Es ist doch nur Gemüse – Die Bruchsaler Spargel-Manie

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Was ist nur los in Bruchsal?

Eine Meinung von Thomas Gerstner 

Wir leben in einer der schönsten Regionen Baden-Württembergs – in einer Stadt die so vieles zu bieten hat:  Mehrere Theater, Musik- und Kunstvereine sorgen für ein reichhaltiges Kulturleben. Tausende von Menschen in Dutzenden von Vereinen bewegen Tag für Tag Kleines und auch Großes. Architektonische Leckerbissen wie das Schloss, das Belvedere oder der in ein Gemeindezentrum eingebundene, mittelalterliche Bergfried versetzen unsere Gäste in Staunen und im Herzen der Stadt entsteht gerade aus dem Nichts ein völlig neues Stadtviertel.

Doch welches Symbol pinnt sich die Stadt auf ihr Aushängeschild? Den Spargel.

Ein farbloses, längliches Gemüse, dass nur wenige Wochen im Jahr Saison hat und – laut Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer – so nahrhaft wie ein kleiner Korken ist. Doch Bruchsal adelt seinen Spargel als ob er reinstes, von den Göttern gesandtes Ambrosia wäre. Von „weißem Gold“ wird da von den Marketingmenschen der Stadt gesprochen – es gibt ein „Bruchsaler Spargelerlebnis“ und sogar eine „Bruchsaler Spargel-Gala“. Irgendwie wirkt das alles unfreiwillig komisch, doch wenn man bedenkt, dass auch die Heimattage 2015 in Bruchsal den Spargel zu einem Hauptthema erhoben, wird es irgendwie ein bisschen zu skurril. Man fühlt sich an kleine Kuhdörfer in Amerika erinnert, die mit Attraktionen wie dem weltgrößten Wollknäuel werben…. aber Bruchsal ist mehr als ein paar Zentimeter weißes Gemüse.

Ich habe nichts gegen Spargel – zwei bis dreimal pro Jahr schmeckt ein Spargelgericht durchaus lecker – aber das Image einer ganzen Stadt daran aufzuhängen will mir dagegen gar nicht munden. Braucht eine Stadt überhaupt ein einschlägiges Motto? Muss Karlsruhe wirklich die Stadt des Rechts sein, nur weil die zwei großen Gerichte dort ihren Sitz haben? Sollte Bretten sich wirklich die Melanchthonstadt nennen, obwohl wahrscheinlich dort kaum ein Mensch unter 50 noch sagen könnte, wer Philipp Melanchthon überhaupt war?

Die Suche nach Individualität

Vielleicht braucht es ja ein solches Aushängeschild, ein Merkmal das uns von anderen unterscheidet. Wir leben immerhin in einer Welt deren große Triebkraft – die allmächtige Globalisierung – Eigenheit am liebsten flächendeckend ausradieren möchte und die Gleichschaltung der Systeme zum Ziel hat. Manch einer würde vielleicht daher im Zusammenhang mit unserer Spargel-Fixierung den Begriff „iden­ti­täts­stif­tend“ gebrauchen. Doch wie könnte Spargel iden­ti­täts­stif­tend sein? Ist es nicht eher der Mix aus Allem und Jedem, der die Identität einer Stadt ausmacht? Sind es nicht die Menschen, die jeder für sich einen Teil des Puzzles stellen? Ich fände es schön, wenn wir ein simples aber starkes „Wir sind Bruchsal“ nach draußen tragen könnten. Unsere Geschichten erzählen…wer wir sind, wo wir herkommen und wo es vielleicht mal hingehen könnte. So würde doch ein echtes Heimatgefühl aufkommen… und dazu können wir ja meinetwegen auch Sauce Hollandaise reichen.

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