Ein Abend im Eisernen Kreuz

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Korn, Kippe, Kotelett und Kinder – Essen gehen in den Achtzigern

von Stephan Gilliar

Wissen Sie, was mitunter das Beste an einer Kindheit in den Achtzigern war? Die sonntäglichen Ausflüge, die mit etwas Glück immer mit dem gemeinsamen Ausklang in der Wirtschaft endeten. Nachmittags wandern, ein Besuch im Tierpark, wenn es schlecht lief, in irgendeinem Museum … und danach: das, was mein Opa immer Einkehren nannte. Gaststättenbesuche auf dem Land waren damals die gemütlichste Sache der Welt. Jeder durfte sein, wie er sein wollte – in den unzähligen Löwen, Linden, Kronen und Ochsen meiner Jugend trafen tobende Kinder auf Stumpen paffende Opas, traf der Handwerker am Daddelkasten an der Wand auf die Piccolo-süffelnde Hausfrauen-Clique.

Unsere bevorzugte Wirtschaft war damals – aufgrund der fußläufig guten Erreichbarkeit (im Zusammenspiel mit Trollingerschorle oder dem Palmbräu-Kultbier Zornickel ein nicht ganz unwesentlicher Faktor) – das Gasthaus „Zum Eisernen Kreuz“ in der Rappenauer Straße in Eppingen. Eine uralte Eppinger Beiz nach alter Väter Sitte. Wenn ich mich recht erinnere, hieß die Wirtsfamilie namentlich Bichler, die hier jahrzehntelang die Stellung hielt. Eine Jubiläumsurkunde von Palmbräu an der Wand gratulierte schon 1980 zum 50-jährigen Bestehen der Gaststätte – demnach gab es das Eiserne Kreuz schon seit mindestens 1930.

Wie so unendlich viele andere Kneipen und Gasthäuser gibt es das Eiserne Kreuz schon sehr lange nicht mehr. Zwischenzeitlich wurde daraus privater Wohnraum. Das letzte Mal war das Gebäude 2019 aus eher traurigen Gründen in den Schlagzeilen. Ein Brandanschlag auf die Hausbewohner im Nachgang eines Konflikts während der Kneipennacht machte damals von sich reden.

Aber lassen Sie uns die triste gastronomische Realität einen Moment hinter uns lassen. Kommen Sie für einen Moment mit mir zurück in einen typischen Abend in einem Kraichgauer Wirtshaus vor 40 Jahren. Seien Sie mit mir ein paar Stunden Gast im alten Eisernen Kreuz.


Kratzen, Klappern, Kupferglanz

Gutmütig seufzt die alte, schwere Eichentür, als sie den Weg in die kleine Gaststube mit den tiefhängenden Decken freigibt. Die Klinke, glatt poliert von Hunderten, ach was, Tausenden Händen über all die Jahrzehnte – genau wie die Schwelle darunter. Aus dem Inneren der Wirtsstube dröhnt uns eine gleichermaßen chaotische wie fröhliche Mischung unzähliger Sinneseindrücke entgegen: das Kratzen scharrender Stuhlbeine auf dem alten Parkett, das Klappern von Geschirr und Besteck, das tiefe, sonore Gelächter der Männer am Stammtisch und das hochfrequente, heitere Glucksen der Damen. Dahinter eine Kakophonie der einfältigen Melodien aus den beiden Drehscheiben-Automaten an der Wand, gemischt mit diffusen Schlagern aus der Philips Philetta auf einem Brett über dem Handwaschbecken, das aus irgendeinem Grund mitten im Gastraum steht. Die Luft riecht schwer nach Schweineschmalz, Bierschaum und dem vereinten Dunst unzähliger Zigaretten, der in den fahlen Lichtkegeln der kupfernen Lampen mit dem gläsernen Palmbräu-Schriftzug darauf träge seine Pirouetten dreht. Ein Raum, der Geschichten erzählt – in dem unzählige Menschen seit Jahrzehnten zusammenkommen. Geschichten, die sich in den gelbstichigen Tapeten und den vernarbten, alten Holztischen niederschlagen … in den gummiartigen, mehr grau als grünen Pflanzen in den Fensternischen, die gelernt haben, mit wenig Licht und noch weniger Frischluft zurechtzukommen. An den Wänden alte Kupferschnitte des alten Eppingen, Jubiläumsurkunden, vergilbte Schnappschüsse längst verstorbener Stammgäste und abgedroschene Kneipenweisheiten – in eisernen Lettern auf furniertem Grund festgehalten.

Fix und Foxi für die Kleinen, Rumpsteak für die Großen

Wir setzen uns alle an die lang gezogenen Tische, die Kinder auf der einen Seite, die Erwachsenen am anderen Ende. Die speckige Speisekarte in ihrem Einband aus Lederimitat müssen wir Kleinen gar nicht erst konsultieren, unsere Wahl steht schon seit Stunden fest: Ein Schnitzel mit Pommes Frites, dazu Ketchup und bloß keinen Salat. Das Ganze so wunderschön wie einfallslos als „Fix und Foxi“ tituliert. Direkt nachdem unsere Wirtin die Bestellung aufgenommen hat – die Erwachsenen wählen Rumpsteak, Schnitzel oder Sauerbraten, kein Gericht schlägt mit mehr als zwölf Mark zu Buche – düsen wir Kinder bereits nach draußen, über die Lohgasse zum kleinen Park am Karlsplatz, dort, wo heute ein Kreisverkehr steht. Am anamorph geformten, immer wasserlosen Springbrunnen oder am Ufer der Hilsbach lässt sich die Wartezeit viel besser überbrücken.

Villiger-Zigarillos, gellender Pfiff und silberne Platten

Unsere Eltern lassen uns laufen, ohne einen weiteren Gedanken an uns zu verschwenden. Statt panisch die Helikopter-Rotoren heiß laufen zu lassen, sitzen sie beisammen in der Runde, ziehen an ihren Kurmark, ihren R6 oder – im Falle meines Opas – an seinem Villiger-Zigarillo mit dem elfenbeinfarbenen Mundstück. Dazu gibt’s Rotwein aus dem Römer mit der wuchtigen grünen Stehle und natürlich Bier aus der Tulpe. Immer wieder durchdringt lautes Lachen die Szene, öffnet sich quietschend die Türe und spült weitere Stammgäste in das Eiserne Kreuz, deren Begrüßungsrunde immer aus einem knappen Klopfen mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatten besteht.

In der Küche links des schmalen Flures, dessen Hintertür in die Badgasse mündet, dringt das kräftige Klopfen der Schnitzel – ein Geräusch, das mich auch noch heute sofort wieder acht Jahre alt werden und das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Irgendwann kommt dann das Essen. Dampfend, in riesigen Schüsseln und auf silbernen Platten. Eine, auf der sich Möhren, Blumenkohl und das, was früher einmal Erbsen gewesen sein müssen, tummeln, eine mit Kroketten und Fritten und schließlich die grünen Teller mit den verblassten Jagdmotiven, auf denen ein Stück Fleisch in tiefbrauner, sämiger Sauce schwimmt. Kollektives Ausdrücken der Zigaretten, ein schneller Gang meines Vaters an die Hintertür, gefolgt von einem gellenden Pfiff, der uns innerhalb von Sekundenbruchteilen vom Spielen an unsere Plätze zurückdrängen lässt. Dann dieser selige Moment, der erste Bissen, der mir auch noch heute Wärme aufsteigen lässt. Eine handgehaltene, in Bratensauce ertränkte Pommes – für mich heute noch lukullischer Himmel.

Pinocchio zum Abschluss, Schienbeintritte zum Dessert

Nach dem Festmahl, verschmierten Glasrändern, unterhalb derer Pegel eine Mischung aus Bluna, Sauce und Ketchup wabert, reichlich Schabernack und Blödsinn zu Tisch sowie den sicher folgenden, eher reflexhaften als ernst gemeinten Ermahnungen der Eltern, dann mit etwas Glück: Nachtisch. Zwei Kugeln Eis im schweren Metallbecher, mit dem man Ochsen erschlagen könnte. Auch Fix und Foxi folgt mit viel Glück Pinocchio.

Danach? Zu dunkel, um noch mal nach draußen zu dürfen. Stattdessen: Kartenhäuser aus Bierdeckeln bauen oder geschwisterliche Schienbeintritte unter dem Tisch, erneut gefolgt von angeheiterten, rauchgeschwängert elterlichen Ermahnungen. Die Stimmung im Raum – ein einziger herrlicher Hexenkessel. Das markige Männerlachen vom Stammtisch rollt nun häufiger und lauter durch die Szenerie, irgendwann abgelöst durch eine schräge, nicht unbedingt bühnentaugliche Version von „Weine nicht, kleine Eva“.

Während Eltern und Freunde zu Hochtouren auflaufen, fallen uns Kindern allmählich die Augen zu. Was heute spätestens ein Signal für die Notwendigkeit des gemeinsamen Aufbruchs wäre, war damals lediglich Anlass, den Kopf auf der Tischplatte abzulegen und einzuschlummern. Wie wir spät abends nach Hause gekommen sind – daran kann ich mich in keinem einzigen Fall mehr erinnern, wach habe ich diesen Zustand vermutlich nie erlebt.

Vergangene Wärme

Tja, so ungesund, frivol und pädagogisch fragwürdig ein solcher Gaststättenbesuch nach heutigen Verhältnissen auch sein mag – damals war’s ein heiß geliebtes, unkompliziertes und – mangels erhobener Zeigefinger – auch unschuldiges Ritual, das mir heute nicht nur gut im Gedächtnis verhaftet ist, sondern hin und wieder auch fehlt. Wann immer ich in Eppingen bin und am früheren Lokal vorbeischleiche, dessen schmucklose Fassade heute so gar nichts mehr von seiner bewegten Vergangenheit erzählen will, erinnere ich mich in jedem Fall immer sehr gerne an die langen, lauten und wunderbaren Abende im Eisernen Kreuz.

8 Kommentare zu „Ein Abend im Eisernen Kreuz“

  1. Vielen Dank für die Reise zurück in die gute alte Zeit. Auch bei kommen Erinnerungen hoch. Ich denke zurück in meine Kindheit und wie viele Wertschafta es domols in Gochza gab. Heute sind leider immer weniger Wertschafta üwwerich geblieben.
    Gut und deftig kann man in Gochza immer noch essa.. Das Lokal ist direkt in einer Kurve zu finden. Es hat von Mittwoch an geöffnet. Grund: Personalmagel und gesundheitliche Gründe. Schade eigentlich

  2. sehr gut – genau so war es auch bei uns…auch die Familienfeste, die in diese Lokalen so abgelaufen sind. Prima die Stimmung von „damals“ eingefangen. Irgendwie war man früher mit weniger zufrieden – vielleicht ist es auch nur der verklärte Blick in unsere (schöne) Kindheit.

  3. Ich kann mich noch gut an die Lautstärke erinnern wenn die Sportschau lief oder Bonanza usw. :-)
    Übrigens: die Wirtsfamilie hieß Biehler

    Ein Ex-Altstädtler grüßt

  4. Gerne, warum auch nicht ?
    Nur weil die eigene Vergangenheit evtl. weniger toll war, müssen andere deswegen nicht traurig dreinblicken :)

  5. Jedenfalls wäre heute jemand, der so seine Wirtschaft tituliert, schnell auf der „Verdachtsliste“.
    Es war eben vieles ein paar Stufen entspannter, damals in den 80ern…
    😉

  6. Wieder ein wunderbarer und treffender Artikel.
    Ich mußte beim Lesen öfters schmunzeln. Mein Highlight war damals, daß ich mir ein Cola, Fanta oder Spezi bestellen durfte :) , denn das gab es bei uns zu Hause nicht.
    Schade, daß immer mehr gut bürgerliche Gaststätten zumachen.

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