Die Motoren-Stadt

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Am Rande Graben-Neudorfs entsteht durch die SEW gerade eine neue Fabrik, in der Menschen und intelligente Roboter Seite an Seite arbeiten sollen.

Wer vom Knotenpunkt zwischen B35 und B36 nach Graben-Neudorf abbiegt, der dürfte sich zunehmend verwundert die Augen reiben. Bevor die ersten Häuser der 12.000-Seelen-Gemeinde überhaupt erst in Sicht kommen, führt die Straße durch ein Gewerbegebiet, das man eher einer Großstadt zu schreiben würde, statt einem badischen Dorf am Rande des Kraichgau. Große, silberfarbene Gebäude ragen in der Sonne funkelnd rechts und links der Straße auf, eine bebaute Brücke spannt sich zwischen ihnen – überall wird gebaut, herrscht ungebrochene Betriebsamkeit. Zwar sind im Gewerbegebiet Streitgärten auch andere Unternehmen angesiedelt, doch ein Platzhirsch stiehlt hier allen die Show. Wer hier der dickste Fisch im Wasser ist, lässt sich unschwer übersehen. Überall prangen die drei großen Buchstaben in grellem Rot: SEW. Diese Abkürzung steht für die Süddeutschen-Elektromotoren-Werke, ein auf Antriebssysteme spezialisiertes Unternehmen, das Anfang der 30er Jahre in Bruchsal gegründet wurde. Seit 1971 wird der etwas sperrige Name abgekürzt und lautet seither SEW-EURODRIVE. Neben seinem Bruchsaler Standort ist das Unternehmen nicht erst seit gestern auch in Graben-Neudorf beheimatet. Bereits 1948 wurde hier der Grundstein für eine Fabrikanlage gelegt, einer der ersten von heute weltweit unzähligen Niederlassungen des Global Player. Zwischenzeitlich sorgen rund 18.000 Mitarbeiter bei SEW-EURODRIVE für einen jährlichen Umsatz von über drei Milliarden Euro – eine echte Erfolgsgeschichte – made in Brusl.

Kommen wir aber zurück nach Graben-Neudorf, denn hier ist SEW gerade dabei, das nächste Kapitel in seiner Unternehmensgeschichte aufzuschlagen. Auf der massiven Erweiterungsfläche des Geländes entsteht aktuell etwas, das man auch als Fabrikanlage von Morgen bezeichnen könnte. “Neubau Halle Nord” steht ganz nonchalant auf einem Bauschild an der Kreisstraße geschrieben. Hinter diesem Understatement verbirgt sich ein 150 Millionen Euro schweres Bauprojekt, welches SEW als “Smart Factory” bezeichnet. In dieser “Intelligenten Fabrik” soll nach dem Prinzip “Industrie 4.0” und “unter Berücksichtigung der Wertschöpfungsprinzipien One-Piece-Flow und Small-Factory-Unit” ein “Cyber Physical Production System” zum Einsatz kommen. Man könnte auch ganz lapidar und weit weniger englisch sagen: In dieser nagelneuen Fabrik arbeiten intelligente Produktionssysteme und Roboter Seite an Seite mit ihren menschlichen Kollegen. Die Produktion wird hier durch autonom arbeitende und von künstlicher Intelligenz optimierten Komponenten und Maschinen unterstützt. Ein Forschungsfeld in dem sich SEW intensiv engagiert – deshalb auch das Bruchsaler Forschungsprojekt efeuCampus unterstützt, das die autonome Güterlogistik revolutionieren soll. Wenn also künftig ein Roboter ihre Pakete ausliefert, dürfte SEW daran einen maßgeblichen Anteil gehabt haben.

Entgegen aller Ängste die mit der zunehmenden, automatisierten Fertigung in Fabrikanlagen einhergeht: Ersetzt werden sollen die menschlichen Arbeitskräfte in der neuen Halle Nord durch die autonomen Systeme nicht. “Mensch und Technik arbeiten Hand in Hand”, heißt es zumindest auf der zum Projekt gehörigen Webseite des Unternehmens. Im Antrag für die Erweiterung des Geländes und die Änderung des Bebauungsplanes anno 2013, prognostizierte das Unternehmen gegenüber dem Gemeinderat Graben-Neudorf noch 600 bis 700 Arbeitsplätze in der neuen Halle Nord, mittlerweile wurde die Prognose offenbar deutlich angehoben und auf 1000 potentielle Arbeitsplätze ausgeweitet, so SEW-Geschäftsführer Johann Soder gegenüber den BNN. Noch rund zwei Jahre dauern die Bauarbeiten am Rande Graben-Neudorfs, danach soll die neue “Smart Factory” voll produktionsbereit sein.

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