Das alte Bretten segelt derzeit durch unruhige Gewässer. Die angespannte Haushaltslage und der Tiefschlag der angekündigten Werksschließung von Neff lassen Rathaus und Oberbürgermeister Nico Morast einfach nicht zur Ruhe kommen.
von Stephan Gilliar
Eigentlich kennt man Nico Morast als Frohnatur, besonders sein Lächeln, das immer das ganze Gesicht erfasst, ist schon fast so etwas wie sein Markenzeichen geworden. Wenn man mit ihm aber über die derzeitigen Probleme jener Stadt spricht, deren Geschicke er seit Herbst 2024 lenkt, wird sein Blick sehr ernst. Wie bei so vielen anderen Städten und Kommunen im Land ist es um die Brettener Finanzen nicht gut bestellt – der Schuldenberg der Stadt wird voraussichtlich in diesem Jahr um rund acht Millionen Euro anwachsen. Die Stadt steht vor einer enormen Herausforderung im Ergebnishaushalt, da die laufenden Kosten die Erträge weit übersteigen. Große Investitionsprojekte führen zu einer signifikanten Neuverschuldung. Allein die aufwändige Sanierung der Pforzheimer Straße und der Weißhofer Straße schlägt mit knapp vier Millionen Euro zu Buche, schon fast Peanuts im Vergleich zu den Kosten, die durch die Sanierung der Schwandorf-Grundschule in Diedelsheim anfallen; hier wird mit einem zweistelligen Millionenbetrag kalkuliert. Auch am Melanchthon-Gymnasium fallen kostspielige Arbeiten an, ein weiteres Puzzleteil im umfangreichen Sanierungsplan der Stadt. Erst Ende vergangenen Jahres wurde der etwa sieben Millionen Euro teure Umbau der Jahnhalle und der Hebelschule abgeschlossen. Und auch die Sanierung und Aufwertung des Areals in der Sporgasse werfen längst ihre Schatten voraus, ein Thema, über das wir in Kürze noch einmal gesondert berichten.
Nico Morast betont im Gespräch mit unserer Redaktion, dass politische Entscheidungen immer auch mit der Setzung von Prioritäten verbunden sind. So könne es eben vorkommen, dass Investitionen in den Bildungsbereich an anderer Stelle zu Verzögerungen bei weniger dringlichen Vorhaben führen. Diese Transparenz und Klarheit gegenüber den Bürgern sei ihm ein wichtiges Anliegen. Dennoch soll nicht überall gekürzt werden, wo dies vielleicht leicht möglich wäre, denn manche Dinge sind für Nico Morast nicht wirklich verhandelbar: „Eines habe ich bislang bewusst noch nicht angestoßen, das ist nämlich eine Überprüfung der Freiwilligkeitsleistungen. Weil wir müssen einfach wissen: In unseren Vereinen, im Ehrenamt, wird so dermaßen viel für unsere Stadtgesellschaft geleistet. Und deshalb ist das Geld in diesen Bereichen auch ganz besonders gut angelegt …“
An dieser Stelle möchte die Stadt derzeit bewusst nicht den Rotstift ansetzen, Nico Morast wünscht sich, dass das auch so bleiben kann: „… ich hoffe, dass wir durch eine disziplinierte Haushaltsführung, durch eine ausgesprochene Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, durch das Ringen nach günstigeren Lösungen zunächst um diese Themen noch herumkommen. Das heißt aber ganz klar: Wir müssen den Gürtel enger schnallen, und auch nicht alles, was wünschenswert wäre, ist umsetzbar.“

Ein besonders markantes Beispiel für ein solch wünschenswertes, aber nicht umsetzbares Projekt war die geplante, letztlich aber abgeblasene Gartenschau in Bretten. Morast begründet dies mit der Notwendigkeit, vernünftige und nachhaltige Wege zu wählen, anstatt riskante Projekte zu verfolgen, deren Auswirkungen die Stadt noch über Jahre belasten könnten. Stabilität und finanzielle Verantwortung stünden für ihn im Vordergrund.
Doch von echter Stabilität ist die alte Stadt derzeit weit entfernt, bei Weitem nicht nur ein hausgemachtes Problem, sondern auch handfeste Folge von Entscheidungen, die an ganz anderer Stelle getroffen worden sind – Entscheidungen, die Nico Morast weder nachvollziehen noch akzeptieren kann. Die Rede ist natürlich vom großen Schicksalsschlag der Stadt, der Bretten im vergangenen Oktober ereilt hat: die angekündigte Schließung des großen Neff-Werks. 2028 soll der traditionsreiche Standort in Bretten ersatzlos wegfallen, rund 1.000 Mitarbeitende werden spätestens dann ihren Job verlieren – mindestens. Denn für Nico Morast ist dies nur der erste Dominostein, der auch andere umwerfen wird: „Hinter jedem Arbeitsplatz stehen Familieneinkommen, stehen Kinder, und deshalb bereitet mir das schon Sorge, weil von den 1.000 direkt betroffenen Arbeitsplätzen natürlich auch in der Folge sehr viele Zulieferer und andere Bereiche mit dranhängen. Deshalb gehe ich nicht von 1000 Arbeitsplätzen aus, die wegfallen, sondern insgesamt von bis zu 3000 Arbeitsplätzen.“
Spätestens bei diesem Thema angekommen, ist in der Stimme des Oberbürgermeisters unüberhörbar auch Bitterkeit zu spüren. Für Nico Morast ergibt die Schließung des Standortes in Bretten absolut keinen Sinn, denn nach seinen Informationen erwirtschaftete dieser keineswegs rote Zahlen oder befand sich in einem Zustand, dessen logische Konsequenz nur die Schließung hätte sein können: „Also, man muss wissen: Neff Bretten schreibt tiefschwarze Zahlen und erwirtschaftet Gewinne. Deshalb ist diese Konzernentscheidung in dieser Tragweite für uns auch nicht schlüssig und nicht nachvollziehbar. Natürlich können wir als Stadt nur versuchen, durch Rahmenbedingungen und durch Gespräche auch Möglichkeiten aufzuzeigen. Aber dazu muss natürlich bei der Konzernleitung erst die Bereitschaft bestehen, dass man gemeinsam nach Lösungen sucht.“
Zufriedengeben will sich Nico Morast mit der fatalen Entscheidung zu Ungunsten des Standortes in Bretten nicht, zieht alle Register, um die Auswirkungen zumindest abzumildern. Etwas Hoffnung gibt dabei der Blick zurück, denn vor einigen Jahrzehnten stand es schon einmal schlecht um Neff in Bretten bestellt: „… wir hatten ja schon mal das drohende Aus von Neff in Bretten, nämlich in den 80er-Jahren. Und ich bin da natürlich auch in engem Austausch gewesen mit meinem Vorvorgänger, mit dem Paul Metzger, der damals beherzt zugegriffen und einfach die kommunalen Rahmenbedingungen so gestaltet hat, dass es hier eine Zukunft gab.“ Doch das waren die Achtziger, nicht zu vergleichen mit den heutigen Umständen und der aktuellen Wirtschaftslage, das weiß auch Nico Morast und räumt ein: „… wir haben heute in einer globalisierten Welt gänzlich andere Rahmenbedingungen, wo wir als Kommune gar nicht diese Einflussmöglichkeiten haben.“ Dennoch, auch wenn das Aus an der Ruiter Straße unabwendbar scheint, will der OB sich weiter auf die Hinterbeine stellen, für die Mitarbeitenden und letztlich damit für seine Stadt kämpfen.
Zumindest ein Aspekt, selbst bei Eintreffen des Worst-Case-Szenarios, dürfte offenbar nicht ganz so schmerzhaft ins Gewicht fallen, wie man annehmen könnte. Auch wenn Neff ein großer Arbeitgeber und ein großer Player im Industriesektor ist – für die Steuereinnahmen der Stadt scheint dies nicht zwangsläufig den Supergau zu bedeuten, wie Nico Morast diplomatisch angedeutet hat: „Ich unterliege dem Steuergeheimnis. Aber man muss auch wissen: Wir sind sehr froh, dass wir einen tollen Branchenmix haben. Und dass wir alteingesessene Brettener Unternehmen haben, die auch familiengeführt sind und einen guten Branchenmix, sodass wir nach wie vor gute Gewerbesteuereinnahmen haben. Und es ist nicht gesagt, dass die größten Konzerne automatisch auch die höchste Gewerbesteuer bezahlen.“
Doch was, wenn, wie befürchtet, alle Stricke reißen? Was plant die Stadt Bretten im Falle der vollständigen Schließung? Auch hier gibt sich der Oberbürgermeister kämpferisch und fokussiert: „… in dem Moment, wo man sich mit Plan B beschäftigt, konzentriert man sich nicht mehr auf Plan A. Deshalb hat Plan A Priorität, und unser Ziel ist es nach wie vor, hier am Standort möglichst viel noch entsprechend zu erhalten.“

Also ich mache seit Jahren immer mehr Löcher in meinen Gürtel, damit ich ihn enger schnallen kann.
Nur, wie weit soll das noch gehen?
Irgendwann kommt die Schnalle von der anderen Seite…und dann?
Wann kapieren die Leute endlich, dass das alles Folgen des ungezähmten Kapitalismus sind😱
Bringt halt nix, die Dinge nur schön zu reden.