Ein Blitzer steht im Walde

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Statt vor Schulen oder Kindergärten platziert die Stadt Bruchsal ihre mobile Geschwindigkeitsmessanlage viele Tage lang auf einem schmalen Anliegerweg am Rande der Stadt – abgeschieden zwischen Weinbergen und Schrebergärten. Es ist ein Ort, an dem sich kaum Verkehr zeigt. Die Frage liegt nahe: Warum gerade hier?

Ein Kommentar von Stephan Gilliar

Zum Thema Blitzer haben viele Menschen ein ambivalentes Verhältnis. Leuchtet es rot im Augenwinkel auf, ist meist klar, dass es teuer wird – manchmal zweistellig, manchmal dreistellig. Und nicht selten steht auch der Führerschein auf der Kippe. Zugleich erfüllen diese Geräte eine wichtige Funktion: Sie sollen den Verkehr beruhigen, Unfälle verhindern, Leben schützen. Genau darum – um Verkehrssicherheit, nicht Einnahmen – sollte es beim Einsatz solcher Anlagen gehen. So sehen es auch die Gerichte und die Landesregierung Baden-Württemberg.

Auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Abgeordneten Hans-Peter Wetzel erklärte die Landesregierung bereits 2009: „Die Aufstellung der mobilen Geräte bei der Polizei des Landes Baden-Württemberg erfolgt nach den Kriterien der Verwaltungsvorschrift des Innenministeriums für die Verkehrssicherheitsarbeit der Polizei… Danach sind polizeiliche Geschwindigkeitsmessungen vorrangig an Unfallbrennpunkten intensiv durchzuführen.“

Diese Maßgaben gelten nach § 26 Abs. 1 StVG auch für Städte und Ordnungsämter, die bei der Verkehrsüberwachung als staatliche Verwaltungsbehörden tätig werden – und damit denselben rechtlichen Zweckbindungen wie die Polizei unterliegen.

Umso bemerkenswerter erscheint die aktuelle Standortwahl. Knapp ca. 2 Wochen stand Bruchsals semistationärer Messanhänger bis vor wenigen Tagen am Unteröwisheimer Weg – der Verlängerung des Augsteiners –, einem kaum befahrenen Sträßchen, das ohnehin nur für Anlieger freigegeben ist. Rundherum: Felder, Reben, Kleingärten, eine Handvoll Anwohner. Keine Schule, kein Kindergarten, keine Einrichtung, die besonderen Schutz erfordern würde.

Auch sicherheitsrelevant scheint die Stelle nicht zu sein. Weder sind in den letzten Jahren nennenswerte Unfälle bekannt, noch hat die Polizei Karlsruhe anderweitige Problematiken dokumentiert.  In den vergangenen zehn Jahren sei es hier nur ein einziges Mal zu einer simplen Vorfahrtsverletzung gekommen, so die Polizei Karlsruhe auf unsere Anfrage. Ein sicherheitstechnischer Brennpunkt sieht defintiv anders aus. Warum also eine Radaranlage, die in der Anschaffung mutmaßlich einen erklecklichen sechsstelligen Betrag kostet, wochenlang an einem der ruhigsten Punkte des Stadtgebiets betreiben? Zumal nicht zum ersten Mal: Bereits vor einiger Zeit stand der Blitzer an exakt derselben Stelle – kurz nachdem dort überraschend mehrere Tempo-30-Schilder aufgestellt worden waren.

Auf Anfrage teilt das Ordnungsamt mit: „Die Standorte für mobile Messungen werden in Abstimmung mit der Straßenverkehrsbehörde vorgeplant. Die mobilen Messungen finden an problematischen Stellen (Verkehrsunfallschwerpunkte), an bestimmten Örtlichkeiten (Kindergarten, Schule, Schulweg, Altersheim etc.) und auch an Örtlichkeiten statt, wo es z. B. durch Beschwerden Hinweise auf Geschwindigkeitsüberschreitungen gibt.“

Offenbar habe es also wiederholt Beschwerden über zu schnelles Fahren gegeben, weshalb der mobile Blitzeranhänger erneut dort platziert wurde. Von wem die Hinweise kamen, wie häufig und in welcher Form, bleibt indes offen.  Natürlich kann es sein, dass es solche Vorfälle tatsächlich gegeben hat, doch die gibt es überall im Stadtgebiet. Am Ende bleibt aber die Frage von Relation und Verhältnis. Gibt es wirklich in Bruchsal aktuell keine anderen, deutlich bedeutsameren Problemstellen, die einen Einsatz des Blitzes nötiger hätten?  Nur wenige Wochen nach Schulbeginn, wo viele ABC-Schützen noch ihr Zusammenspiel mit dem komplexen Straßenverkehr erlernen müssen?

Von weit hin sichtbar – der mobile Blitzer am Unteröwisheimer Weg

Der gesunde Menschenverstand sagt: In einem derart dünn befahrenen Bereich kann das Problem kaum so gravierend sein, dass es den vorrangigen Einsatz der Anlage  und das auch noch über einen extrem ausgedehnten Zeitraum rechtfertigt. Während der Blitzer also am Stadtrand auf Vögel und Windböen wartet, bleibt er anderswo ungenutzt – dort, wo Tempo wirklich Leben retten kann. 

In Bruchsal gibt es rund 20 Schulen, 38 Kindertageseinrichtungen und etwa ein Dutzend Pflege- und Senioreneinrichtungen – Orte, an denen täglich Kinder, ältere Menschen und Pflegekräfte gefährdet sind, wenn Autofahrer zu schnell unterwegs sind. Gerade hier könnte eine regelmäßige Geschwindigkeitsüberwachung sichtbar, präventiv und sinnvoll wirken.

Dass aber ausgerechnet ein stilles Nebensträßchen im Grünen zum Brennpunkt wird, sagt vielleicht mehr über Prioritäten aus als über Sicherheit.

9 Kommentare zu „Ein Blitzer steht im Walde“

  1. Halt auch geil wie mega riesig und sichtbar das Ding ist. Macht es nicht mehr Sinn sowas besser zu verstecken ? Die Leute, die sich konstant nicht an Limits halten geben danach doch eh wieder Gas, was bringt so eine punktuelle Messung ?

  2. In Mingolsheim stand oder steht noch so einer inder 7kn/h Zone beim KiGa. Am Wochenende und jetzt zu den Herbstferien 👍

  3. Nun, das lässt die Vermutung zu, daß man in Bruchsal versucht überall Geld zu machen, denn die Stadt ist ja hoch verschuldet. Ob da die Kosten-Nutzung berücksichtigt wird , wie das ein Kaufmann tut ? NEIN, sicher NICHT ! Gut, daß Sie darauf hingewiesen haben.

  4. Mich als Radfahrer stört es, wenn jeder Autofahrer glaubt, überall hin fahren zu können, egal ob da das rote Schild mit den Kfz in der Mitte ein Einfahrverbot für die Motorisierten vorsieht oder nicht. 80% Strassenquote für Autoverkehr ist halt immer noch nicht genug.
    In der Ecke bis zum Fanfarenheim fahren und dort die Karre abstellen? Nö, es muss durchgefahren werden. Am Besten auf die Anhöhe, direkt am Bänkchen parken, der schönen Aussicht wegen. Und dann noch ne Kippe quarzen und die direkt vor Ort wegwerfen…

  5. Dieser Weg wird sicher gerne genutzt um bei Stau auf der B3 Mülldeponie => Ubstadt eine Abkürzung zu nehmen. Daher würde ich sagen, wenns blitzt wird doppelt abkassiert! ;-)

  6. Als Anlieger und Jogger muss ich sagen, dass dort sehr oft rücksichtslos mit deutlich für die Gegebenheiten überhöhter Geschwindigkeit gefahren wird. Für Fußgänger, Jogger, Leute mit Kinderwagen – oft null Rücksicht und Respekt. Oft Lieferwagen von Firmen, die es eilig haben oder Leute die die B3 umgehen wollen.
    Würde alle die dort illegal fahren weg sein – bräuchte es eine solche Maßnahme nicht – ich denke das ist auch dazu da, das Bewusstsein der etwas beratungsresistenten Zeitgenossen zu schärfen.

  7. Wer hier nicht regelmäßig läuft, wird es für Blödsinn halten. Seit der Baustelle Richtung Heidelsheim wird die Hohle verstärkt als Ausweichweg genommen. Die Hohle hat zwei Kurven und ist teilweise gerade so breit wie ein größerer SUV. In der Hohle sind Spaziergänger unterwegs mit Kindern, Hunden, Fahrradfahrer, Jogger – die Autos fahren nicht 30 km/h sondern kommen mit 50-60 km/h aus der Hohle heraus. Unten am Augsteiner ist Tempo 30 und dort stehen direkt die Autos der ganzen Spaziergänger. Ich bin selbst schon 3x in Situationen gekommen, wo ich nur knapp zur Seite gehen konnte. Mein Mann kam mal mit dem Fahrrad hoch, da stand eine Frau weinend am Auto, sie hatte ein Reh totgefahren. Glück gehabt, dass es ihr nicht durch die Scheibe geflogen ist. Viele Fahrradfahrer erleben immer wieder Situationen, dass sie bedrängt oder abgedrängt werden. Wer hier nicht regelmäßig unterwegs ist, sollte erstmal hier laufen, speziell zu den Hauptverkehrszeiten, bevor er sich über den Blitzer aufregt.

  8. Liebe Corinna,

    Als direkter Anwohner, der diesen Weg mehrfach am Tag nutzt, kann ich deine Aussagen teilweise auf jeden Fall unterschreiben. Dennoch bleibt es eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Ist drei Wochen nach Schulbeginn tatsächlich genau diese Stelle geeignet um den einzigen mobilen Blitzer der Stadt für fast zwei Wochen zu binden? Zumal der Blitzer auch keine widerrechtlichen Durchfahrten erfasst, sondern nur Geschwindigkeitsübertretungen. So wie dieser aufgestellt war, von weithin sichtbar, wage ich zu bezweifeln, dass hier ein großer Effekt erzielt wurde. Als Anwohner und auch Familienvater, der hier draußen seinen Lebensmittelpunkt hat, bin ich aber bei dir, dass in Sachen rücksichtslosigkeit und Fehlverhalten der Autofahrer noch viel Luft nach oben ist.

    LG Stephan Gilliar

  9. In diesem Szenario wären aber Stichpunktkontrollen durch das Ordnungsamt vermutlich besser geeignet, als ein Blitzer. Schließlich erfasst dieser keine illegalen Durchfahrten, sondern nur Geschwindigkeitsverstöße…

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