Ein Nachruf auf eine besondere Frau
von Stephan Gilliar
Ich muss nicht einmal die Augen schließen, um Lotte Brendle-Schorle vor mir zu sehen. Umgeben von all diesen vielen Sachen, den unzähligen Kleinigkeiten, den Heerscharen kleiner und großer Waren, die sich im unendlichen Labyrinth von Oma Schorles Haus der 1000 Dinge bis zur Decke über mehrere Stockwerke Richtung Unendlichkeit auftürmen. Wer das erste Mal diesen Irrgarten betritt, der bleibt erst einmal ehrfürchtig stehen, zieht unwillkürlich den Kopf ein angesichts dieser visuellen Kakophonie, in der man sich zuerst einmal hoffnungslos überfordert und gänzlich verloren fühlt.
Und dann steht da diese Frau, wie ein Fels inmitten all der Dinge, die mit ihr und ihrem kleinen großen Laden über all die Jahrzehnte gewachsen sind. Es ist ihr Kaninchentunnel ins Wunderland und sie alleine ist die Führerin. Denn Oma Schorle weiß ganz genau, welchen Pfad sie einschlagen muss, welche Treppe es zu erklimmen gilt, welchen Gang sie durchqueren muss, um dies und das, des un sell zu finden. Bei meinem ersten Besuch vor vielen Jahren fragte ich sie nach einer Dose Bootslack, ohne große Hoffnung, denn warum sollte ein Geschäft in Odenheim einen derart exotischen Artikel führen, wo doch das Hügelland an keines der sieben Weltmeere stößt? Doch Oma Schorle nickte nur knapp, verschwand ohne Zögern zielsicher in ihrem Labyrinth und brachte mich tatsächlich an ein Regal, in dem besagter Bootslack in allen Farben des Regenbogens zur Auswahl stand. Gleiches wiederholte sich für das benötigte Ersatzrad eines Schubkarrens und eine Nachfüllflasche Lampenöl. Am liebsten hätte ich ihr kniend Tribut gezollt, denn wenn das Genie das Chaos beherrscht, dann war Lotte eines der größten Genies aller Zeiten.

Einige Zeit später habe ich sie wieder aufgesucht, diesmal unter weitaus weniger erfreulichem Anlass. Im Herbst vergangenen Jahres zeichnete sich ab, dass Lotte ihren geliebten Laden schließen musste. Zu anstrengend war die Arbeit für die 94-Jährige geworden, zu schwierig all das Drumherum des längst zu den Dimensionen eines Kaufhauses angewachsenen Geschäfts in der Nibelungenstraße. So traf sie schweren Herzens die Entscheidung, zum Jahreswechsel ihren Laden ein letztes Mal zu öffnen, ein Buch zu schließen, dessen erste Zeilen 1929 geschrieben wurden. Es ist ein Buch, das eine außergewöhnliche Geschichte erzählt, eine Geschichte von einer Frau, die sich durchgesetzt hat, die sich zu einer Zeit behauptet hat, als der Rest der Welt genau das Frauen so schwer wie nur möglich gemacht hat. Denn Lotte hat ihr ganzes Leben lang gekämpft. Seite an Seite mit ihrem Vater Anton, der das Geschäft ursprünglich als Spedition gründete, mit schweren Lastwagen, auf deren wuchtigen Fahrersitzen auch die junge Lotte Platz nahm. Besonders goldglänzend waren die Jahre des Wirtschaftswunders, als Odenheim und der gesamte Umkreis sich bei Anton und Lotte mit Hausrat und allem, was dazugehört, eindeckte.
Irgendwann starb Lottes Vater, nur der erste von mehreren Tiefschlägen, die das Leben noch für sie bereithielt. Auch ihr Ehemann ging viel zu früh, gefolgt von ihrem einzigen Kind, Lottes Sohn, der einem schweren Herzanfall erlag. Lotte hat sich diesem Schmerz gestellt, hat ihn ertragen, hat mit ihm gelebt und dennoch nach vorne geschaut. Ihr Laden, das Vermächtnis der Familie, der Mittelpunkt all ihres Schaffens, wurde fortgeführt. Jahr um Jahr, weit über den Punkt hinaus, an dem die meisten Menschen das Arbeiten längst hinter sich lassen. Mit weit über 90 Jahren saß Lotte zum Schluss noch in ihrem kleinen Büro, die drei Stufen hinter dem Ladentisch hinauf, auf ihrem bequemen Sessel und unter dem Gemälde ihrer längst gegangenen Lieben. Wenn sie hier saß, war sie zufrieden, dann war sie zu Hause als ewiger Fixpunkt in ihrem kleinen riesigen Mikrokosmos.

Und Sie ahnen schon längst, warum ich das alles schreibe, warum ich es in der Vergangenheitsform formulieren muss. Sie haben es wahrscheinlich schon geahnt, als Sie letztes Jahr von der Schließung von Oma Schorles Haus der 1000 Dinge gelesen oder gehört haben, Sie haben es vielleicht nicht gewusst, aber Sie haben es tief drinnen in sich gespürt. Denn wir alle wissen genau: Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Als Lotte Brendle-Schorle an Silvester des vergangenen Jahres das letzte Mal ihren Laden geschlossen hat, hatte auch für sie der Epilog ihrer beeindruckenden Geschichte begonnen.
Sie hinterlässt zwar keine Angehörigen, aber unzählige Menschen, deren Lebenswege sie gekreuzt und bereichert hat. Ganz Odenheim wird sich ihrer erinnern, das ist gewiss. „Frau Brendle-Schorle war für uns Vereine – und für ganz Odenheim – eine prägende Persönlichkeit. Für mich persönlich war Lotte eine beeindruckende Frau: voller Herz, voller Rückgrat und immer mit einem offenen Ohr für die Menschen hier.“, so Robert Laub, ehemaliger Vorsitzender der Odenheimer Ortsvereine. Und Östringens Bürgermeister Felix Geider finde für Lotte ebenso nur warme Worte: „„Lotte Brendle-Schorle war eine außergewöhnliche Frau – und ihrer Zeit als Unternehmerin weit voraus. Sie übernahm das elterliche Geschäft und baute es mit beeindruckender Energie aus, in einem Umfeld, das damals fast ausschließlich von Männern geprägt war. Doch sie blieb nicht beim Laden in Odenheim stehen: Nebenher realisierte sie Bauprojekte in Heidelberg und Karlsruhe, ganze Häuserzüge. Die Energie, der Weitblick und der Wille zum Anpacken kamen von Lotte. Der Laden in Odenheim ist bis heute Kult. Wer ihn kannte, weiß: Es gab dort praktisch nichts, was es nicht gab. Man ging hinein, um etwas Kleines zu besorgen, und kam manchmal mit völlig Unerwartetem wieder heraus. Und das Beeindruckendste: Lotte wusste genau, wo alles stand – sie hatte dieses scheinbare Chaos vollständig im Blick.
Eine beeindruckende Persönlichkeit und eine beeindruckende Frau.“
Ja, das trifft es, eine beeindruckende Frau. Ein Zeugnis, dass ihr bestimmt jeder in Odenheim ausstellen würde. Ich weiß nicht, was sie am Ende von uns genommen hat, nur dass sie nicht lange nach der Schließung ihrer kleinen großen Wunderwelt ging. Aber ich möchte daran glauben, dass sie gehen konnte, als ihre Geschichte zu Ende erzählt war – ohne Hast, ohne offene Türen hinter sich. Vielleicht war es die Vollendung einer Aufgabe, die sie ein Leben lang getragen hat. Vielleicht war es einfach Zeit. Ich hoffe, dass sie jetzt dort ist, wo die Menschen sind, die ihr wichtig waren. Und ich wünsche mir, dass sie diesen Ort mit derselben stillen Würde erfüllt, mit der sie auf ihrem Sessel über ihren kleinen großen Kosmos gewacht hat – als jemand, der wusste, was er geschaffen hat und was bleibt.

Eine Legende die in Odenheim niemals in vergessenheit geraten wird.
Da bleibt einfach nur eins zu sagen….Danke Schorle Lotte.
Bei uns in Tiefenbach war sie die „Lotte“, die auch mich seit meiner Kindheit begleitet hat. Ich erinnere mich immer noch daran, wie sie als junge Frau in ihrer Latzhose aus dem LKW-Führerhaus stieg und mit wohl scheinbarer Leichtigkeit die schweren Zement- und Kalksäcke in unserem Hof abgeladen hat. Das hat mich schon damals sehr beeindruckt. Als wir dann vor 34 Jahren unser Häuschen renovierten, kam ich nach mehr als 20 Jahren wieder in Kontakt mit Lotte, lernte mich in ihrer „geordneten Unordnung“ schnell zurechtzufinden, wenn ich mal wieder nach etwas suchte, was man halt bei der Renovierung eines alten Hauses so braucht….und ich wurde immer fündig!
Nach all den Jahren hat sie mich immer noch gleich erkannt und mir öfter auch von meiner schon längst verstorbenen Mutter erzählt.
Ein arbeitsreiches Leben mit vielen Schicksalsschlägen ist nun zu Ende gegangen. Ruhe in Frieden Lotte ❤️
Ruhe in Frieden lb Lotte 🙏
Es gibt keine Worte was du in deinem Leben gemeistert hast danke dass wir dich kennengelernt haben.
Wenn man was gebraucht hat, egal was, dann hieß es: ich geh zum Schorle nach Odne!!
Es gab da wirklich nichts was es nicht gab. Und ich bin gerne hin gegangen, das fehlt jetzt, genau wie Frau Schorle😢…diese außergewöhnliche Frau, inmitten von ihren kleinen und großen Dingen, deren Platz sie ganz genau wusste.
Ich dachte am Anfang, als ich zum ersten Mal ins Geschäft kam: oh mein Gott, da finsch doch nix, so wie’s do aussieht… Ja, ich nicht, aber Sie ganz genau 🫶…und wenn man sich nur umschaute, ohne was zu suchen, entdeckte man so manch schönen Gegenstand.
Eine Legende ging leider zu Ende, die Erinnerung jedoch bleibt❣️
Ein Dankeschön und alles Liebe, wo immer sie ist🙏
Ich habe es geliebt Artikel noch mit DM Etiketten zufinden. Auch hatte es alles bei Oma Schorle. Ich vermisse es und denke immer beim vorbei fahren dran… Ruhe in Frieden.
Mein erster Besuch beim Baumarkt Schorle war ein Erlebnis und ich habe nie mehr einen Laden gesehen der auch nur ansatzweise so kurzweilig war. Es gab immer etwas zu erleben wenn man in den zugestellten Gängen sich anend jen vorbei drängen musste, und der sicherste Weg dabei war einfach sich in Richtung Regal zu lehnen und den anderen vorbei steigen zu lassen. Oder einen Eimer Zimtsterne den man im Februar kauft. Ein Kollege aus Heidelberg fand da das Rattan Pendant zu einem Badezimmer Schrank von 1994. All dies konnte man nur bei Oma Schorle erleben. Unvergessen die größte Auswahl Kerzenleuchter im obersten Geschoss des Treppenhauses. Selbst meinem 12 jährigen Sohn blieb der Mund offen stehen als wir obwohl wir lange nicht mehr dort wohnten den Laden besuchten. Ruhe in Frieden Oma Schorle