Herz nimm Abschied

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Nach über 30 Jahren als Arzt für alle Herzensangelegenheiten, nimmt Dr. Matthias Redecker in Bruchsal nun Abschied

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Ausschnitt aus „Stufen“ von Hermann Hesse

Das sind Zeilen aus Hermann Hesses berühmten Gedicht “Stufen”, das in diesem Fall gleich zweifach passt. Einmal weil es um Matthias Redeckers Abschied aus Bruchsal geht, zum anderen, weil sich für ihn alles um den lyrischen und physischen Mittelpunkt des Menschen gedreht hat: Das Herz.

31 Jahre, Zehntausende Patienten – und ein mulmiges Gefühl

Es gibt Abschiede, die fühlen sich an wie ein letzter Atemzug vor dem Sprung ins Ungewisse. So ein Abschied steht Matthias Redecker heute bevor. Nach 31 Jahren als Kardiologe in Bruchsal, nach 64.000 Patienten, unzähligen Geschichten, Tränen, Lachen und Momenten, die das Leben schreiben, schließt er heute zum letzten Mal die Tür seiner Praxis hinter sich. Nicht, weil er müde wäre. Nicht, weil er aufgibt. Sondern weil er weiß: Manchmal muss man loslassen, um Neues zu umarmen.  

Die Lichter schaltet er nicht aus, denn in der Praxis wird das Leben weitergehen. Ein jüngerer Kollege wird ihm nachfolgen, den Platz in einer ganzen Schar aus Ärzten ausfüllen.  Vor über 30 Jahren hat Matthias Redecker die kardiologische Praxis in Bruchsal ins Leben gerufen, doch nun ist es für ihn soweit, die nächste Stufe zu erklimmen, die nächsten Abschnitt seines Lebens in Angriff zu nehmen. Eigentlich wäre die Zeit für seinen Ruhestand längst gekommen, doch nach einem Leben voller Arbeit, einfach so  den Maschinentelegraf von voller Fahrt auf Stillstand zu schalten, das kann er sich dann doch nicht vorstellen. 

Hier ist Matthias Redecker auch gnadenlos ehrlich, gibt sich keinen Illusionen hin. Vor einem ganzen Tag mit unendlich viel Zeit, langen Stunden und unendlich vielen Möglichkeiten, hat er Respekt, ist niemand, der voller Zuversicht an Freunde, Vereine und Hobbys glaubt Langeweile und Resignation gegenüber unempfänglich zu sein.

„Es ist ein komisches Gefühl“, gibt er zu. „Man verabschiedet sich nicht nur von einem Job, sondern von Menschen, die man über Jahrzehnte begleitet hat.“ Da ist der Patient, den er seit dessen erstem Herzinfarkt mit 35 betreut – und der vor einem Jahr mit über 65 ein Kunstherz erhielt. Unvorstellbar damals, heute Realität. Da sind die chronisch Kranken, die Schwerkranken, die er nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich durch ihr Leben begleitet hat. „Das hinterlässt Spuren“, sagt Matthias leise. „Man gibt etwas ab, das einen geprägt hat.“

Doch Matthias Redecker ist kein Mann der sentimental-tränenreichen Abschiede. Er ist einer, der nach vorne schaut – auch wenn der Blick zurück manchmal wehmütig wird.

Der Arzt, der an das Beste glaubt

Wer Matthias Redecker kennt, weiß: Er ist kein klassischer Mediziner, der nur nach Leitlinien und Statistiken handelt. Er ist einer, der zuhört. Der fragt: „Was würden Sie denn gerne noch einmal machen?“ So wie bei dem 78-jährigen Bauern, der nach einem schweren Herzinfarkt kaum noch Hoffnung hatte. „Ich würde so gern noch mal Bulldog fahren“, sagte der Mann – und Matthias machte es möglich. Mit Rehasport, mit Ermutigung, mit dem festen Glauben daran, dass das Leben mehr ist als das, was die Akte sagt. „Das Wichtigste ist nicht die Gesundheit“, hat er mir vor zwei Jahren in einem Gespräch erklärt, „das Wichtigste ist Zufriedenheit.“ Ein Satz, der seine Philosophie zusammenfasst: Jeder hat sein eigenes Risiko. Der eine raucht, der andere besteigt vereiste Gebirgspässe. „So macht das Leben doch keinen Spaß“, wenn man alles vermeidet, nur um ein paar Jahre länger zu existieren – aber nicht zu leben.

Doch jetzt ist es Zeit für etwas Neues. Nicht für den Ruhestand, nicht für das „Feldbett im Bauhaus“, wie er scherzt. Statt Garteln und Heimwerken soll es weiter bei einem Alltag als Arzt bleiben: Drei Tage die Woche wird er künftig in einer Reha-Klinik am Bodensee arbeiten, Patienten begleiten, die nach einem Infarkt oder einer OP wieder Hoffnung brauchen. „Vielleicht kann ich ein bisschen von meiner Erfahrung einbringen“, sagt er bescheiden. „Und vielleicht lerne ich selbst noch etwas dazu.“

Der Bergrufer und die Angst vor dem Stillstand

Matthias Redecker ist ein Mann der Bewegung – im doppelten Sinne. Jedes Jahr bricht er mit seinen Freunden Roland und Thomas zu Extremtouren auf: Annapurna, Leh-Manali-Highway, Mont Blanc. „Wir wollen noch Lhasa-Katmandu machen“, verrät er. „Aber wir merken auch: Die Zeit drängt.“ Die Knie sind nicht mehr die von früher, die Erholung dauert länger. Doch die Leidenschaft für die Berge, für das Unmögliche, die bleibt. „Man muss mit den Karten spielen, die man hat“, sagt er. „Aber man darf nicht aufhören, zu träumen.“

Eine Sache möchte er aber unbedingt noch loswerden, unbedingt in diesen Zeilen untergebracht wissen:  Ein Dankeschön.  Ein Dankeschön an seine Patientinnen und Patienten, die ihn über all die Jahre begleitet und ihm vertraut haben. Aber auch ein Dankeschön an seine Kolleginnen und Kollegen, das große Team der Kardiologie-Praxis im Friedrichspalais  für den wertschätzenden und freundschaftlichen Austausch in dieser langen Zeit.  Ihnen allen wünscht er nur das Beste, viel Gesundheit, aber darüber hinaus noch viel mehr Zufriedenheit.

2 Kommentare zu „Herz nimm Abschied“

  1. Ich erinnere mich noch an den Urologen Klaus Dieter Redecker, Chefarzt am Krankenhaus Bruchsal. Er war Urologe und ich sein Patient. wegen einer sehr schmerzhaften Nierenbeckenentzündung verbrachte ich in der entsprechenden Abteilung im Krankenhaus Bruchsal.. Ich erinnere mich noch genau, daß im Wartezimmer ein Schild hing mit dem Hinweis: der Aufruf erfolgt nach ärztlichen Gesichtspunkten. Ganz gleich wie lange man schon gewartet hatte.

  2. Bin Krankenschwester und kenne Herrn Redecker von meiner Lehrzeit er war bei uns Dozent damals schon ein sehr feiner Mensch wünsche ihm alles Gute für seine weitere Zukunft

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