Dieser letzte Blick durchbohrt mich noch heute

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Wie ich meinen ersten Wildunfall erlebte und was ich Euch deshalb mit auf den Weg geben möchte…

Wenn ich euch sage, dass ich mich an diesen Tag noch gut erinnern kann, ist das im Grunde nur die halbe Wahrheit. Ich kann mich an diesem Tag nicht nur erinnern… an diesen Abend und diesen einen Augenblick… ich könnte euch das ganze gar als lebensechtes Ölgemälde auf Leinwand malen, hätte ich die entsprechenden künstlerischen Fähigkeiten.

Dieser Herbstabend 2017 hat sich mir für immer ins Gedächtnis eingebrannt. Manche erfahrenen Landleute werden das vielleicht belächeln, für mich naives Dingelchen war es aber der erste handfeste Kontakt mit dem Tod, insbesondere weil er auch auf meine Kappe ging.

Es war einer dieser ganz typisch feuchten und nebligen Abende im Oktober, die einem noch nicht allzu kalten Herbsttag nachfolgten. In den Senken der Kraichgau-Täler hatte sich bereits dichter Nebel festgesetzt und die Scheinwerfer meines kleinen Autos schafften es kaum durch die Suppe zu dringen, mit dem Fernlicht wurde daraus sogar eine undurchdringliche Wand. Mein Kopf war schwer, nach einem Tag voller oberflächlicher und dämlicher Gespräche, jeder Menge passiver Aggressivität im Büro und überhaupt hätte es zu dieser Zeit wirklich etwas besser laufen können. Aus dem Autoradio schalt meine selbst zusammengestellte Selbstmitleid-CD mit den schönsten Schmacht-Liebesballaden aus den Neunzigern. Das weiß ich noch deshalb so genau, weil sich mir heute noch die Nackenhaare aufstellen, wenn ich “Ode to my family” von The Cranberries höre. (Frontfrau Dolores O’Riordan ist übrigens nur 3 Monate nach den Ereignissen dieser Oktober-Nacht tot in einer Hotel-Badewanne gefunden worden, aber das nur am Rande).

Jedenfalls, als Dolores gerade wieder mit dem Refrain ansetzen wollte (Doo doo doo do, doo doo doo do) passierte es. Aus dem Unterholz entlang der Gegenfahrbahn brachen zwei Rehe, um mit panisch aufgerissenen Augen die Straße zu überqueren. Ich weiß noch dass das Ganze einerseits wahnsinnig schnell passierte, ich andererseits aber doch zwei klare Gedanken im Kopf hatte: Zum einen wusste ich sofort, dass es auf jeden Fall zu einem Zusammenprall kommen würde. Zum anderen wusste ich aber auch, dass ich es nicht schaffen würde das Steuer gerade zu halten und direkt in die beiden hineinzufahren. Ihr werdet wahrscheinlich den Kopf schütteln und es ist auch nicht so dass ich vergessen hätte was man mir in der Fahrschule beigebracht hatte: Niemals das Lenkrad verreißen, sondern lieber frontal hinein fahren. Ich konnte es in diesem Moment aber einfach nicht und so schlug ich das Lenkrad hart nach rechts um zumindest keines der beiden Tiere mit Vollgas auf die Motorhaube zunehmen.

Mein kleines Auto traf das hintere der beiden Rehe mit der langen Seite, schlitterte weiter in den Straßengraben und stieß mit dem Kotflügel gegen einen dichten Busch. Der einzige Airbag in meinem Auto löste aus und danach wurde es fast ganz still. Fast, weil immer noch die Cranberries aus dem Autoradio dooo doooten. Ich drehte den Lautstärke-Knopf nach links und hörte danach nur noch mein eigenes Blut in meinem Kopf rauschen wie einen Wasserfall. Mein Herz hämmerte wie ein Presslufthammer, meine Hände zitterten und waren eiskalt, als ich den Gurt löste, den schlaffen Airbag zur Seite schob und über den Beifahrersitz kletternd ausstieg.

Neben dem Auto lag das Reh und starte mich schweigend aus großen, weit aufgerissenen Augen an. Ein paarmal hoben sich noch seine Flanken, dann hörte das schöne Tier auf zu atmen und starb, während ich mit zitternden Händen daneben kniete. Tränen liefen mir die Wangen herunter, denn obgleich ich wusste, dass es nicht im ureigensten Sinne des Wortes Schuld, tatsächlich auch meine Schuld war, ist dieses Tier doch wegen seiner Begegnung mit mir heute Abend gestorben. Wäre ich nicht so in Gedanken versunken, hätte ich das Rascheln im Unterholz vielleicht früher, vielleicht noch rechtzeitig bemerkt.

Ich weiß nicht genau, wie lange ich neben dem so endgültig stillen Kadaver kniete, aber irgendwann hielt ein Auto auf der Straße an und ein Mann und eine Frau stürzten auf mich zu. Die beiden regelten all das, was ich eigentlich hätte regeln sollen. Sie informierten den Jagdpächter, die Polizei und den Abschleppdienst.

Info-Link: Tipps des ADAC zum richtigen Verhalten bei Wildunfällen

Was ich euch von diesem Abend noch erzählen kann, passt vermutlich auf eine Serviette. Mein kleines Auto hätte repariert werden können, ich wollte es aber nach diesem Unfall nicht mehr haben und überließ es einem Schrotthändler für den berühmten Appel und das Ei. Ich selbst habe bis auf eine kleine Zerrung im Nacken keinerlei Blessuren davongetragen, fahre aber seither sehr viel aufmerksamer als ich es jemals zuvor getan habe. Wie oft hatte ich das Gefühl, wenn in meinem kleinen Auto Musik lief und das Land vor den Fenstern vorbei zog, in einem kleinen abgeschotteten Refugium zu sitzen, das keinerlei Berührungspunkte mit der Welt da draußen hat. Das war ein fataler Irrtum. Es muss uns allen klar sein dass wir im leichtesten Fall mehrere hundert Kilo und im schwersten Fall sogar mehrere Tonnen an rasant beschleunigter Masse durch die Gegend bewegen, die im Falle einer Kollision jedes zarte Leben aus jedem zerbrechlichen Körpern katapultieren kann. Es ist eine große Verantwortung ein solches Fahrzeug zu führen und wir sollten dieser Verantwortung gerecht werden, in dem wir in jedem Moment wachsam und achtsam bleiben.

An diesem Abend hat die Begegnung meines Fahrzeuges, mir und des Rehs “nur” ein tierisches Todesopfer gefordert… Was aber wenn es ein Kind gewesen wäre, dass unbedarft hinter einem Schulbus hervor springt. Fahren wir an solchen wirklich immer mit langsamster Schrittgeschwindigkeit vorbei oder werfen wir bei jedem Abbiegevorgang wirklich korrekt den Blick über die Schulter um auch jeden Radfahrer ausmachen zu können? Selbst wenn wir dies alles machen, kann es dennoch immer wieder zu Situationen kommen die unvorhersehbar und manchmal auch nicht kontrollierbar sind. Wer sich über alle Risiken im Straßenverkehr den Kopf zerbricht, wird vermutlich nicht mehr in der Lage sein sich jemals wieder hinters Steuer zu setzen.

Was ich Ihnen mit dieser kleinen Geschichte mit auf den Weg geben möchte? Machen Sie sich einfach hin und wieder bewusst, wie schnell sich auf der Straße Umstände ändern können. Im einen Moment hörst du noch deine Lieblings-CD und kochst in Gedanken bereits dein Lieblingsgericht zum Abendessen und im nächsten Moment blickst du in die leeren Augen jenes Geschöpfes, das gerade mitunter durch deine Unachtsamkeit sein Leben lassen musste.

Ein Erfahrungsbericht von Hügelhelden-Mitarbeiterin Lara Döhring

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