Dorfdisse Deluxe

| ,

Es gibt nicht mehr viele Dorfkneipen da draußen im Kraichgau… In Menzingen steht mit der Endstation aber noch eine vom guten alten Schlag

Endstation… was für ein Wort. Klingt so ein bisschen wie „Sendeschluss“, auch so eine Vokabel, die man heute nicht mehr oft zu hören bekommt. Nicht in einer Welt, in der es immer hektisch und ohne Unterlass weiter, weiter und noch mal weitergehen muss. Wer aber in Menzingen am Bahnhof steht, der weiß recht genau, warum die Kneipe vis-à-vis diesen Namen gewählt hat. Hier enden die Gleise der Stadtbahn an grün lackierten Prellböcken – bis hierhin und nicht weiter. In Menzingen ist eben Endstation.

Der andere Name, der direkt neben dem Kneipenschild hängt, lautet „Laubfrosch“. So heißt die angeschlossene Gastwirtschaft, die schon immer Schulter an Schulter das gastro-kulturelle Angebot am Menzinger Bahnhof geprägt hat. Wer sie schon einmal gefragt hat: „Warum zum Teufel Laubfrosch?“, die Antwort erschließt sich erst aus der Biografie des Kneipenwirts Martin. Der hat in seinem Vorleben nämlich Autos repariert, bevorzugt seine Lieblingsmarke Opel. In deren Heimat Rüsselsheim lief in den Zwanziger- und Dreißigerjahren ein giftgrünes Automobil vom Band, das technisch gesehen 4 PS hieß, im Volksmund aber sehr schnell Laubfrosch getauft wurde.

Mittlerweile schraubt Martin nur noch in seiner kaum noch vorhandenen Freizeit an Autos herum, ansonsten ist der Autodidakt mit dem Management gleich mehrerer Kneipen sowie neuerdings auch einem Campingplatz im ungarischen Hinterland ausgelastet. In die Kneipenbranche ist er gekommen wie die Jungfrau zum Kinde, durch schicksalhafte Verkettung und viel Zufall. Sein Vater kaufte 2016 das backsteinerne Gebäudeensemble am Menzinger Bahnhof – es sollte eine Absicherung für die eigene Rente werden, beinhaltete aber auch eine Kneipe nebst angeschlossenem Restaurant, beides seit Jahren leerstehend.

In Menzingen kennt man beides schon seit Ewigkeiten. 1920 öffnete hier das erste Wirtshaus, sogar ein Kino durften die Menzinger an dieser Stelle ihr Eigen nennen. Es fällt nicht schwer, das zu glauben: Das Innere ist einfach riesig, eine Art Kneipen-Kathedrale mit hohen Decken und altem Gebälk. Diverse Wirte haben hier über die Jahre ihr Glück versucht, manche erfolgreich, die meisten weniger erfolgreich. 2016 bat Martin also seinen alten Herren, ihm die Kneipe zu überlassen – er wolle hier sein Glück versuchen. Sein Vater entsprach diesem Wunsch, und so gründete Martin die „Rockbar Endstation“, für alle Freunde von harten Drinks und harten Gitarrenriffs.

Das passt, denn im Inneren sieht die Endstation aus wie eine Dorfkneipe vom guten alten Schlag: dunkel, verwinkelt, hier und da noch etwas rauchgeschwängert, knatschige Ledersesselecken, eine rustikale, gezielte Theke… Genau die Art von Lokalität, wo auch wir schon früher flaumbärtig den einen oder anderen Stiefel gekippt haben.

Was auf den ersten Blick so gar nicht passt, ist Martin selbst. Ich hatte mir eigentlich vorgestellt, einen tätowierten Schrank zu treffen, mit gegerbtem Gesicht und langer, zerzauster Mähne über einem Mötley Crüe-T-Shirt. Der Kerl, der mir gegenüber sitzt, entspricht aber mehr der Optik eines braven BWL-Studenten mit über der Brust zusammengeknotetem Lacoste-Pulli. Aber der Schein trügt. Tätowiert ist er trotzdem, im Herzen ein Rocker, und wenn es sein muss, drückt er sich auch nicht vor Konflikten, auch wenn sie handfest werden. Himmel, das muss er auch – das Management einer Dorfkneipe ist schließlich keine Paradiesapfel-Knabberei. Als er vor knapp zehn Jahren anfing, warenseine gastronomischen Kenntnisse eher abstrakter Natur. „Ich habe gar keine Ahnung gehabt, ich war selbst nur Gast, habe mein Bier getrunken und so, aber ich habe eigentlich alles von vorne lernen müssen, auf einen Schlag“, lacht er, als er sich an die eigene Blauäugigkeit zurückerinnert. Aber es sind genau jene mit den blauen Augen, die etwas wagen, die etwas versuchen, die etwas auf die Beine stellen – und damit Erfolg haben. Martin hatte Erfolg. Nach zahlreichen anfänglichen Schwierigkeiten lief der Kneipenbetrieb in der Endstation an. So gut, dass er sogar in Bruchsal noch zwei weitere Kneipen eröffnete, nebenbei einen eigenen Betrieb, der sich auf die Aufstellung von Automaten spezialisiert hat.

Während er auf Reisen ist, hält seine treue Weggefährtin Nastja in der Endstation die Stellung. Sie ist eine Kneipenperle, wie man sie sich nicht schöner vorstellen kann: resolut, direkt, herrlich schamlos und ein echter Kumpeltyp. Sie liebt die Arbeit vor und hinter dem Tresen, kennt ihr Publikum, hat sich die urig-dunkle Kaschemme am Bahnhof zur zweiten Heimat werden lassen.

Besagtes Publikum fällt übrigens äußerst heterogen aus: Es gibt die Dörfler direkt aus Menzingen, aber auch sehr viele, die von außerhalb kommen. Insbesondere die Dart-Spieler haben die Endstation als ihren Dreh- und Angelpunkt entdeckt. Überall in der Kneipe stehen Dartscheiben, alle ausgerichtet auf die strengen Regeln der Liga bzw. der Verbände, denn hier werden auch häufig Turniere ausgefochten. Allein ist Natia sowieso nicht, denn nur eine Tür weiter gibt es schließlich noch den Laubfrosch. Hier haben sich in den vergangenen Jahren gleich mehrere Wirtsfamilien die Klinke in die Hand gegeben – ein Umstand, der Martin natürlich nicht so recht passt, denn etwas mehr Beständigkeit wäre sowohl für ihn als auch für die Kundschaft von Vorteil.

Dennoch ist er guter Dinge, dass es diesmal klappen könnte. Seit Kurzem ist Tibor der neue Pächter im Frosch, ein waschechter Ungar, der zuvor in Bruchsal seine osteuropäische Hausmannskost in einem eigenen Imbiss im Industriegebiet zubereitet hat. Durch Zufall ist Martin auf ihn gestoßen, hat ein paar Mal quasi undercover bei ihm gegessen und Tibor irgendwann angesprochen: „Mensch, sag mal, dein Essen – das ist doch weit besser als Imbiss-Qualität! Hast du nicht Lust, ein richtiges Restaurant aufzuziehen?“ Tja, und Tibor hatte Lust. Jetzt steht der hünenhafte Ungar mit den faszinierenden grau-blau blitzenden Augen am Herd und kocht, so wie es ihm seine Oma und seine Mama beigebracht haben: deftiges Letscho, Szegediner Gulasch, große Schnitzel mit Paprikasauce und noch vieles mehr. Auch die Eisdiele im Laubfrosch soll wiederbelebt werden – die Kühltheke steht bereits vor Ort, dann können die Menzinger wieder Eis in der Tüte kaufen, mindestens acht Sorten, natürlich auch direkt auf die Hand über die Straße.

Martin zumindest ist sehr optimistisch, dass Tibor und das ungarische Reboot im Laubfrosch funktionieren werden: „Ich sehe da jetzt wirklich eine längere Zukunft, endlich mal, ja – mit einem, bei dem ich das Gefühl habe, das sollte eigentlich jetzt mal länger gehen.“ Er marschiert durch die Verbindungstür zurück ins Halbdunkel der Endstation, in der sein blonder Scheitel wie eine Fackel leuchtet.

Was bleibt, ist der Rat an alle, die noch eine echte Dorfkneipe kennen: Haltet sie fest. Orte wie die Endstation sind selten geworden – und genau das macht sie so wertvoll. Wer hier einkehrt, findet nicht nur gutes Essen und kalte Getränke, sondern ein Stück Heimat. Und die sollte man pflegen, solange es sie noch gibt.

3 Kommentare zu „Dorfdisse Deluxe“

  1. Kann eigentlich mal jemand herausfinden, was in Weiher mit dem Mirage los ist? Abgebrannt, ja. Aber steht das echt seit dem Brand leer? Jetzt gibts jo die Schneckenschänke, ja, aber was ist mit Erdnusstag??

Die Kommentare sind geschlossen.