Eine glasfaserklare Sache

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Der Weg zum flächendeckenden Glasfasernetz in der Region mag steinig sein, gleichzeitig ist er aber auch alternativlos.

von Stephan Gilliar

Hätte, hätte, Kupferkette

Lassen Sie uns zu Beginn dieses Artikels eine schöne Runde „Hätte – Hätte – Fahrradkette“ spielen. Hätte Helmut Kohl sich ab 1982 nicht gegen die von Helmut Schmidt angestoßene Initiative für einen bundesweiten Glasfaserausbau entschieden und stattdessen auf kupferbasiertes Kabelfernsehen gesetzt, wären Ihnen Begrifflichkeiten wie „langsames Internet“, „Bitte warten, bis Ladevorgang beendet“ oder „Buffering“ vermutlich nur am Rande bekannt.

Auch der drehende Kreis beim Streaming oder der zur Sanduhr mutierende Mauszeiger wäre Ihnen nur in Ausnahmesituationen begegnet. Ebenso würden heute keine Arbeitstrupps durch Ihren Ort pflügen, um Gehwege für Glasfaserkabel zu öffnen – denn das alles wäre vermutlich schon vor etwa 40 Jahren erledigt worden.


Exponentieller Gummibärchenwahnsinn

Aber leider heißt das Spiel eben „Hätte – Hätte – Fahrradkette“. Es nutzt nichts, sich über verschüttete Milch oder verlegtes Kupfer zu beklagen. Dass überall in der Region die Bürgersteige aufgerissen werden, ist keine schnöde Luxus-Dienstleistung, kein bloßes „Nice to have“ – sondern absolute Notwendigkeit, um der rasant fortschreitenden Digitalisierung auch auf technischer Ebene gewachsen zu sein.

Denn eines ist todsicher: Das jährlich weltweit transferierte Datenvolumen steigt rasant – nicht etwa linear, sondern exponentiell. Falls Ihr Matheunterricht in der achten Klasse ebenso weit zurückliegt wie beim Autor: Wenn Sie jeden Tag doppelt so viele Gummibärchen essen wie am Tag zuvor, stehen Sie nach einem Monat knietief auf einem Fußballfeld voller Fruchtgummi. Exponentielles Wachstum – kannst du dir nicht ausdenken.

Zum Vergleich: 2010 wurden weltweit etwa 2 Zettabyte an Daten erzeugt – das entspricht rund 500 Milliarden DVDs. Im Jahr 2025 werden wir der 200-Zettabyte-Grenze sehr nahe kommen.


Feldweg vs. Datenautobahn

Große Datenmengen brauchen moderne Datenautobahnen – und hier stößt die gute alte Kupferleitung längst an ihre Grenzen. Stellen Sie sich einfach einen Feldweg im Vergleich zu einer sechsspurigen Autobahn vor – das trifft es ziemlich genau.

Bild erzeugt mit künstlicher Intelligenz DALL-E

Mit viel technischer Trickserei sind theoretisch bis zu 250 Mbit/s über Kupfer möglich. In der Realität? Oft sehr viel weniger. Glasfaser hingegen liefert heute schon problemlos 1.000 Mbit/s – und technisch ist sogar das Hundertfache drin. Was sagt man dazu, außer vielleicht: Ach, Helmut …


Pferdefuhrwerk oder Zukunft?

Verwechseln Sie nicht aktuellen Bedarf mit Potenzial. Natürlich reicht Ihnen als Privatperson heute meist noch Ihre alte Kupferleitung. Aber das darf in einer zukunftsorientierten Gesellschaft kein Argument sein. Schließlich würde Ihnen theoretisch auch ein Pferdefuhrwerk für Ihre täglichen Besorgungen reichen – aber Sie fahren trotzdem Auto.

Tatsächlich wird es für viele Menschen heute schon eng auf dem Kupferweg: In Gondelsheim etwa kommen im Außenbereich teilweise nur 3–4 Mbit/s an. Das reicht nicht mal für einen stabilen Full-HD-Stream. Wenn Sie sich gruseln wollen: Unser erdgebundener Redaktionsanschluss schafft aktuell 0,75 Mbit/s. Ohne unsere zusätzliche 4G-Leitung könnten wir hier nicht arbeiten.


Wenn der Landkreis selbst anpackt

Die enorme Bedeutung schneller Internetanschlüsse wurde im Landkreis Karlsruhe früh erkannt – leider nicht von denen, die zuerst hätten handeln können. Weil der Ausbau für die großen Anbieter in ländlichen Regionen wirtschaftlich wenig attraktiv war, passierte lange nichts.

Also wurde der Landkreis selbst aktiv: Mit der Gründung der BLK – Breitband Landkreis Karlsruhe GmbH wurde ein eigenes Unternehmen ins Leben gerufen, das die Infrastruktur ausbaut – nicht nur in Städten, sondern überall. Die BLK kümmert sich um das sogenannte Backbone-Netz, also das technische Rückgrat für die überregionalen Leitungen. Für die letzte Meile – also den Anschluss bis ins Haus – ist gesetzlich die Privatwirtschaft zuständig.


Was macht die Deutsche Glasfaser?

Im nördlichen Landkreis Karlsruhe übernimmt diese Aufgabe vor allem die Deutsche Glasfaser. Ein logistisch gewaltiges Projekt: In jeder Straße müssen Leitungen verlegt, Gehwege geöffnet, Kabel eingeblasen werden. Das sorgt für Baustellen, Wartezeiten – und mitunter auch für Unmut.

Doch auch wenn die Kommunikation des Unternehmens Luft nach oben hat, laufen die Arbeiten verlässlich, betont BLK-Geschäftsführer Ragnar Watteroth im Hügelhelden-Interview:

„Das, was wir mit der Deutschen Glasfaser vereinbart haben, wird zeitgemäß eingehalten.“

„Wir begleiten sie sehr eng – gemeinsam mit den Städten und Gemeinden.“

Ragnar Watteroth

Gondelsheim legt los

Eine dieser Gemeinden ist Gondelsheim. Hier fiel heute der symbolische Startschuss für den Ausbau der Außengebiete – gemeinsam mit der Netze BW, der BLK und unter Beisein von Felix Junker aus dem Innenministerium, das den Ausbau finanziell unterstützt.

Zunächst werden wichtige Einrichtungen wie Schule, Rathaus oder die Sporthalle angeschlossen. Der Ausbau der Haushalte im Ortskern soll ab 2026 beginnen. Übrigens: Der Gondelsheimer Weiler Dossental ist bereits seit einigen Jahren am Netz.


Alles zu seiner Zeit

Dass Gondelsheim erst 2026 angeschlossen wird, während in Dettenheim schon viele Haushalte online sind, liegt nicht an Planungsfehlern, sondern an klarem Pragmatismus.

„Wir haben uns committet, nicht überall gleichzeitig anzufangen, sondern gezielt auszubauen – etwa fünf Gemeinden pro Jahr.“

„Die Deutsche Glasfaser kann so besser planen, hat das Investitionsvolumen und die Baufirmen für diese Projekte gebunden.“

Ragnar Watteroth

Ein Unternehmen kann nicht gleichzeitig in 45 Gemeinden Tausende Straßen aufreißen – das geht nur Schritt für Schritt.


Nachfrage? Glasfaserklar!

Während in anderen Orten die Nachfragebündelung zäh lief, zeigte Gondelsheim mit fast 50 % Beteiligung echtes Interesse – sowohl im Ortskern als auch in den Außenlagen. Und das ist auch gut so. Denn selbst in der Landwirtschaft ist schnelles Internet längst keine Spielerei mehr, sondern betriebliche Notwendigkeit. Saatgutbestellung, GPS-Steuerung, Kommunikation mit Großabnehmern – all das läuft digital.

Dazu kommt: Wer jetzt nicht baut, verliert auch Fördergeld. 90 % Förderung sind im Außenbereich möglich, doch bei 3 Millionen Euro Kosten bleiben immer noch 300.000 Euro für die Gemeinde – kein Pappenstiel für eine Kommune, die zuletzt auch vom Hochwasser hart getroffen wurde.

„Der Glasfaserausbau ist für uns keine Frage des Luxus, sondern eine Investition in die Zukunft unserer Gemeinde – für schnelles Internet auf den Höfen genauso wie für digitale Bildung in der Schule.“

Markus Rupp, Bürgermeister von Gondelsheim


Milchkanne und EU-Kodex

Der Weg ist lang, die Entscheidungen von früher wirken noch nach – aber das Ziel ist klar: Glasfaser bis zur letzten Milchkanne, wie es Innenminister Thomas Strobl einst bildhaft formulierte.

Auch Felix Junker vom Innenministerium weiß, dass es noch dauern wird:

„In einem Bundesland wie Baden-Württemberg mit schwieriger Topografie gibt es Gebiete, die sich für private Unternehmen niemals rechnen – das müssen wir akzeptieren.“

„Zum Glück hat man in Baden-Württemberg früh erkannt, dass Kommunen und Landkreise beim Ausbau nicht alleine gelassen werden dürfen.“

„Ob Kerndorf oder Außengebiet – jeder Ortsteil, jeder Betrieb hat Anspruch auf Anschluss.“

Felix Junker, Referent im Innenministerium Baden-Württemberg

Das ist übrigens kein reines Landesziel, sondern auch EU-Recht: Artikel 84 der Richtlinie 2018/1972 garantiert allen Endnutzern einen erschwinglichen Zugang zu einem angemessenen Breitbanddienst – an einem festen Standort.

Und genau das passiert nun – mit Tempo, Verstand und einer Menge Geduld. Für Gondelsheim, für den Landkreis Karlsruhe und für unsere schöne Heimat zwischen Konstanz und Wertheim.

9 Kommentare zu „Eine glasfaserklare Sache“

  1. Die Nachfragebündelung in Bruchsal endete 10/24. Bis heute weiß ich nicht, ob jetzt gebaut wird oder nicht. Großes Interesse hatte sich in Bruchsal ja nicht abgezeichnet.
    Status: In Prüfung. Was heißt das jetzt? Vielleicht weiß ja jemand mehr…

  2. 1000 Mbit/s sind auch bei Kupfer drin.
    Und schneller geht das bei Deutsche Kabel laut Angebot auch nicht.
    Und: wer braucht das?
    Wir haben 250 Mbit/s, reicht für ALLES!

  3. Für jemanden, der hier wohnt oder eine Firma hat und beruflich auf stabiles zuverlässig schnelles Internet angewiesen ist, ist ein Umzug dann eben die unimgängliche Alternative.

  4. Stimmt, es gibt Kupfertechnologien, die hohe Bandbreiten ermöglichen – aber man sollte hier schon differenzieren. Klassische Kupferleitungen, wie sie beim DSL-Ausbau verwendet werden, schaffen im besten Fall rund 250 Mbit/s – und das auch nur auf sehr kurzen Strecken. Die oft zitierten 1000 Mbit/s sind nur mit Koaxialkabeln möglich, wie sie beim TV-Kabelnetz genutzt werden. Und selbst dort hängt die tatsächliche Leistung stark von der Netzauslastung und der Segmentierung ab. Kurzum: Kupfer kann einiges, aber Gigabit im Alltag – zuverlässig und symmetrisch – ist eine Domäne der Glasfaser.

  5. Wir hätten gerne durch die Deutsche Glasfaser einen Anschluss legen lassen, jedoch war das nur in Verbindung mit einem Vertrag möglich – was wir aufgrund von unschlagbar guten Konditionen (die man so auch nicht mehr bekommt) bei unserem Kabelanbieter mit wirklich guter Bandbreite, abgelehnt haben.
    Wir hätten den Anschluss komplett bezahlt – daran hat die Deutsche Glasfaser jedoch kein Interesse.

    So endet das Kabel an unserer Grundstücksgrenze und wenn das Netz freigegeben wird, wird uns eben einer der anderen Anbieter einen Anschluss ins Haus legen.

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