Tierarzt Francisco Landines aus Venezuela versorgt seit drei Jahren in seiner mobilen Praxis Haustiere und ihre Familien und begleitet sie auf ihrem Weg nicht selten bis zum letzten Atemzug.
Wenn ich die beiden Fotos vergleiche, die ich bei seinem ersten Besuch und bei seinem heutigen von Francisco geschossen habe, muss ich perplex feststellen: Dieser Mann wird offenbar nicht älter. Immer noch spannen die Muskeln den Stoff seines türkisblauen Arbeitshemds, blitzen die Zähne strahlend weiß, steht sein dichtes Haar wie vom Bildhauer gemeißelt. Und immer noch strahlt er diese Ruhe und Bodenständigkeit aus, um die ich ihn damals wie heute beneide.
Seit drei Jahren bereist er unsere Region mit seiner mobilen Tierarztpraxis, kommt direkt zu seinen Patienten nach Hause und versorgt sie genau dort, wo ihr Lebensmittelpunkt ist. Als er sich 2023 in dieses Abenteuer stürzte, war keineswegs klar, dass dieses Geschäftsmodell bei uns verfangen würde, aber genau das hat es getan. Bis zu zehn Termine pro Tag nimmt er wahr und fährt dabei mit seinem umgebauten Transporter, in dem sogar komplexe Operationen möglich sind, kreuz und quer durch die ganze Region. Auch wenn ihm damals keiner eine Garantie für das Gelingen dieses Unterfangens ausgestellt hätte, Francisco war immer klar: Das haut schon hin. „Ich war fest davon überzeugt, dass es klappt, weil die Kundschaft da war“, sagt er. „Die Nische, diese Lücke war sehr, sehr groß, aber keiner hat sich getraut.“

Francisco hat sich getraut, einen hohen Betrag in sein mobiles Behandlungszentrum investiert und sich im wahrsten Sinne des Wortes auf die Straße begeben. Die Kundschaft dankt es ihm, denn so viel steht fest: Für die Tiere ist diese Art des Tierarztbesuchs mit deutlich weniger Stress verbunden als bei Franciscos niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: keine Wartezeit in einem überfüllten Wartezimmer, in dem es ängstlich bellt, miaut und nicht selten hektisch zugeht, stattdessen Behandlung direkt in den eigenen vier Wänden oder, wenn es nötig wird, in Franciscos kleiner Praxis, die nicht selten direkt in der Einfahrt parkt.
Dafür sind Herrchen und Frauchen auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen, denn natürlich kommen zu den Behandlungskosten noch die Anfahrt und eine Pauschale für den Hausbesuch. Auf seiner Webseite schlüsselt Francisco diese Kosten ganz transparent auf: Je Doppelkilometer werden 3,50 Euro fällig, die Hausbesuchspauschale liegt bei knapp 45 Euro, dazu kommt die reguläre Rechnung eines Tierärztes nach der entsprechenden Gebührenordnung. Genau hier kommt Francisco seiner Kundschaft aber extrem entgegen und berechnet in den meisten Fällen den geringsten möglichen Satz, um die Rechnung in einem moderaten Bereich zu halten. „Ich will damit nicht reich werden“, stellt Francisco fest. „Ich brauche auch nicht viel, weil ich keine Mitarbeiter habe, mir reicht das.“
Als One-Man-Show erledigt er alles selbst: Anfahrt, Behandlung, Reinigung, Labor, Buchhaltung – eben die gesamten komplexen Begleiterscheinungen einer Selbstständigkeit. Im ersten Jahr war er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Achse; ab dem zweiten Jahr hat sich das Pensum dann so eingependelt, dass es für Francisco perfekt war. Den ersten Termin nimmt er meist um 8:00 Uhr wahr, den letzten um 17:00 Uhr. Danach widmet er sich all den Dingen, die ihm Freude machen – vorneweg Sport, Sport, Sport. Ein Blick auf das Foto genügt, um das augenblicklich und vorbehaltslos zu glauben.

Eigentlich kommt Francisco aus Valencia, der drittgrößten Stadt in Venezuela, und wusste bereits als Kind, was er später einmal werden möchte: Tierarzt, ohne Wenn und Aber. Im Unterschied zu vielen anderen Teenagern, die ebenfalls diesen Wunsch nach der obligatorischen Bibi-und-Tina-Phase äußern, hat er es aber tatsächlich durchgezogen. Direkt nach der Schule folgte das Studium der Veterinärmedizin in der Karibik, direkt am Palmenstrand. Vor 13 Jahren dann der Umzug nach Deutschland, wo er zunächst eine Weile lang unter der Aufsicht anderer Veterinärmediziner in der Region arbeitete, bis seine Approbation in Deutschland anerkannt wurde.
Statt sich irgendwo niederzulassen, zog es den immer fröhlichen, immer optimistischen Venezolaner dorthin, wo die Musik spielt, dorthin, wo seine Patienten leben. Katzen, Hunde, Kleintiere – Francisco ist für alle da und hat zwischenzeitlich zu vielen kleinen und großen Stammkunden eine echte Beziehung aufgebaut. Das schließt die ganze Familie mit ein; nicht selten bleibt er noch zum Kaffee oder zum Kuchen, wurde vom Dienstleister zum Begleiter und schließlich zu einem echten Freund. „Ich genieße jeden Tag, ehrlich; egal was ich mache, ich bin geliebt und die Leute freuen sich, wenn ich da bin.“

Zu tun gibt es reichlich, und Franciscos Aufgaben könnten unterschiedlicher nicht sein: kleine Wehwehchen, Infektionen, Krankheiten, Operationen, Impfungen, Kastrationen – die ganze Besteckschublade eines Tierarztes eben. Zu den weniger schönen Aufgaben zählt aber auch die Begleitung seiner Patienten bis zum Ende ihres Weges. Das ist für keinen Tierarzt ein schönes Kapitel, aber eines, das eben dazugehört. Und auch hier ist Francisco für viele Herrchen und Frauchen die erste beziehungsweise letzte Wahl, denn seine kleine Praxis ermöglicht das ruhige und würdige Sterben eben genau dort, wo die Tiere geliebt wurden und gelebt haben. „Das ist nicht wie in einer Klinik oder irgendwo in einer Praxis, ein kalter Hinterraum, wo das alles für alle fremd ist“, weiß er. Doch es ist dennoch immer ein harter und schwieriger Moment, der ihn alles andere als kalt lässt. So erzählt er von Senioren, die ihm berichten, dass mit ihrem Tier der letzte verbleibende Freund geht, weil alle anderen bereits gestorben sind, und er berichtet mir von Familien, die Seite an Seite Abschied von ihrem geliebten Tier nehmen. „Letzte Woche war ich beim Hund, zwölf Jahre alt, und die Familie hat sogar ein Lied gemacht und es dann spielen lassen, während ich das Tier eingeschläfert habe.“
Solche Momente belasten ihn dann doch, aber am Ende des Tages sucht er seinen Ausgleich durch Bewegung. Vor allem das Golfen macht ihm Freude, alleine oder aber auch in der Gruppe, gemeinsam mit anderen. Francisco is auch deshalb so ein guter Begleiter, weil er eine innere Ruhe, eine Selbstsicherheit und eine Gelassenheit ausstrahlt, die man tatsächlich nicht häufig antrifft. Monty Pythons berühmtes „Always Look on the Bright Side of Life“ könnte er sich auf die muskulöse Brust tätowieren lassen; es ist weit mehr als nur ein Credo, es ist wie die Essenz seiner gesamten Persönlichkeit.

„Als Venezuelaner bist du immer positiv, wir haben so viele Sachen erlebt, so viele falsche oder schlechte Sachen erlebt, dass wir, egal wo es dunkel wird, immer schauen: Da ist Licht“, erzählt er von seiner Heimat, die er auch deswegen verlassen musste, weil es dort schlicht zu gefährlich war. Seit 13 Jahren war er nicht mehr zu Hause, dabei liebt er Venezuela und hält es für das schönste Land der Welt. Doch nun dorthin zu reisen, kommt für ihn noch nicht infrage: Er müsse nur an einen korrupten Polizisten oder Grenzbeamten geraten, schon sei der Pass weg und der Rückweg versperrt, dafür trage er zu viel Verantwortung hier bei uns, erzählt Francisco ernst. Die Intervention der USA in seinem Land vor wenigen Monaten hält er daher in der Sache für aussichtsreich und hofft auf sichere und stabile Verhältnisse in seiner Heimat, damit er sie eines Tages wiedersehen kann – das würde er sich sehr wünschen.
Und bis dahin? Hat er noch viel vor und viele kleine und große Patienten, die seine Hilfe brauchen. Aktuell sucht er nach einem Haus für sich, das groß genug ist, um zumindest einen kleinen Behandlungsraum einzurichten, besonders für jene Patienten, die außerhalb seines mobilen Gebietes liegen und noch selbst zu ihm reisen. Das müssten sie eigentlich nicht tun, denn es gibt natürlich andere Tierärzte im Umland, doch tatsächlich hat er ein paar sehr treue Kunden, die lieber den Weg zu ihm auf sich nehmen, als ganz auf ihn verzichten zu müssen. Deswegen plant er, das ausschließlich auf Mobilität ausgelegte Konzept zugunsten zweier halbstationärer Tage in einer bis dahin noch zu findenden kleinen Praxis aufzuweichen. Sein Herz schlägt aber auf der Straße, denn wenn der Prophet nicht zum Berg kommen kann, dann muss man den Spieß eben einfach umdrehen. Und eines steht unumstößlich fest: Wenn Francisco gebraucht wird, dann kommt er auch und ist nur einen kurzen Anruf entfernt.