Hofdame 2.0

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Ein freiwilliges soziales Jahr im Schloss? Geht neuerdings! Lena aus Helmsheim ist die erste im Bunde und setzt das alte barocke Mädchen an einem Ort in Szene, den es zu seiner Erbauung noch lange nicht gab: im World Wide Web.

Schauen Sie sich dieses Foto an: ein junges Mädchen vor alten Mauern. Die beiden bilden einen so intensiven Kontrast, dass er geradezu ins Auge springt. Da wäre das alte Bruchsaler Schloss, gute 300 Jahre alt, gebaut zu einer Zeit, die als analog zu bezeichnen schon fast eine Untertreibung wäre. Fun Fact: Die modernsten Erfindungen in den damaligen ersten Jahren des 18. Jahrhunderts waren die Dampfmaschine und das Quecksilberthermometer.

Und dann wäre da Lena Kraski, Baujahr 2007, die jegliche technische Entwicklung unserer Moderne quasi schon mit der Muttermilch aufgesogen hat. Internet, Smartphones, Streaming, Social Media – all das ist für sie selbstverständlich; sie hantiert und jongliert mit diesen modernen Werkzeugen auf völlig intuitive Weise, ein weit verbreitetes Attribut bei der Generation Z.

Als ausgebildete Grafikdesignerin kümmert sich Lena seit Anfang September darum, das alte Bruchsaler Barockschloss im Netz von seiner Schokoladenseite zu zeigen. Dafür erstellt sie Fotos und Bilder, bastelt daraus Videoclips, kleine Spots und Reels und postet das Ganze in den sozialen Netzwerken.

Das Ganze macht Lena nicht im Zuge einer regulären Anstellung, sondern als mehrmonatiger „Reinschnupperer“ im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres. Falls Sie nun skeptisch eine Augenbraue nach oben ziehen und sich die Frage stellen, was das Ganze denn „sozial“ macht, sind Sie damit nicht allein. Bei einem FSJ denkt man natürlich zuerst an Krankenhäuser, Kindergärten, Pflegeheime, an all die Einrichtungen des sozialen Sektors.

Zwischenzeitlich gibt es aber eine neue Variation des FSJ, ein sogenanntes FSJ Kultur. Eine Abkürzung, bei der man zuerst an die Altersfreigabe auf DVDs und Computerspielen denken muss. Eigentlich steht es aber viel mehr für „Freiwilliges Soziales Jahr – Kultur und Bildung“. Das in dieser Wortkette immer noch enthaltene Wort „sozial“ ist vielleicht ein bisschen verwirrend, dazu muss man aber wissen: Das FSJ bildet quasi den übergeordneten rechtlichen Rahmen in Deutschland. „Freiwilliges kulturelles Jahr“ würde vermutlich etwas besser klingen, aber legen wir uns lieber nicht mit der deutschen Bürokratie an.

Lena jedenfalls hat das erste Mal von ihrer Mutter von dieser Form des FSJ erfahren, eine Info, die spontan Anklang fand, denn mitten in der Sinnsuche und der großen Frage „Was will ich aus mir und meinem Leben machen?“ schlug diese Möglichkeit sofort grelle Funken. Ein kurzes Vorstellungsgespräch später wurde aus Lena quasi eine Hofdame Zweipunktnull.

„Ich habe ja hier mega Möglichkeiten. Ich habe einen Schlüssel bekommen. Ich habe ein Diensthandy bekommen, um die Bilder für Social Media und das alles zu machen“, sprudelt es aus ihr heraus, „und ich habe hier einen eigenen Arbeitsplatz.“

Dieser Arbeitsplatz ist ein Schreibtisch im ehemaligen Hofzahlamt, wo auch der Rest der kleinen, überschaubaren Schlossverwaltung untergebracht ist. Im schätzungsweise acht Meter hohen, einstigen Dienstzimmer des Zahlmeisters wirkt Lena sehr klein – über ihrem rotblonden Schopf gibt es noch reichlich Luft nach oben –, doch der quirligen 19-Jährigen gefällt es in den Mauern des alten Schlosses ausnehmend gut.

„Ich habe es immer gezeichnet und dann fand ich die Architektur total cool“, erzählt sie. „Weil heutzutage ist ja alles gerade und weiß und schwarz… Damals war zwar auch alles gerade und symmetrisch, aber eben noch mit dem gewissen Etwas versehen. Dazu kommt die Geschichte dahinter, dass unzählige Leute das Gebäude im Laufe der Zeit umgestaltet haben und es heute ein kompletter Mischmasch aus all dem ist. Das ist total cool.“

Ihre Kreativität lebt Lena nun im digitalen Design aus und kümmert sich um die Außendarstellung von Schloss Bruchsal im Netz. Gar nicht so lapidar: Die Vorgaben der Staatlichen Schlösser und Gärten sind streng betrachtet recht eng gesteckt. Sogar das 221 Seiten starke diesbezügliche Handbuch hat Lena komplett gelesen, sieht aber noch genügend Spielraum, um eigene Ideen umzusetzen.

„Das Gestalterische mache ich schon immer irgendwie. Immer irgendwie was gebastelt, immer irgendwas gestaltet.“

Das FSJ in Bruchsal ist für Lena aber auch eine gute Gelegenheit, sich zu orientieren und keine maßgebliche Entscheidung für ihren weiteren Lebenslauf zu treffen, ohne diese wirklich zu fühlen. Die Monate im Schloss geben ihr Luft, um noch einmal andere Perspektiven und andere Möglichkeiten kennenzulernen. Das ist keineswegs eine Schwäche, sondern ein völlig legitimer Weg, ein FSJ zu nutzen: ein Puffer zwischen der Schulzeit und dem, was man wohl gemeinhin den Ernst des Lebens nennt.

Eigentlich wollte Lena sofort in die große weite Welt hinaus, plante als Au-pair in die USA zu gehen, doch mit dieser barocken Station in ihrer noch kurzen Biografie ist sie absolut zufrieden. Sie gibt ihr die Möglichkeit, sich ganz sanft von zu Hause abzunabeln, erste selbstständige Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig auf die Vertrautheit des Elternhauses in Helmsheim zurückgreifen zu können.

„Es ist dann doch ganz gut, dass ich jetzt die Pause habe, dass ich jetzt eben noch die Sicherheit habe. Ich weiß zu Hause, wie alles läuft, wie alles klappt. Ich weiß genau, Mama kocht, ich kriege was zu essen“, sagt sie und lacht.

Die Zeit auf Schloss Bruchsal ist für Lena mindestens genauso bereichernd, wie sie selbst es für das Team der Schlossverwaltung ist. Leiterin Jane Krämer freut sich tierisch über den Neuzugang in ihrer kleinen Truppe und vor allem über die wertvollen Impulse, die Lena mit ihren Fachkenntnissen einbringen kann.

„Weil Lena diese Vorbildung hat, freue ich mich sehr, dass wir sie im Bereich Social Media, bei der Gestaltung von Projekten und in Vermittlungsangeboten einbinden können.“

Da sei aber kein starres Konzept, vielmehr möchte Jane Krämer genau schauen: Was passt zu den Interessen der jeweiligen Person, und wo kann sie ihre Stärken ausleben?

„Mein Ziel ist es, dass wir dadurch präsenter werden und vor allem junge Menschen für das Schloss und die Geschichte begeistern.“

Und Lena? Die fühlt sich pudelwohl auf Schloss Bruchsal und mit ihrem Spezial-FSJ:

„Mega toll. Also auf jeden Fall empfehlenswert für die Nächsten, die vielleicht kommen.“

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