Herr Hofmann geht nach Berlin

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Verschleuderte Milch – Wie die Bauernfamilie Lämmle-Hofmann aus Flehingen um Wertschätzung und gegen den eigenen Niedergang kämpft

Die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht noch vage erinnern können. Tierische Produkte, wie z.b. Fleisch, waren früher eher die Ausnahme als die Regel auf den bundesdeutschen Tischen. Eine Fleischmahlzeit wie der Sonntagsbraten war der Höhepunkt der Woche, tagelang freute man sich darauf und schätzte das gute Stück auf der sonntäglichen Tafel. Diese Wertschätzung ist mit dem Aufstieg der Wohlstandsgesellschaft Stück für Stück weggebrochen, die Preise für tierische Produkte sanken immer weiter und mit ihnen auch der Ihnen beigemessene Wert in der Bevölkerung. Heute gibt es in vielen Haushalten nicht nur einmal in der Woche, sondern an jedem Tag Fleisch und Wurst. Milch, Eier, Fleisch… alles ist für einen viel zu schmalen Euro im Supermarkt erhältlich. Zwar geben viele Verbraucher an für mehr Tierwohl höhere Preise bezahlen zu wollen, eingedenk der Rekordgewinne der Discounter, scheint es sich hierbei aber oftmals noch um Lippenbekenntnisse zu handeln. Am Ende siegt zu oft der geile Geiz.

Doch wer verdient eigentlich noch richtig dicke am billigen Fleisch und an der billigen Milch? Kleiner Spoiler: Die Erzeuger sind es nicht, zumindest nicht jene, die noch abseits von Massenproduktion Weise ihre kleinen Höfe bewirtschaften. Zum Beispiel die Familie Lämmle-Hofmann mit ihrem Milchhof nahe dem Oberderdinger Ortsteil Flehingen. Weniger als zehn dieser Milchhöfe gibt es noch im gesamten Landkreis Karlsruhe, der harte Preiskampf hat hier bereits Wirkung gezeigt. Rudolf Hofmann erinnert sich nur zu gut an die Worte seines Schwiegervaters Rudolf Lämmle, der vor vielen Jahrzehnten mit seinem Hof aus Öhringen ausgesiedelt wurde und sich dann im Kraichgau niederließ. 1989 sagte er zu seinem Schwiegersohn: “86 Pfennige bekommen wir für den Liter Milch, tiefer kann es jetzt nicht mehr gehen”. Heute weiß es Rudolf besser, denn 86 Pfennige entsprechen etwa 44 Cent. Für den Liter Milch erhält der erfahrene Milchbauer aktuell 32 Cent. Der Preis ist also noch einmal deutlich gesunken, gestiegen sind aber alle anderen Kosten. Der Treibstoff für die Traktoren, das Futter, die Strompreise, Personalkosten, Pachten und zuletzt die immer weiter ausufernden Vorgaben aus Stuttgart, Berlin und Brüssel. Seine Frau Doris bringt die Misere auf den Punkt: „Wenn es so weitergeht, können wir bald unsere Rechnungen nicht mehr bezahlen.“

Arbeiten von früh bis spät, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang und darüber hinaus… Rudolf, Doris und ihr Sohn Steffen lieben ihren Hof und ihre Arbeit, das diese aber kaum noch Ertrag abwirft und das finanzielle Auskommen des Betriebes ein Tanz auf der Rasierklinge sein muss, das frustriert die Bauernfamilie Tag für Tag. Aus diesem Grund ist Steffen vergangene Woche – wie so viele Landwirte aus ganz Deutschland auch – Richtung Berlin aufgebrochen um gegen diese Missstände zu protestieren. Seine Botschaft für die Poliik: Die Dumping-Schlacht um Fleisch und Milch muss endlich enden, diesen Produkten muss endlich wieder ein echter, fester Gegenwert zugeordnet werden. 32 Cent pro Liter Milch sind ganz einfach zu wenig. Um kostendeckend arbeiten zu können, bräuchten laut EU-Kommission die kleinen Erzeuger mindestens 46 Cent für den Liter Frischmilch. Obwohl die großen Handelsketten mit ihrer schieren Marktmacht diese Preise durchsetzen könnten, bleiben die Zugeständnisse an die Bauern aber überschaubar. Zwar gab es bei den großen Discountern in den letzten Jahren leichte Preiserhöhungen bei der Milch, dafür sind kürzlich die Butterpreise reduziert worden, auch das trifft die Milchbauern hart.

Im Bewusstsein der Menschen angekommen ist der Kampf der kleinen Erzeuger aber offenbar nicht. Dass derzeit hunderte Bauern aus ganz Deutschland in Berlin protestieren, findet sich meist nur als Randnotiz in den Medien, das allgegenwärtige Thema Corona lässt offenbar keinen Raum hierfür zu. Auch dass die Landwirte wegen der geschlossenen Hotels in ihren Traktoren und Viehanhängern schlafen und ihre Arbeitskraft derzeit auf den eigenen Höfen fehlt, macht es umso trauriger, dass sich ihr Protest anschickt im Nichts zu verhallen. Dennoch halten die Landwirte in Berlin seit Wochen die Stellung um sich und ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Sie fordern mitunter die Einsetzung einer unabhängigen Kommission, die einen Preis für die in Deutschland produzierten Lebensmittel festsetzt und durchsetzt. Sie fordern, dass auch nach Deutschland importierte Lebensmittel nach den gleichen hohen Standards wie hierzulande produziert werden müssen. Sie fordern, dass der Löwenanteil der an deutsche Verbraucher verkauften Fleischprodukte, Milch und Getreide auch aus deutscher Herstellung stammt.

Es geht ihnen aber auch um die Auswirkungen des im Herbst 2019 von der Bundesregierung beschlossenen Agrarpaketes, das mehr Nachhaltigkeit und Naturschutz in der Landwirtschaft verankern will. Düngeverordnung, Blühstreifen, Pestizibeschränkungen und Co. sind nach Einschätzung vieler Landwirte zu viel des Guten auf einen Schlag, daher tauchten fortan auch die grünen Kreuze überall auf den Feldern auf. Denn so lobenswert diese Ansätze auch sein mögen, die erhöhten Standards kosten die Landwirte deutlich mehr Geld ….Geld, das sie in vielen Fällen einfach nicht haben. Durch den aggressiven Preiskampf, das “Mithalten müssen” am Weltmarkt und die immer weiter ausufernden Regulierungen, bleibt am Ende kaum noch etwas in den Kassen der Bauern übrig. Unter die Räder kommen dabei die kleinen Erzeuger, denn die EU-Subventionen fördern in erster Linie Großbetriebe. Ein Löwenanteil der jährlichen 60 Milliarden Euro an EU-Agrarsubventionen gehen an diese landwirtschaftlichen XXL-Betriebe. Die Auflagen sollen aber freilich nicht nur für diese Jumbos, sondern auch für die kleinen Betriebe gelten. Bei deren Gewinnmargen, befürchten viele Kleinbauern den unvermeidlichen Genickschuss.

Was Bauern wie Steffen und Rudolf Hofmann neben der fehlenden Wertschätzung der Politik und der großen Lebensmittelkonzerne aber auch enttäuscht, ist die fehlende Rückendeckung aus der Bevölkerung. Das Bauern-Bashing ist seit einigen Jahren groß in Mode, alle Betriebe werden über einen Kamm geschert, ihnen wird die Misshandlung von Tier- und Umwelt vorgeworfen. Gleichzeitig gibt aber kaum eine europäische Nation weniger Geld für Lebensmittel aus als die Deutschen. Laut EU-Statistik gerade einmal 4,7 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, sogar die deutlich weniger wohlhabenden Rumänen investieren mehr als das Dreifache.

Wie lassen sich aber diese Kluften überwinden, wie diese scheinbar unvereinbaren Gegensätze vereinen? Mit Wertschätzung! Wertschätzung der finanziellen, aber auch der gesellschaftlichen Art. Deutlich mehr Umweltschutz und Tierschutz sind in jedem Fall anzustreben, die finanziellen Kosten dafür dürfen aber nicht allein den Bauern auferlegt werden. Wenn ein Betrieb nachhaltig, ökologisch und umweltgerecht produzieren soll, dann muss er dies auch ökonomisch und kostendeckend tun können. Dafür braucht es eine Reform der Subventionspolitik, finanzielle Unterstützung der Landwirte beim Wandel und nicht zuletzt die echte und nicht geheuchelte Bereitschaft der Menschen deutlich tiefer für Lebensmittel in die Tasche zu greifen.

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