Endlich wieder Schule

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Nachdem sie mit ihrem “Grünstolz” die Gastroszene ordentlich aufgewirbelt haben, startet die bunte Clique um David, Paula und Henri ab heute auch im alten Schulhaus Oberderdingen durch.

Wäre die “Wiedergeburt des alten Schulhauses in Oberderdingen” ein Hollywoodfilm, so stünde auf dem dazugehörigen Filmplakat: “Von den Machern des Grünstolz” und darunter in engen und kleinen Buchstaben die Protagonisten. Auch im Falle des alten Schulhauses müssten die Buchstaben äußerst schmal ausfallen, damit auch alle Namen auf das Plakat passen. Die Zahl der Köpfe hinter dem gastronomischen Startup, das seit 2019 in der Region von sich reden macht, ist nicht von schlechten Eltern. Da wäre an vorderster Stelle David, der tätowierte Cocktail-Afficionado und Quasi-Kopf der stolzen Grünen oder auch grünen Stolzen. Neben ihm seine Frau Paula, die ausgebildete Interieur-Designerin mit dem Händchen für Schönes und Ästhetisches und ihr wenig kontaktscheuer, gemeinsamer Sohn Henri. Dazu kommen noch die umtriebige Schneckenhausherrin Heike, ihr überraschend freundlicher Bremer Lebensgefährte Michael und ein schüchterner Koch, der das Interview lieber in der Küche überdauert. Wie sie alle miteinander in Verbindung stehen, ist eine Sache für sich. Ich müsste ihnen zum besseren Verständnis ein Schaubild zeichnen, verzichte aber an dieser Stelle darauf.

Erläutern wir zunächst den Begriff Grünstolz. Dieser steht seit einigen Monaten für Brettens neueste gastronomische Errungenschaft. Dabei handelt es sich um ein Restaurant an jener Stelle, wo sich in Bretten einst das “Zack” und – korrigieren Sie mich, falls ich mich irre – das einstige “Liebesbeef” befunden hat. Nicht ganz im Zentrum, aber verdammt nah dran. Der Subclaim des “Grünstolz”, ein Name, den die oben eingeführte Clique mit Hilfe des “Lexikon der schönen Wörter” kreiert hat, lautet “Heimatküche und Barvergnügen”. Das trifft es im Grunde auch auf den Punkt, wobei der Begriff “Heimatküche” geographisch sehr flexibel ausgelegt wird. So finden sich auf der Speisekarte Bruschetta, Rindersashimi, Rote-Beete-Ravioli und Jakobsmuscheln – letztere vermutlich nicht vom Saalbach-Grund. “Barvergnügen” bereitet tatsächlich schon die Lektüre der Drink-Karte. Die kreative Mixerei ist Davids Steckenpferd, hier fühlt er sich wohl. So finden sich darauf Signature-Drinks wie die “Scharfe Nuss” oder die “Eiskalte Rosi” oder Specials wie der “Pornstar Martini Twist” – ein glamouröses Setup in einer Region, in der das Hefeweizen angebetet wird.

Mutige junge Küche mit einem ganz besonderen Dreh im Kraichgauer Hinterland, eine Mischung, die unbedingt gefällt und die bisher einfach gefehlt hat. Was möglicherweise in Hamburg nichts Besonderes wäre, verdient in diesem Fall Standing Ovations und wird vom Publikum auch mit solchem belohnt. 4,9 von 5 Sternen vergeben die Gäste bei Google, 4,5 von 5 bei TripAdvisor und die Boomer bei Facebook gar volle 5 Sterne.

Doch genug der Hintergründe, zurück zum Vordergründigen und zum Anlass dieses Artikels. Die bunte Truppe betreibt nämlich zwischenzeitlich längst nicht mehr nur das “Grünstolz” in Bretten, sondern schmeißt auch die beiden Kioske in den zwei Oberderdinger Freibädern. Zum einen im Filplebad (jap, Oberderdingen streitet immer noch leidenschaftlich über den verballhornten Uzamen) und zum anderen im Naturerlebnisbad in Flehingen. Als ob das nicht genug wäre, kommt ab dem heutigen Montag auch noch das alte Schulhaus in Downtown Oberderdingen dazu. Dieser frisch sanierte Monolith aus Sandstein und Klinker hat eine lange und bewegte Geschichte, an deren Anfang – man mag es kaum glauben – tatsächlich einmal der Schulbetrieb stand. In den letzten Jahren war hier bereits Gastronomie zu Hause, zum Schluss war aber ganz offenkundig der Wurm drin.

Doch anstatt es dem Verfall anheim zu geben, griff Thomas Nowitzki, seines Zeichens Bürgermeister, Netzwerker und Strippenzieher in Personalunion zum Telefon und rief das gastronomische Superhelden-Team um David, Paula, Heike und Michael zu Hilfe, so berichten es zumindest die Legenden. Nun ja, long story short – man verhandelte, wurde sich einig und eröffnet nun heute das alte neue Schulhaus am Heinfelser Platz. Wohlgemerkt ein Prozess, der sich innerhalb weniger Wochen vollzogen hat – chapeau hierfür. Wie David und Paula, immerhin mit den Sorgen und Nöten junger Eltern ohnehin schon gut ausgelastet, das alles stemmen, ist ein Mysterium, doch irgendwie schaffen sie es. Heike und Michael sind ja auch noch mit im Boot, drumherum eine Truppe, die mal kleiner und mal größer ist. Vorerst soll es im alten Schulhaus nur einen regelmäßigen Mittagstisch geben. Bodenständige Hausmacherküche halten die alten, nach Volksschulart linierten und in Schreibschrift verfassten Tageskarten bereit. “Rinderrouladen mit Spätzle” oder “Bratkartoffeln mit Quark” steht dort so schön geschrieben, wie ich es während meiner gesamten Schullaufbahn im Leben nicht hinbekommen hätte.

Wenn im Herbst die Badesaison in den Freibädern vorbeigeht und mehr Personal der Grünstolz-Clique zur Verfügung steht, soll das Angebot im alten Schulhaus sukzessive ausgeweitet werden. Dann stehen die Chancen gut, hier auch ein deftiges Abendessen genießen zu können. Und um diesen Artikel mit einem schrecklich platten Gag zu schließen – dann heißt es im Oberderdinger Schulhaus auch nach “Sechs – setzen”. Ich sag ja – platt.

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3 Gedanken zu „Endlich wieder Schule“

  1. Wenn die Preise so gesalzen sind wie gegen Ende bei Herbingers, kann ich mir nicht vorstellen, dass das lange gut geht. Wer kann und möchte sich heute ne Pute mit Reis und Salat für fast 20€ leisten. Jeder noch nen Cocktail, ist man ganz flott bei 60-70€. Viel Geld für „schnell“ mal essen gehen.

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