Die Schickerisierung Bruchsals

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Megatrendy – Sexy – Bruchsal. Die Transformation des liebenswürdigen, gemütlichen good old Brusl zur modernen influencable, goated, hot-lit-shitty City läuft. Oder vielleicht doch nicht?

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Ladies and Gentlemen, es folgt eine Durchsage eines alten weißen Herren, der von goldenen, längst vergangenen Zeiten spricht. Gääähn. Naja, das klingt ein bisschen drastisch, so alt fühle ich mich mit Mitte vierzig nun auch noch nicht, aber andererseits auch nicht mehr so jung und schön, um geschmeidig-organisch mit den frischen Knospen der Bruchsaler New-Age-Allüren verschmelzen zu können. Aber hey, es gilt, aufgeschlossen zu bleiben, schließlich wollen wir verstehen, was in der Region los ist – das wäre zumindest imho eine ganz gute Grundlage, bevor man darüber schreibt. Also ab an den Kleiderschrank, den lockersten Fummel übergeworfen, den die Mottenkiste zu bieten hat (V-Neck-Shirt und Sakko – wie geil ist das denn bitte) und ab ins Atrium, direkt am Fuße des altehrwürdigen Bergfrieds, der an diesem Abend in grellem Pink erstrahlt.

Wer könnte aber auch einer Einladung bei Instagram widerstehen, die mit so vielen Hashtags versehen ist, dass einem schon ganz blau vor Augen wird. Wenn Bruchsals hauseigene Entertainer von der BTMV – neuerdings auch um das assimilierte Stadtmarketing reicher – mit eiskalten Drinks, Easy Payment, Smooth und Groovy Beats, Techno-treffender House-Mucke sowie Beats statt Büro, Drinks statt Deadlines locken, dann ist das natürlich ein No-Brainer. Dazu gibt’s auch noch 100 % Stimmungsgarantie, Herrschaften – was will man mehr?

Also ab in den Hexenkessel, passt ganz gut zum Atrium, das so ein bisschen wie eine römische Arena daherkommt. Reichlich Sitzplätze, um dem tanzenden Volk beim… naja, sagen wir „Tanzen“ zuzuschauen. Reichlich Rhythmus kommt dafür von der DJ-Kanzel, allerdings nach meinem Dafürhalten komplett jeglicher Melodik beraubt. Aber vielleicht gehört das so – DJ Nummer 1v3 hat via Insta jedenfalls im Vorfeld den „krassesten Abriss ever“ in Aussicht gestellt und sein Kollege, dessen Name wie der Vorschlag für ein ultrassicheres Passwort daher kommt bestätigt seinerseits, man wolle „geisteskrank abreisen“ – oder abreißen? Wurschti, ich weiß weder, was das eine noch das andere zu bedeuten hat. Bei mir fangen die alten Synapsen leider nur dann an zu glühen, wenn James Hetfield, Brian Johnson oder Bret Michaels ins Mikro brüllen, doch das Publikum, das hier heute Abend im Atrium tanzt, entspringt eher deren (zu Teilen selbst gezeugten) Enkelgeneration. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen, wenngleich mich die „Musik“ eher an die Kakophonie erinnert, die damals aus den Boom-Boxen der Rummel-Autoscooter quoll.

Wild und beißend breitet sich der Sound, vermischt mit reichlich Nebel und zuckenden Lichtern, über der wogenden Menge aus. Das Atrium ist voll, die Show trifft definitiv einen Nerv. Aber während ich mir aus der Ferne anschaue, wie Hobby-Models mit langen glitzernden Fingernägeln an leuchtend orangenen Longdrinks nippen, postmoderne Nachwuchs-Yuppies am VIP-Table die Funkfernbedienungen ihrer SUVs um den Finger kreisen lassen, frage ich mich verwundert, ob das wirklich Bruchsal ist. Oder ist das Bruchsal, wie es sich manche vorstellen oder wünschen? Verstehen Sie mich nicht falsch, die Veranstaltung scheint ein Erfolg, viele Menschen genießen es hier zu feiern, insofern alles paletti. Aber irgendwie erinnert mich die Szene mehr an meine Zeit in den großen Metropolen dieses Landes, die zugegeben schon eine Weile her ist. Wie ein Abend im gemütlichen Bruchsal, fühlt sich das aber nicht an.

Wissen Sie, was mir in dieser Stadt immer am besten gefallen hat? Dass sie sich nicht so furchtbar ernst und wichtig genommen hat. Man war das kleine Bruchsal, irgendwo zwischen Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg – und das war auch gut so. Jo, technisch gesehen war man eine “große” Kreisstadt, praktisch gesehen aber Provinz – und das im schönsten Sinne des Wortes. Von den extravaganten Auswüchsen der Großstadt verschont, voll gepackt mit pragmatischen und gemütlichen Eigenbrötlern. Es war alles immer so herrlich unkompliziert. Bierchen im Stehen beim Schlossfest oder am Belvedere, im Sitzen in der Brezel oder im Journee. Ungehemmtes Babble in der Sauna, Bockwurst auf dem Wochenmarkt, Grillen am Baggersee. Vieles davon geht immer noch, aber längst nicht mehr alles – und ich werde den Eindruck nicht los, dass einem die eigene Einfachheit mittlerweile irgendwie peinlich geworden ist.

Schee wars früher – Das Schlossfest in Bruchsal / Archivbild

Ums Verrecken scheint sich Bruchsal irgendwie zu Größerem berufen zu fühlen, wirft reichlich mit in Superlativen gekleideten Wunschvorstellungen um sich. Auf dem alten Uni-Campus soll die Mobilität von morgen schon heute erforscht werden, man ist stolz wie Bolle über die Entwicklung von Flugtaxis im „Technologiedorf“ und Highend-Smartphone-Displays im „Technopark“. Dazu mondäne Spitzenkultur höchster Güte vor der Kulisse des Schlosses mit Opernstars und ganzen Orchester-Ensembles. Na schön, aber wissen Sie, was aus all dem geworden ist? In der richtigen Reihenfolge: Abgewickelt, personeller Kahlschlag und Verkauf, liquidiert und finanzielle Bauchlandung.

Irgendwie bekommt man den Eindruck, „neu“ scheint für die mach treibende Kraft hinter Bruchsal-Zweipunktnull immer besser zu sein als „alt“. Das mag zwar in manchen Fällen stimmen, aber ganz sicher nicht in allen. Doch das Gras wächst eben nicht schneller, wenn man daran zieht – und nur der Wille allein lässt aus einer gemütlichen, verschlafenen Kleinstadt nicht über Nacht eine Metropole erwachsen. Leute, s´muss doch no basse! Die moderne und nagelneue Bahnstadt beispielsweise ist nach meinem Empfinden nicht ein Stadtteil Bruchsals wie jeder andere, sondern irgendwie ein Fremdkörper – in dessen hochpreisigen Wohnungen, übereinander gestapelt in einer modernen Interpretation der Platte, der Blick nur auf andere Wohnwürfel fällt. Fühlt sich nicht an wie Bruchsal – zumindest nicht für mich.

Ach ja, und während in Bruchsal Teile der klassischen Gastronomie vor sich hin darben, teilweise vor die Hunde (oder den Bären) gehen, werden Frischlinge über Gebühr gehypt, gefühlte fünf Minuten nach der Eröffnung bereits als Ankermieter der Innenstadt geadelt – deren einziger Skill es bislang ist, einfach nur neu zu sein. Wo viele dieser GameChanger heute sind? Tja, weg vom Fenster. Wer aber immer noch da ist, sind zum Beispiel Klassiker wie Diemers Imbiss, die Fabrik, die Bierbrezel oder der Holländer, die sich nicht permanent selbst neu erfinden zu müssen glauben.

Dass Bruchsal sich weiterentwickelt? Klare Sache, es gibt nur eine Richtung – immer nach vorne. War so, ist so, wird immer so sein. Aber Kinder, Eile mit Weile – und nichts erzwingen. Wir sind im Herzen noch keine Großstadt, wir sind einfach nur Brusl. Numme net huddle! Bei uns ist die Welt in Ordnung, bei uns ist es oifach mee wie schee – und des basst scho so. Also… macht voran, awa, macht koi Ferz!

Old White Man out – Mic Drop – ferddig.

8 Kommentare zu „Die Schickerisierung Bruchsals“

  1. Hilft das ALLES, der klammen Stadtkasse? Eher NICHT !Die Deutschen sind ein sehr sehr starkes Volk, sie tragen ohne zu murren, die Bären die ihnen die sogenannten Volkvertreter aufgebunden bekommen.
    NEIN, die Bahnstadt ist NICHT sexy ! Aber was soll’s. Bei der Betrachtung haben Sie den werdenden Busbahnhof übersehen. aber was nicht ist kann ja noch werden. Hoffen wir’s Beste.

  2. Mag sein, dass die Bahnstadt seelenlos ist. Teuer ist sie auch, keine Frage. Günstiger sind in Bruchsal aber allenfalls Bestandsverträge oder Erbeigentum.

    Als Zuzügler bezahlenbaren Wohnraum zu finden im „echten“ Bruchsal ist leider vollkommen unmöglich. Insofern ist die aktuelle Bahnstadt leider sogar noch zu wenig.

  3. Also entweder habe ich Tomaten auf den Augen oder
    Wahrnehmungsstörungen.Von der Kaiserstraße kommend
    Barbershop links Barbershop rechts Kochlöffel links Barbershop
    rechts.Indisches Restaurant rechts Chinesisch links dann wieder
    Barbershop rechts und Barbershop links West Eastern Shop, Döner
    Telefonladen.Dann in der Fußgängerzone Döner Döner
    1 € Shop.Gut es gibt noch das Pavillion und das Journal.
    Bahnhofsstraße Döner Döner Shishabar Spielhalle Döner Döner
    Eckshop Shishabar.Dann noch über das Stadtgebiet verteilt.
    Barbershop,Schnellpizza,Spielhalle. Lichtblicke gibt es, wie im Text
    erwähnt, diese werden aber immer weniger.
    Das ist nicht mehr mein Brusel. Und was sich hier weiterentwickelt,
    großes Fragezeichen.

  4. Also mir wird kein Bär aufgebunden…!
    Und zum Thema Bahnstadt kann ich nur sagen, dass in der Innenstadt schlichtweg nicht gebaut wird, somit ist die Bahnstadt die nächste Alternative für die auch lange gekämpft wurde bis sie umgesetzt werden konnte.
    Und übrigens sind Neubauten immer teurer als in die Jahre gekommenen Bauten mit uralten Mietverträgen.

  5. Das passiert in jeder anderen Stadt auch – aber da sind wir als Verbraucher selbst schuld, wenn wir nur noch online shoppen.

  6. Ja,genau – mit einem solchen Artikel und einer solchen Schreibe macht man genau das kaputt was mühevoll erarbeitet wurde. Ich bin zwar nicht Mitte Vierzig sonder eher eine Schippe älter. Ich habe in guten Jahren in Berlin unter der Siegessäule getanzt – auf genau diese Beats. Und genau das ist es was die über 40jährigen hier anzieht. Schon mal umgeschaut wie das Durchschnittsalter ist – richtig…definitiv deutlich Ü30! Lassen wir doch solche Stimmungsmache und gönnen den Menschen das was ihnen Spaß macht. Getreu dem Motto „erlaubt ist was gefällt“! Und wem es nicht gefällt, kann ja ne Abendwanderung machen oder daheim ein gutes Buch lesen!

  7. Lieber Herr Holzwurm, ich war schon eine Weile nicht mehr in Bruchsal, aber ich kenne das Problem der endlosen Barbershops, Nagelstudios und Smartphoneläden aus einer großen Landeshauptstadt. Hat denn irgendjemand geglaubt die Philosophie: „Ich bin doch nicht blöd, lasse mich im Fachgeschäft beraten und kaufe dann billig im Internet“ würde sich nicht auswirken? Das traurige Ergebnis beschreiben Sie jetzt.

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