck wieder hinaus ins Freie geht. Stilecht entert man das Schiff von oben über eine schmale Leiter, steigt Stück für Stück hinab ins Halbdunkel. Meine erste Amtshandlung an Bord: Ich haue mir krachend den Schädel an.

„Ist mir am Anfang auch dauernd passiert“, lacht Bastian Moser, der mir zusammen mit seinem Kollegen Matthias Krieg aus der Haustechnik des Museums stolz das Innere von U 17 vorführt. Tatsächlich bin ich an diesem Tag der erste Journalist, der an Bord darf, bin dafür natürlich extra früh von zu Hause losgefahren, da ich es kaum erwarten konnte. Die Presse darf an diesem Tag zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung an Bord – eine Ehre, die ich mir nicht entgehen lasse.
Enge Räume, große Wirkung
Ich sehe mich an Bord um, und der erste Eindruck ist irgendwie widersprüchlich: Das Boot wirkt eng und gleichzeitig riesig… ich kann es nicht anders beschreiben. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier etwa 30 Mann Besatzung wochenlang unter Wasser unterwegs war – ohne Landgang, ohne Frischluft, ohne Sonnenlicht.










Die engen Kojen, die schmale Nische, in der gleichzeitig der Toilettengang, die Körperhygiene und das Duschen erledigt wurden, die Kombüse, in der der Smutje sich kaum umdrehen konnte – alles ist viel enger, als ich es mir vorgestellt hätte. Selbst die Offiziermesse und die Kabine des Kapitäns sind kaum mehr als ein winziger Verschlag, bieten nicht mehr Platz als mein Kleiderschrank. Wer an Bord eines U-Boots seinen Dienst verrichtet hat, durfte in jedem Fall keinerlei Probleme mit Klaustrophobie haben – das steht felsenfest.
Technik trifft Herzblut
Stolz zeigen mir Bastian und Matthias, was sie in den letzten Wochen und Monaten aus dem alten stählernen Mädchen herausgeholt haben, damit die Besucherinnen und Besucher das Schiff intensiv erleben können. Man kann sich nur allzu gut vorstellen, wie ratlos die beiden gewesen sein müssen, als sie das erste Mal an Bord gingen. Das Eschersche Labyrinth, die vermeintlich chaotisch laufenden Leitungsstränge an der Wand – sie überfordern mich schon beim Hinsehen.








Überall laufen Rohre, teilweise wild und kreuz und quer durch das ganze Schiff. Manche davon haben Hydraulikflüssigkeit transportiert, andere Wasser, wiederum andere Gase – wie beispielsweise den Sauerstoff, der in riesigen Lagertanks dafür sorgte, dass die Besatzung auch zwei Wochen unter Wasser nicht ersticken musste. Daneben oberarmdicke Bündel aus Elektrokabeln, die in den vielen verschiedenen Nischen, Gerätschaften und Verteilerkästen verschwinden, danach wieder auftauchen, erneut verschwinden.
Doch Bastian und Matthias haben sich durchgearbeitet, haben die Funktionen des riesigen Schiffes Stück für Stück entschlüsselt, wissen nun, wo alle Kabel und Rohre münden, wofür alles gut ist, wofür jeder Schalter und jeder Hebel, jedes Steuerungsrad und jeder Knopf steht.
Unterstützung von den Veteranen
Dabei hatten sie auch prominente Unterstützung: Mitglieder der früheren Crew haben die Techniker des Museums angeleitet, ihnen die Funktionen jenes Bootes nähergebracht, mit dem sie früher selbst unter den sieben Weltmeeren unterwegs waren.
So entstand seit den ersten Arbeiten im Februar vor den Augen der beiden ein konkretes Bild, eine Art Blaupause von U 17, die sie mittlerweile völlig verinnerlicht haben. Ob er sich zutrauen würde, dieses Boot zu steuern, würde es noch im Wasser liegen, möchte ich von Bastian wissen? „Ja, ich denke schon – ein bisschen“, sagt er mit seinem weichen Kurpfälzer Dialekt – und man merkt: Davon ist er überzeugt.
Ein Alarm aus der Tiefe
Wir durchschreiten die Mannschaftskabinen, passieren die Messe, das Quartier des Kapitäns, die Sanitäreinrichtungen – und stehen dann mittschiffs auf der Brücke. Matthias grinst und spoilert: „Jetzt haben wir noch was ganz Besonderes für dich.“ Er hält eine kleine Chipkarte an einen RFID-Leser – und plötzlich erwacht das Boot zum Leben. Fiktive Durchsagen warnen vor der drohenden Detonation von Wasserbomben, das reguläre Licht erlischt, stattdessen tauchen Alarmleuchten das Boot in ein tiefes, durchdringendes Rot. Matthias und Bastian halten sich dramatisch am Handlauf fest – ich tue es ihnen gleich. Ein bisschen verunsichert bin ich nun schon. Doch natürlich ist das alles nur Show – wenngleich eine verdammt gute.
















Das Boot beginnt zu vibrieren und zu rumpeln – dafür sorgen spezielle Subwoofer und ein extrem gut ausgeklügeltes Soundsystem, das die beiden Tontechniker Jan und Xenia im wochenlangen Einsatz speziell auf U 17 zugeschnitten und eingestellt haben. Als Spezialisten des auf immersiven Ton ausgerichteten Unternehmens Laboratonium aus Offenburg haben sie hier jede Menge spezielle Technik verbaut – unter anderem ein Gerät, das auf den schönen Namen Buttkicker (also „Arschtreter“) hört. Eine gut gewählte Bezeichnung, denn das tiefe, dröhnende Brummen, das der Spezialeffekt erzeugt, lässt wirklich echte U-Boot-Atmosphäre aufkommen.
Keine Show, sondern Geschichte
Fehlt eigentlich nur noch der Soundtrack von Wolfgang Petersens „Das Boot“. Wobei – das wäre too much. Denn eine Begehung von U 17 ist keine Freizeitpark-Attraktion. Es ist eine Entdeckungsreise durch die deutsche Militärgeschichte – und nicht zuletzt durch eine einzige konzertierte, technische Meisterleistung.








Das Museum hat sich dieser Leistung mit Respekt und äußerst behutsam genähert. Alle empfindlichen Teile wurden hinter Plexiglas gesichert – insbesondere die äußerst empfindliche analoge Technik, bis hin zu den massiven grünen Röhrenmonitoren. Dennoch gibt es durchaus die Chance, mit U 17 etwas intim zu werden: Manche Riegel und Räder lassen sich durchaus berühren, sogar drehen – und somit interaktiv erleben. In allererster Linie aber werden Sie staunen, mit offenem Mund durch die engen Gänge pilgern, den Kopf eingezogen – auch wenn die Crew des Museums schon ein paar der sperrigsten Teile entfernt hat, damit man zumindest halbwegs aufrecht gehen kann.
Mit Respekt auf Tauchgang
Wenn ich Ihnen diesen Rat geben darf: Nähern Sie sich dem alten Stahlhai interessiert, aber respektvoll. Wer genau hinsieht, sich all den vielen Details öffnet, wird in seinem inneren Reich belohnt.








Es beginnt bereits im Torpedoraum mit dem umgebauten Sichtfenster nach draußen, mit dem Periskop im Schnorchel, durch das man die Unterseite der Concorde sehen kann, reicht bis zu den eindrücklichen Einblicken in den Alltag der Crew – und mündet im mächtigen Maschinenraum mit den gigantischen Aggregaten, die den nötigen Strom für die Reise unter Wasser erzeugt haben.
Abtauchen erlaubt
Ab Samstag wird U 17 seine Luken dauerhaft für Besucher öffnen. Maximal 30 Leute dürfen derzeit gleichzeitig an Bord sein – das entspricht ungefähr der Größe der damaligen Schiffsbesatzung. Ob das zu eng wird? „Schauen wir mal“, sagt Bastian. „Da sammeln wir jetzt erst mal Erfahrungswerte.“
Da lob ich mir ein russisches Atom U-Boot…die Severstal hat sogar ein Schwimmbad an Bord…🏊
Das hat den Seeleuten der „Kursk“ beim endgültigen absaufen ins Jenseits auch nichts mehr genutzt.
Stimmt!
Aber diese Enge in einem deutschen Boot😱
In Laboe geht’s auch eng zu in dem Tauchboot…für mich wär das nix 😮
Laboe…Marinedenkmal…von 40000 blieben 30000 unten…
Alan Turing war „schuld“.
Er hat den Code geknackt.
Danke für den tollen und ausführlichen Bericht!
Die Leistung aller Mitwirkenden an diesem Projekt ist und war unglaublich.
Ich war, als das U-Boot noch aktiv gefahren ist, oft unten und habe immer Respekt vor den Menschen gehabt, die dort gefahren sind.