“Ein Bauer hat kein Interesse daran, sein Land zu vergiften”

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“Landverstand” – Was wir über unser Essen wirklich wissen sollten

Der Kraichgauer Journalist und Dipl.-Agraringenieur Timo Küntzle hat es sich zur Aufgabe gemacht, das völlig verzerrte Bild vieler Menschen über die Landwirtschaft geradezurücken.

Kunstdünger ist Teufelswerk, alles Chemische sowieso… Bauern sind Bienenkiller, Tierquäler und Landvergifter… Biobauern sind die Guten, konventionelle Bauern die Bösen. Kommen ihnen ein paar dieser Parolen bekannt vor? Vermutlich schon, denn genau diese Stereotype wandern seit Jahren in zunehmendem Maße durch die sozialen Netzwerke und leider oft auch durch die Medien. Simple Botschaften und Bilder gezeichnet in grobem Schwarz-Weiß, die gnadenlos aufzeigen wie ein Großteil der Gesellschaft sich immer mehr von der eigenen Landwirtschaft entfremdet.

Mit den einfachen Botschaften verhält es sich aber hier genauso, wie in jeder anderen komplexen gesellschaftlichen Debatte – es gibt sie nicht wirklich und wenn dann verzerren und verfälschen sie die Realität bis zur Unkenntlichkeit. Oder ganz konkret: Jeder, der versucht ihnen umfassende, komplizierte Sachverhalte in einem simplen, schmissigen Satz erklären zu wollen, ist entweder ein Stümper, ein Manipulator oder schlicht ein Lügner. Gerade in unserem ländlich geprägten Hügelland ist die Entfremdung von Landwirtschaft und dem Rest der Gesellschaft besonders traurig, war doch beides noch vor einigen Jahrzehnten untrennbar miteinander verwoben. Jeder auf dem Dorf hatte irgendeinen Verwandten, der etwas Land bestellte oder ein paar Tiere hielt… das war schlicht gelebte Normalität. Irgendwann wurden die Höfe ausgesiedelt, die Landwirtschaft wurde unsichtbar für uns – aus den Augen aus dem Sinn. Selavi…

Rapsfeld im Kraichgau

Seither hat man sich ganz offenbar voneinander entfernt, die Kluft wird immer größer. Die kränkelnde Beziehung zur Landwirtschaft äußert sich oftmals im Postulieren unrealistischer und unerfüllbarer Erwartungen und Forderungen. So wünscht man sich z.b. die liebevolle und wertschätzende Aufzucht von Tieren, gleichzeitig aber bitte Fleisch zu Dumpingpreisen im Discounter. Oder wie wäre es mit glücklichen Kühen auf grünen Weiden, dafür aber den Liter Milch für 80 Cent im Kühlregal…oder Brot, Öl, Obst und Gemüse in rauen Mengen und erstklassiger Qualität, aber bitte ohne jegliche Dünger oder Pestizide. Last but not least das Ganze bitte unauffällig und unsichtbar produziert, ohne langsame und behindernde Traktoren auf unseren Straßen…

Es ist genau dieser weltfremde und nicht zu bewerkstelligende Spagat, der vielen Landwirten das Leben schwer macht und jüngere Generationen nachweislich effektiv von landwirtschaftlichen Berufen fernhält. Auch Timo Küntzle kann dieses völlig verzerrte Bild der Landwirtschaft nur schwer ertragen und stemmt sich gegen absurde Wünsche und falsche Vorstellungen. Der studierte Agrarwirt ist auf dem Bauernhof seiner Familie in der Weingartener Sallenbuschsiedlung aufgewachsen, kennt das Land – weiß wie man es bewirtschaftet. Dass dies nur nachhaltig funktioniert, liegt für ihn in der Natur der Landwirtschaft selbst begründet. “Bauern hegen und pflegen ihren Boden, schließlich ist es Ihr Ziel, ihn an die nächste Generation weiterzugeben” so der 47-Jährige, der seit vielen Jahren in Wien als Journalist arbeitet, so oft es aber geht auf dem Hof der Familie zu Hause im Kraichgau aushilft und mitarbeitet. “Ein Bauer hat kein Interesse daran, sein Land zu vergiften – ist es doch nicht weniger als seine Lebensgrundlage”. Für Timo ist der neumodische Begriff “Nachhaltigkeit” schon immer der essentielle Grundsatz und Wesenszug aller Landwirtschaft, und das nicht erst seit gestern.

Die vielen Vorurteile, die die Landwirtschaft in ein falsches Licht rücken, haben Timo Küntzle derart beschäftigt, dass er beschlossen hat, Ihnen mit fundierten Recherchen zu begegnen um Fakten von Fiktionen zu trennen . Das Ergebnis ist das nun erschienene Buch “Landverstand” und es räumt ordentlich mit den gängigen Fehleinschätzungen auf. Schauen wir uns im Folgenden ein paar davon an.

Ein Landwirt bei der Feldarbeit nahe Heidelsheim

Da wäre zum Beispiel die romantische Vorstellung: “Früher war alles besser” nach der Bauern einst liebevoll am Puls der Natur und in Harmonie mit selbiger gearbeitet haben. “Diese gute alte Zeit hat es nie gegeben” sagt Timo und führt das Ganze näher aus. Landwirtschaft war früher Knochenarbeit, eine harte, körperliche Schinderei und teilweise fast wie Sklavenarbeit, um dem Boden am Ende etwas abtrotzen zu können. Die Natur hat kein Interesse daran die Kulturpflanzen zu fördern, dickere Ähren und Körner hervorzubringen oder möglichst viele Menschen zu ernähren. Würde ein Landwirt einfach nur einen Acker pflügen und einsäen und danach nichts weiter unternehmen, würde so viel Unkraut wuchern, dass es am Ende nichts zu ernten gäbe, weiß Timo Küntzle genau. So war es schon immer das Ziel der Landwirtschaft, die Erträge zu steigern um am Ende mehr Feldfrüchte ernten zu können, Nutzpflanzen zu fördern und Unkraut fernzuhalten. Dünger und Pestizide sind dabei nicht per se schlecht, sondern eine der Grundlagen dafür, dass die Erde heute viele Milliarden Menschen ernähren kann. Im Buch führt der Autor das näher aus: Ohne die Erfindung des Haber-Bosch-Verfahrens, mit dem natürlicher Stickstoff aus der Luft in mineralischen Dünger umgewandelt wird, gäbe es heute keine Lebensgrundlage für rund die Hälfte der Bevölkerung dieses Planeten. Timo Küntzle verschweigt dabei aber auch nicht, dass sich dadurch auch Probleme ergeben, deren Lösungen noch ausstehen, beispielsweise die erhebliche Belastung des weltweiten Klimas. Nur die Nachteile synthetischen Düngers zu sehen, würde der Sache aber nicht gerecht, entspräche vielmehr unreflektiertem Schwarz-Weiß-Denken, so Timo weiter.

Aufgrund besagter Nachteile hat sich auch die irrige Einschätzung ergeben, dass biologische Landwirtschaft die Lösung für alle Probleme darstellt. Tatsächlich steht die biologische Landwirtschaft für mehr Artenvielfalt und weniger Stickstoffbelastungen – für Timo Küntzle durchaus positive und zu würdigende Aspekte. ”Trotzdem müssen auch Biobauern düngen und, vor allem im Obst- und Weinbau, Pestizide ausbringen, da führt kein Weg dran vorbei”. Manche der verwendeten Mittel enthalten aber beispielsweise das Schwermetall Kupfer, aus dem sich durchaus Nachteile für Land und Boden ergeben können. Zudem darf nicht vergessen werden: Biologisch bestellte Äcker und Felder erzeugen deutlich geringere Erträge, weshalb es sehr viel mehr Land braucht, um die gleiche Menge an Feldfrüchten zu ernten, wie bei der konventionellen Landwirtschaft. Eine weltweite Umstellung der gesamten Landwirtschaft auf Bio-Standards würde dazu führen, dass sehr viel mehr Land benötigt würde, um alle satt zu machen. Die Alternative dazu wäre eine Änderung unserer Konsumgewohnheiten – eine Rückbesinnung auf mehr saisonale und regionale Erzeugnisse sowie deutlich weniger Fleischkonsum. Wie realistisch das ist, kann ein jeder für sich selbst entscheiden.

Kritisch bewertet Timo Küntzle auch die oft zur Allgemeingültigkeit erhobene Aussage, kleinere Bauernhöfe seien immer besser als größere. “Es kommt dabei nicht auf die Größe an, sondern auf die Art und Weise wie ein Hof bewirtschaftet wird,” sagt er und zitiert dabei ein Statement unseres heutigen Wirtschaftsministers Robert Habeck aus dem Jahr 2016. Dieser konterte damals einen Vorstoß seines grünen Partei-Kollegen Anton Hofreiter, die Massentierhaltung in Deutschland abschaffen zu wollen mit den Worten: “Du kannst auch zehn Kühe Scheiße halten”. Dies dürfte den Sachverhalt plakativ, aber auch eindrücklich verdeutlichen.

Timo und sein Erstlingswerk

Diesen und weiteren gängigen Vorurteilen und Stereotypen über die Landwirtschaft hat Timo Küntzle sein Buch “Landverstand” gewidmet, in dem er unaufgeregt und sachlich fundiert jedes der Argumente unter die Lupe nimmt und auf seinen Wahrheitsgehalt hin analysiert. Sein Fazit: „Wir Konsumenten blockieren ein nachhaltigeres globales Ernährungssystem, indem wir der Landwirtschaft einen Mühlstein aus Vorurteilen, Denkverboten und widersprüchlichen Wünschen um den Hals hängen.“ Was er uns allen gerne mit auf den Weg geben würde, wollen wir abschließend noch von ihm wissen.. “Ich würde mir wünschen, dass wir jenen misstrauen die einfache Botschaften verschicken und uns zudem ganz nüchtern und rational alle Werkzeuge der Landwirtschaft anschauen und bewerten.”

Es geht ihm nicht darum die Landwirtschaft in ihrem Ist-Zustand stoisch zu verteidigen – auch diese Branche muss sich stetig weiterentwickeln, sich den Erfordernissen einer jeden Zeit anpassen. Es geht vielmehr darum Pathos und Emotionalität aus der Debatte zu nehmen, Stereotype zu hinterfragen und den Bezug der Menschen zur Landwirtschaft wiederherzustellen – offen, nachvollziehbar und faktenbasiert.

Weitere Infos finden Sie auch unter landverstand.net

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1 Gedanke zu „“Ein Bauer hat kein Interesse daran, sein Land zu vergiften”“

  1. Bio, Bio,generell nur 50 % kann gegenüber der konventionellen Landwirtschaft geerntet werden,
    Und wenn, wie hier in der
    Nachbarschaft, 10ha,Kartoffel,Krautfäule, wegen Bio ohne Behandlung, konnte nicht geerntet werden, also null Ertrag,!

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